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Sechs Lehren aus dem DFB-Jahr Wenn Jürgen Klopp Bundestrainer wäre ...

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Klopp hätte wahrscheinlich das Handtuch geworfen, wäre er an Löws Stelle.

(Foto: imago images/ANP)

Beim deutschen Fußball-Bund muss man sich nach einem schlimmen Abschluss des Länderspieljahres einer schmerzhaften Analyse stellen. Doch es scheint fraglich, ob die ergebnisoffen stattfinden kann. Dabei gibt es viel zu besprechen.

Yogi Löw schiebt den Aufbruch nicht (mehr) an

Natürlich, Joachim Löw war nie einer, der die Öffentlichkeit mit Charme und Elan bezauberte. Er ist kein Lautsprecher, kein Possenreißer, kein Schlagzeilenproduzent. Joachim Löw ist der Bundestrainer, der gerne in Freiburg im Café sitzt, der für einen Hersteller von nicht eben hippen Pflegeprodukten wirbt und sich in Sotschi entrückt an einer Straßenlaterne lehnend in Szene setzen lässt. Seinen Spieler Leroy Sané nennt er unbeachtet des eigentlich betonten "E" seit Jahren "Leroy Sahne". Sein Idiom trägt seinen Teil dazu bei, dass der Bundestrainer in der öffentlichen Wahrnehmung eben "der Jogi" ist.

Dieser Mann hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 2014 zum Weltmeistertitel geführt. Mit einer Mannschaft voller Chefs und Chefchen. "Der Jogi" thronte oben drüber, entrückt, ja, aber wohlwollend lenkend. Inzwischen wirkt Joachim Löw nicht mehr wie "der Jogi", sondern viel öfter wie ein Yogi. Einer, der sich von äußeren Einflüssen abgekoppelt gibt. Das enttäuschende Länderspieljahr ordnete er jeden neuen Rückschlag als hinnehmbare, wenn nicht gar eingepreiste Entwicklungsstufe - egal in welche Richtung - weg. Gegen Kritik wirkte er zunehmend isoliert, gegen externe Einflüsse auch.

Alles war Teil eines Masterplans, auch die wilden 3:3 gegen die Schweiz und die Türkei, die durch den Kniff zustande gekommen seien, dass man in Vorbereitung auf eine mögliche Unterzahlsituation bei der EM auf dem ganzen Feld Mann gegen Mann verteidigt habe. Man musste den Eindruck haben: das Länderspieljahr ist ein einziges Experimentierfeld. Es ist das gute Recht des Bundestrainers, ja, seine Pflicht, sich zu wappnen, auszuprobieren. Nun aber zieht sich die Experimentierphase arg lange hin und man darf dabei nicht vergessen: Die pandemiebedingte Verschiebung der EM hat dem Bundestrainer ein Jahr geschenkt, eine Mannschaft zu formen, ihr seine Ideen zu verkaufen. Es ist der längste Aufbruch der deutschen Länderspielgeschichte, noch nie hatte ein Bundestrainer zwischen zwei Turnieren drei Jahre Zeit für die Aufbauarbeit.

Die Experimentierphase hatte Löw öffentlich mit dem Spiel gegen die Ukraine (3:1) für beendet erklärt, nun wurde es hochoffiziell zum zweiten Mal ernst, Kapitän Manuel Neuer hatte versprochen, man werde das Spiel angehen wie ein Endspiel. Mit den bekannten Folgen. Als es darum ging, das Debakel zu moderieren, wirkte Löw ratlos, beinahe fahrig. Es sei "alles schlecht" gewesen, natürlich. Der Bundestrainer war sichtbar geschockt, nicht mehr entrückt. Immer wieder flickte er "irgendwie" in sein ARD-Interview ein, es war irgendwie erschreckend, ihm dabei zuzusehen. Löw wirkt derzeit nicht so, als könnte er den Aufbruch glaubwürdig anschieben. Ob man ihm aber wenigstens folgt? Das scheint derzeit fraglich.

Die Idee mit dem Umbruch ist (vorläufig) gescheitert

"Keine Organisation, keine Kommunikation, keine Zweikampfhärte, kein Zweikampfverhalten." Löws Erkenntnis nach dem Abschluss des Länderspieljahres ist erschreckend: "Das war tödlich." Wohlgemerkt ging es gegen Spanien nicht in das nächste Spiel von untergeordneter Bedeutung. Es war das Endspiel um den Gruppensieg in der - zugegeben mindestens in der Wahrnehmung der Spieler einigermaßen untergeordneten - Nations League, das man "wie ein Finale angehen wird", hatte Kapitän Manuel Neuer versprochen. Und es war eben Spiel zwei nach dem Ende der Experimentierphase. Ja, es war ein wichtiges Spiel gegen einen großen Gegner. Es war ein Desaster.

Und es war aber eben kein "Freak Accident", kein schlimmer, aber einmaliger Blackout. Sicher, in dieser Höhe wird man so schnell kein Spiel mehr verlieren, aber das Spanien-Spiel war nur der Tiefpunkt einer Entwicklung, die keine ist. 2018, nach dem Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft, hatte Löw den großen Umbruch versprochen, nachdem er in Russland von zu vielen seiner 2014er-Weltmeister enttäuscht wurde. Die Ausbootung von Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng waren das sichtbarste Zeichen der Neuausrichtung. Aber dabei blieb es.

In den gut zwei Jahren des Umbruchs, das brachte das Spanien-Spiel schmerzhaft zutage, ist zu wenig passiert. Die gnadenlose Ausbootung der drei Arrivierten sollte ja auch neue Hierarchien produzieren, jüngere Spieler mindestens zu Chefchen befördern. Die gnadenlose Bestandsaufnahme - "Keine Organisation, keine Kommunikation, keine Zweikampfhärte, kein Zweikampfverhalten." - zeigt: Ohne den permanent fordernden, giftigen, auch für die Mitspieler anstrengenden Joshua Kimmich fällt die eventuelle neue Hierarchie in sich zusammen. Automatismen, auf die man sich zurückziehen kann, wenn es schon sonst nirgendwo klappt, funktionieren nicht. Die Führungskräfte in den Mannschaftsteilen fehlen, die eine internationale Mindestwettbewerbsfähigkeit notfalls herbeizwingen.

Der DFB schafft Fakten schon vor der Analyse

Es wirkte wie ein Treuebekenntnis zu Joachim Löw, wie eine großherzige Solidaritätsnote: "Wir müssen nun auch die Stimmung ins Positive drehen. Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit", hatte DFB-Direktor Oliver Bierhoff unter der Woche erklärt. Natürlich, man müsse sich an Ergebnissen messen lassen. Aber es wurde zumindest kurzfristig als "Basta!" gedeutet. Als Persilschein für Löw. Doch der Satz von Bierhoff muss auch als erstes Abrücken des Machtmenschen von seinem Trainer interpretiert werden. Bierhoff entkoppelte sein Schicksal von dem Löws. Die EM ist das Ende des gemeinsamen Weges, wenn es schiefgeht.

Vorher aber wird beim DFB nichts mehr passieren. Das hat man schon wenige Stunden nach dem Spiel klargemacht, das so viele Fragen aufgeworfen hat. Wenn DFB-Präsident Fritz Keller sagt, "unsere junge Mannschaft kann an diesem herben Rückschlag wachsen, wenn dieses Spiel, in dem nicht nur Herz und Leidenschaft gefehlt haben, gründlich analysiert und die nötigen Folgerungen daraus gezogen werden", dann wirkt das ermutigend. Analysieren, Probleme benennen, Probleme lösen. Ergebnisoffen, vielleicht schmerzhaft und radikal im Ergebnis.

Doch Keller nahm die Ergebnisse der Analyse schon vorweg: Joachim Löw, der als Trainer eine desaströse Weltmeisterschaft zu verantworten hat und einen bislang weitestgehend gescheiterten Umbruch, wird Bundestrainer bleiben. Und wenn Keller weiter erklärt, man habe sich beim DFB "bewusst entschieden, den Umbruch mit vielen neuen und jungen Spielern mit Perspektive zu vollziehen", dann steht sehr deutlich zwischen den Zeilen: Über den Weg wird nicht diskutiert. Hummels, Müller und Boateng bleiben draußen. Viel Raum für Veränderung bleibt dann in den noch übrigen drei Länderspielen bis zur EM nicht mehr, denn außer Kimmich stand in Spanien nahezu alles im Kader, was auch beim ersten Gruppenspiel in München gegen Frankreich auf dem Spielberichtsbogen stehen wird. Man schafft Ergebnisse, bevor man in die Analyse geht und begrenzt seinen Spielraum.

Dabei gibt es auch aus der Mannschaft mittlerweile Signale, die zu einer offeneren Bestandsaufnahme mahnen. "Alle Spieler könnten uns grundsätzlich helfen, das haben sie ja oft genug bewiesen", sagte Kapitän Manuel Neuer schon vor dem Spanien-Spiel in einem Interview mit der "Sport Bild" mit Blick auf die Aussortierten. "Es ist natürlich ein öffentliches Thema, aber warten wir doch einfach mal die Entwicklung ab. Grundsätzlich ist das aber die Entscheidung der Verantwortlichen, des Bundestrainers", sagte Neuer.

Als Jürgen Klopp vor acht Jahren seinen Abschied von Borussia Dortmund verkündete, waren seine Vorgesetzten geschockt. Nach zwei Meistertiteln befand man sich zwar in einer veritablen Krise, noch nach der Winterpause kämpfte der BVB gegen den Abstieg, doch niemand hätte je daran gedacht, den verdienten, beliebten und lange so erfolgreichen Trainer zu entlassen. Von außen betrachtet ähnelt die Situation der von Löw: der verdiente Trainer, der am Ende seines Weges angekommen ist und inzwischen das eigene Schicksal lenken kann.

Doch Klopp überzeugte seine Vorgesetzten, etwas zu ändern: "Wir haben einige Gespräche geführt und dabei die gemeinsame Entscheidung getroffen, dass der Weg, den wir sieben Jahre lang mit unglaublichem Erfolg gegangen sind, am Saisonende zu Ende geht", berichtete BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. Klopp erklärte seinen Schritt damit, er sei zu dem Ergebnis gekommen, "nicht mehr zu 100 Prozent der richtige Trainer für den BVB zu sein". Und weiter: "Ich glaube, dass Borussia Dortmund eine Veränderung braucht, und wenn meine Person verändert wird, können viele Dinge bleiben." Die für alle Seiten schmerzhafte Trennung war das überraschende Ergebnis einer offenen Analyse. Zumindest Jürgen Klopp hat es nicht geschadet.

Beim DFB dagegen versicherte man sich arg ausdauernd, ungeachtet aller schwachen Ergebnisse und offensichtlicher Schwierigkeiten, auf einem guten Weg zu sein. Das Spanien-Spiel hat gezeigt: Ist man nicht.

Abkehr von der Nationalmannschaft

Wenn selbst ein Nationalspieler die Nationalmannschaft kritisiert, muss etwas falsch laufen. Und Toni Kroos ist ja auch nicht irgendwer, sondern seit Kurzem der zwölfte Fußballer, der 100-mal fürs DFB-Team aufgelaufen ist. "Da wird ja keiner gefragt", beschwerte er sich jüngst in seinem Podcast darüber, dass dank der Nations League auch zwischen WM und EM ein Titel ausgespielt wird. Als "Marionette" fühle er sich da.

Und selbst Oliver Bierhoff, der erst die Marke "Die Mannschaft" und dann den schwer auszusprechenden WM-2018-Hashtag #zsmmn propagierte, berichtete schon 2017 davon, ein ihm bekannter Bankvorstand fühle sich bei der Entwicklung im Fußball an das Investmentbanking Mitte der 2000er erinnert: "Jeder marschiert, schaut, wo geht noch ein bisschen mehr herauszuholen, was können wir machen, um es noch größer und bedeutender zu machen." Diese Entwicklung übrigens mündete in der Bankenkrise, deren Auswirkungen heute noch spürbar sind.

Ganz so weit ist es mit der deutschen Nationalmannschaft noch nicht, aber drei Jahre nach Bierhoffs Einordnung ist die Nachfrage nach der DFB-Elf dem Tiefpunkt wesentlich näher als dem Höhepunkt, das zeigen nicht nur die in den vergangenen Jahren sinkenden Zuschauerzahlen im Stadion (vor der Pandemie) und vor den Bildschirmen. Und wie die Banken ist auch der Fußball ohnehin "too big to fail", also zu groß, um unterzugehen. Was aber nichts daran ändert, dass immer mehr Menschen abwinken, wenn es um Länderspiele geht. Der von einer Affäre in die nächste Krise schlitternde DFB trägt ebenfalls seinen Teil dazu bei, dass seit dem WM-Titel 2014 ein Negativtrend erkennbar ist.

Das zeigt sich auch in diesem merkwürdigen Jahr 2020, denn Begeisterung sucht man rund um die Nationalmannschaft vergeblich. Das liegt auch an einer (gefühlten) Übersättigung, schließlich ist der Kalender aufgrund der Corona-Zwangspause im Frühjahr ohnehin eng getaktet.

Das größte Problem der DFB-Elf ...

... ist die Defensive. Was sich vorher immer wieder offenbarte, machte die spanische Nationalmannschaft in Sevilla unübersehbar deutlich: In der Rückwärtsbewegung muss sehr vieles sehr viel besser werden, damit das von DFB-Präsident Fritz Keller propagierte und von "Die Mannschaft" akzeptierte Ziel - das Erreichen des EM-Halbfinales - nicht wie ein Wunschtraum aussieht. In 8 Spielen im Jahr 2020 schoss die DFB-Elf 14 Tore und kassierte 16, ein negatives Torverhältnis stellt in der langen Verbandsgeschichte eine absolute Seltenheit dar.

Einzig im bedeutungslosen Test gegen Tschechien stand die Null, selbst die durch zahlreiche Corona-Fälle geschwächte Ukraine ging gegen die deutsche Mannschaft in Führung. Beim 3:1-Erfolg in Leipzig verhinderte der Pfosten in gleich drei Fällen größeres Ungemach, in Sevilla war dieses Glück aufgebraucht. Völlig hilf-, plan- und kopflos agierte die Abwehr, womit in diesem Fall nicht nur die Viererkette gemeint ist. Dass beim Treffer zum 0:4 selbst Schiedsrichter Andreas Ekberg engagierter in Richtung des deutschen Tores eilte als die DFB-Offensivkräfte, verdeutlichte das Problem nur.

Die Diskussion ist müßig, aber mit der Aussortierung von Mats Hummels und Jérôme Boateng hat sich Löw zweier mindestens höchst solider Optionen beraubt. Niklas Süle ist nach Kreuzbandriss und Corona-Quarantäne noch nicht wieder in Topform, Antonio Rüdiger fehlt beim FC Chelsea die Spielpraxis. Robin Koch zeigt gute Ansätze, ihm fehlt es allerdings schlicht an internationaler Erfahrung - oder einem Nebenmann, an dem er sich orientieren kann. Auf den defensiven Außen ist die Lage so verzweifelt, dass Löw sogar Philipp Max zur temporären Stammkraft erhob, nachdem er diesen in dessen Zeit beim FC Augsburg jahrelang konsequent nicht berücksichtigt hatte.

Dazu kommen die Kommunikationsprobleme, die Löw seiner Mannschaft nach der deftigen Abreibung in Spanien konstatierte. Das Sich-in-die-Niederlage-ergeben war dort zwar zusätzlich ein Faktor, allerdings war auch kein Plan erkennbar, mit dem die zuvor von Löw aufgestellte "Herausforderung, Spanien zu verteidigen" hätte gemeistert werden können. Einzig im Tor herrscht Konstanz, Manuel Neuer war beim 0:6-Debakel wohl der einzige Deutsche mit Normalform und ist auch der einzige Defensive, dessen Einsatzzeiten für die EM garantiert sind.

Länderspiele können schon sinnlos sein

Die Bundesliga startete so spät wie nie, die Winterpause fällt in diesem Jahr aus, der Spielplan bietet so gut wie keine Pausen. Die Saison 2020/21 begann zwar später, soll aber trotzdem pünktlich vor der auf 2021 verschobenen EM beendet sein. Eine simple Lösung wäre da doch, zumindest auf den ersten Blick, einfach mal ergebnisoffen zu schauen, welche Spiele wirklich notwendig sind und welche nicht. Das ist natürlich eine subjektive Frage. Aber eine naheliegende Antwort darauf könnte ja lauten: Testspiele. Denn mit Nations League, Europapokal und nationalen Ligen war der Kalender schon so früh so voll, dass Trainer wie Spieler bereits vor Saisonbeginn mahnten, die enge Taktung könnte gravierende Folgen haben.

"Bis zum nächsten Jahr wird es eine neue und ungewohnte Belastung. So eine Saison hatten wir noch nie. Wir müssen schauen, dass die Spieler dauerhaft gesund und leistungsfähig sind", sagt der Bundestrainer dazu, der neben sechs Pflichtpartien auch noch zwei Testspiele betreuen durfte. Dafür teilte er seinen Kader in zwei Teile auf, vor allem die Profis des FC Bayern, die aufgrund des Champions-League-Finalturniers die kürzeste Sommerpause hatten, wurden in diesen Tests geschont. Das sorgt allerdings auch dafür, dass dann Mannschaften auflaufen, die so nie in einer sportlich bedeutenden Begegnung auf dem Feld stehen würden.

Was wiederum darin mündet, dass der sportliche Wert der Spiele gegen die Türkei (3:3) und Tschechien (1:0) überschaubar ist. Denn die Belastungssteuerung fängt ja nicht erst mit dem Anpfiff an, sondern auch schon im Training, was ebenfalls entsprechend reduziert wird. Der DFB erklärte sein Festhalten an den Terminen damit, dass Verträge einzuhalten sein, was übersetzt so viel bedeutet wie: Wenn wir absagen, fehlen uns fest eingeplante Einnahmen. Für einen Verband, dessen Finanzen nach den Skandalen der jüngeren Vergangenheit nicht mehr ganz so üppig ausfallen, ein nachvollziehbares Argument. Das aber gerne auch so offen kommuniziert werden dürfte, schließlich glaubt ohnehin niemand mehr, im Profifußball ginge es nicht ums Geld.

Quelle: ntv.de