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Die DHB-Party im Check Ein WM-Spiel, größer als das Ergebnis

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Juri Knorr - laut Definition ein Weltklassespieler.

(Foto: AP)

Hinten blockt die Abwehr und vernagelt ein überragender Andreas Wolff das Tor, vorn läuft der Angriff heiß: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft spielt sich im WM-Hauptrundenspiel gegen die Niederlande in einen Rausch und belohnt sich mit dem Einzug ins Viertelfinale. Das erinnert an den letzten großen Triumph.

Was ist da im Spodek in Katowice passiert?

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft schlägt die Niederlande mit 33:26 und macht damit vorzeitig den Einzug ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Polen und Schweden klar. Damit darf das Team von Bundestrainer Alfred Gislason am kommenden Mittwoch endlich wieder ein K.-o.-Spiel bei einer Welt- oder Europameisterschaft bestreiten: 2019 war das letzte Mal, gegen Norwegen setzte es damals eine klare Pleite im Halbfinale der Heim-WM.

Nun hat man sich nach komplizierten Jahren also endlich wieder ein großes Spiel erspielt in diesem inoffiziellen Achtelfinale. Und das durchaus beeindruckend: Mit einem Andreas Wolff, der sich in die Form der Europameisterschaft 2016 brachte. Einer Abwehr, die den kleinen niederländischen Rückraum schlicht in kraftvoller Handarbeit zerschellen ließ und einem Angriff, der irgendwann zur Effizienz fand und auf alle erdenklichen Arten und Weisen Tor um Tor produzierte.

"Ich erlebe die Mannschaft wieder so unbekümmert wie damals 2016", sagte der langjährige DHB-Vizepräsident, damals einer der Architekten des sensationellen Erfolges zu ntv.de. Diesmal kam im ersten gefühlten K.-o.-Spiel dieser Generation auch noch eine große Portion Überzeugung dazu, die sich in den ersten vier Spielen angesammelt hatte.

Die Niederlande, eines der spannendsten Projekte im Welthandball aktuell, hatte sich zuvor mit starken Leistungen in eine Position gespielt, Deutschland auf höchstem Niveau ärgern zu können. Doch das gelang an diesem Abend nur eine halbe Halbzeit lang. Hatte man Geheimfavorit Norwegen noch einen halben Schritt weiter als nur am Rande einer Niederlage, gingen sie gegen eine effiziente deutsche Mannschaft ab Ende der ersten Hälfte einfach unter: 33:26 hieß es am Ende. Für Deutschland.

Wer ist der Spieler des Spiels?

Zehn Minuten dauerte es, dann wurde klar, wer dieses Spiel bestimmen wird. Bis dahin wechselten sich die Teams mit ihren Toren beinahe ab, doch in der elften Minute trat einer an, den Niederländern die Laune zu verhageln: Andreas Wolff. Beim ersten Siebenmeter für den Gegner durch Kay Smits vernagelte er das Tor, hielt mit dem linken Knie. Ein Urschrei brach aus ihm heraus, es war klar, wer die Herrschaft über dieses Spiel übernehmen will.

Ab da ging es immer so weiter, die Niederländer liefen an, doch der deutsche Schlussmann, der nur 120 Kilometer entfernt von der Halle beim Spitzenklub Vive Kielce spielt, war zur Stelle. Und war er es ausnahmsweise mal nicht, hatte er das Glück auf seiner Seite und der Pfosten klärte für ihn. Meist aber war er es. 17 Paraden, davon drei gehaltene Siebenmeter - Wolff schien an diesem Abend fast unbezwingbar. 43 Prozent beträgt seine Fangquote im Spiel, dabei brauchte es einen statistischen Beweis für seine Weltklasse gar nicht. Zu offensichtlich war diese gegen die Niederlande. Wer da zum Spieler des Spiels gewählt wurde, ist nur folgerichtig: Andreas Wolff. Natürlich.

Was ist die Szene des Spiels?

In den wilden ersten Minuten bemühten sich beide Teams nach Kräften, Bälle wegzuschmeißen oder an Pfosten und Latte zu nageln. Es war ein wildes Gerenne, die Niederlande führten schnell mit zwei Toren. Viel Nervosität war im Spiel. Deutschlands Spielmacher Juri Knorr tat sich schwer, Ordnung ins Angriffsspiel zu bringen, leistete sich selbst Abspielfehler und Fehlwürfe. Die deutsche Handball-Legende Martin Schwalb sagte als Trainer der Rhein-Neckar Löwen mal, dass ein Weltklassespieler der sei, der die ersten drei Würfe versiebt und danach trotzdem noch eine starke Leistung abliefert.

Nach Schwalbs Definition ist Knorr ein Weltklassespieler, spätestens ab der elften Minute. Da hielt Andreas Wolff seinen ersten Siebenmeter und leitete damit seine eigene Weltklasseleistung ein, im Gegenzug traf Knorr vom Strich. Und blieb dran. Unermüdlich. Nicht fehlerfrei, aber mit zunehmender Effizienz in Vorlage und Abschluss. Das Spiel kam in geordnete Bahnen. Zumindest aus deutscher Sicht. Weil der Spielmacher es nicht aus der Hand gab. Es war der erste große Stresstest für den Regisseur in diesem Turnier. Bestanden.

Wie war's in der Halle?

Laut, sehr, sehr laut. Das ist es beim Handball immer, aber in den besten Momenten des Spiels schaffen es die Zuschauer, die permanente Kirmes-Techno-Beschallung zu übertönen und für wirklich große und nicht für künstlich große Atmosphäre zu sorgen. Wie sie zu großen Spielen eben gehört. Auch der entfesselteste Event-DJ kann dann gar nicht mehr tief genug in sein prall gefülltes Döpdöpdöp-Köfferchen greifen, um die Stimmung mit den ewig gleichen Bummbumm-Beats aus den europäischen Neunzigern wegzupusten. In Katowice war man lauter als die Party.

Zum ersten Mal war im altehrwürdigen, eigentlich so stimmungsvollen Spodek auch eine nennenswerte Kulisse versammelt. Und man muss sie ja nur machen lassen. Die Menschen haben ein Gespür dafür, was passiert. Man muss ja gar nicht über jede freie Sekunde einen Beat drüber bügeln. Die Leute kümmern sich um ihre Stimmung schon gut selbst.

Weil jedes Tor gefeiert wurde wie das erste und das letzte, weil es um mehr ging als um einen schönen Abend - und weil die deutsche Mannschaft früh die deutsche Mehrheit unter den 6000 Fans zum Faktor machen wollte. Allen voran Spielmacher Juri Knorr, der sich nach jedem Treffer Feedback von den Rängen einforderte und es bekam. Und so sprangen sie auf und schrien. Ohne Aufforderung, ohne Anleitung. Weil die deutsche Mannschaft irgendwann immer zur rechten Zeit traf, weil Andreas Wolff alles hielt. Und weil das, was man bei diesem Handballspiel spürte, ausnahmsweise nicht ein permanenter stumpfer Bass in der Magengegend war, den man eigentlich 1998 beim Autoscooter begraben gehofft hatte.

Die Stimmen zum Spiel

Alfred Gislason: "Es war extrem wichtig, das Viertelfinale zu erreichen. Und es ist extrem schön, das vorzeitig zu schaffen." Über Andreas Wolff: "Überragende Leistung, über 40 Prozent Bälle gehalten, das war richtig stark, was er gemacht hat. Aber ich muss auch die Abwehr loben, eine fantastische Leistung des Mittelblocks mit Julian Köster und Johannes Golla."

Johannes Golla:

Über den Sieg: "Wir sind sehr, sehr glücklich, dass das so gelaufen ist. Wir haben heute über 60 Minuten eine vernünftige Abwehr gespielt mit einem überragenden Andi hinten drin. Wir waren darauf vorbereitet, dass die Holländer vielleicht etwas müde werden, weil sie wenige Wechselmöglichkeiten hatten und das war dann auch so der Fall."

Über die kommenden Spiele: "Es kommen jetzt natürlich ganz andere Gegner. Das waren heute viele kleine Spieler, schnell im Eins gegen Eins. Gegen Norwegen kommt wieder viel mehr aus dem Rückraum. Das werden wir entsprechend analysieren und die Abwehr umstellen."

Andreas Wolff:

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Über das Spiel: "Also ehrlich gesagt, bin ich nicht so überrascht, weil wir in den vorangegangenen Spielen super gespielt haben. Vorne wie hinten auch heute wieder eine kämpferische Topleistung. Was vor allem für uns gesprochen hat, war die Tatsache, dass wir unsere Mannschaft in den letzten beiden Spielen jeweils komplett wechseln konnten in der Halbzeit und die Niederländer hatten über zwei Spiele Kampf bis zur letzten Sekunde und konnten die Partien jeweils knapp gestalten. Es war vorher klar, dass wir mehr Körner haben und so haben wir auch gespielt. Wir haben versucht, das Tempo von Anfang an hochzuhalten und ich denke, das hat den Ausschlag gegeben."

Über die weiteren Ziele: "Das Ziel ist zunächst einmal, Norwegen zu besiegen, weil wir dann mal gucken müssen, gegen wen wir spielen. Da warten Spanien oder Frankreich auf uns, das sind zwei Gegner der absoluten Top-Kategorie. Ich denke, grundsätzlich ist Frankreich eine Mannschaft, die uns eher liegen könnte, weil die Spanier so ein bisschen unser Kryptonit sind, wie man so schön sagt. Gleichwohl sind sie wohl etwas schwächer einzuschätzen. Wir müssen diesen Flow so beibehalten, dann können wir uns aufs Viertelfinale konzentrieren."

Quelle: ntv.de

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