Fußball

DFB-Demütigung im Schnellcheck Der Schock von Sevilla

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Verzweifelt.

(Foto: imago images/Eibner)

Mit der höchsten Niederlage seit mehr als 89 Jahren hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das Finalturnier der Nations League klar verpasst. Eine Niederlage mit sechs Toren Unterschied hatte es zuletzt mit dem 0:6 am 24. Mai 1931 gegen Österreich gegeben.

Was ist im Stadion in Sevilla passiert?

Um 21.45 Uhr ereignete sich Fernsehgeschichte. Der Deutsche Fußball-Bund, dieses schmollende und kritiksensible Verbandswesen, bekam prominentes Mitleid. Hatte es so etwas schon einmal gegeben? Hatte jemals zuvor ein Mann der TV-Institution "Tagesthemen" dem Publikum ein "Bleiben Sie zuversichtlich" zugeflüstert - in der Halbzeitpause eines Fußballspiels der deutschen Nationalmannschaft? Nun, Ingo Zamperoni sagte am Dienstagabend, zum Abschluss seiner Sendung, tatsächlich diese aufmunternden Worte. Ob der Nachrichtensprecher diese aber wirklich auf die Leistung der Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw bezogen hatte? Unklar, aber absolut denkbar. Denn die Zuversicht, die hatten all jene verloren, die sich dieses deutsche Spiel in der Nations League gegen Spanien angeschaut hatten. In bedenklichster Weise wurde das DFB-Team im direkten Duell um den Gruppensieg gnadenlos vorgeführt. In den ersten 45 Minuten noch brutaler als nach der Pause.

Müsste an diesem Dienstagabend die Frage beantwortet werden, ob Deutschland bei der Europameisterschaft im nächsten Jahr ein Favorit ist, derjenige, der diese Frage beantworten müsste, der würde mutmaßlich einen hysterischen, einen panischen Lachanfall bekommen. Dieser Abend, er endete nach den Toren durch Alvaro Morata (17. Minute), Ferran Torres (30./55./71.), Rodri (38.) und Mikel Oyarzabal (89.) mit der höchsten Niederlage seit 89 Jahren, seit dem 0:6 am 24. Mai 1931 in Berlin gegen Österreich. Somit war es auch die herbste Pleite in 189 Länderspielen der Ära Löw. Zuvor stand in dieser Statistik zweimal ein 0:3, 2007 gegen Tschechien und 2018 in den Niederlanden.

Teams & Tore

Tore: 1:0 Morata (17.), 2:0 Torres (33.), 3:0 Rodrigo (38.), 4:0 Torres (55.), 5:0 Torres (72.), 6:0 Oyarzabal (89.)
Spanien:
Simon - Sergi Roberto, Ramos (43. Garcia), Pau Torres, Gaya - Rodrigo, Canales (12. Ruiz) - Olmo (73. Moreno), Koke, Ferran Torres (73. Asensio) - Morata (73. Oyarzabal); Trainer: Enrique.
Deutschland: Neuer - Ginter, Süle (46. Tah), Koch, Max - Gündogan, Kroos - Goretzka (61. Neuhaus) - Sané (61. Waldschmidt), Gnabry, Werner (77. Henrichs); Trainer: Löw
Schiedsrichter: Andreas Ekberg (Schweden)
Zuschauer: keine (in Sevilla)

Der DFB-Horror im Schnellcheck

6. Minute: Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber das DFB-Team hatte an diesem Abend auch einen glücklichen Moment. Nach einem unglücklichen Foul von Ilkay Gündoğan pfiff der Schiedsrichter nämlich nicht Elfmeter (was richtig gewesen wäre), sondern Freistoß. Den knallte Sergio Ramos, der sich zuletzt aus elf Metern tüchtig blamiert hatte, alles andere als blamabel aufs deutsche Tor. Manuel Neuer, der neue deutsche Rekord-Torhüter, tauchte ab, parierte stark.

17. Minute, TOOOOOR FÜR SPANIEN, 1:0 Morata: Álvaro Morata, das weiß selbst der lediglich durchschnittlich interessierte Fan, ist ein guter Stürmer. Morata, das wissen dann wohl eher die überdurchschnittlich interessierten Fans, hat ein gutes Kopfballspiel. Und einen Mann wie Morata, das ist dann ein Fall für Taktik-Nerds, verteidigt man besser nicht mit Serge Gnabry. Warum Deutschland das doch tat? Es wird zu klären sein, auch weil ein Gegentor fiel. Eines per Kopf.

33. Minute, TOOOOOR FÜR SPANIEN, 2:0 durch Torres: Die deutsche Akte der dringend zu klärenden Dinge ist bereits üppig gefüllt, ehe Ferrán Torres nach drei Top-Möglichkeiten der Spanier endlich erhöht. Einen Abpraller von der Latte knallt der 20-Jährige ins Tor. Neuer ist machtlos. Und sauer.

38. Minute, TOOOOOR FÜR SPANIEN, 3:0 Rodri: Von der linken Eckfahne zirkelt Ruiz den Ball mit wundervoll viel Effet zum Elfmeterpunkt. Der sensationell gute Rodri wird durch Gündoğan bestenfalls halbherzig bewacht und lässt den Ball mit der Stirn unhaltbar in die obere rechte Ecke gleiten.

47. Minute: Wie kommt eine Mannschaft, die 45 Minuten gedemütigt worden war, aus der Kabine? Mutig? Aggressiv? Bei der Ehre gepackt? Ähm ..., nein. Die deutsche Mannschaft setzt ihren Horror einfach munter fort. Robin Koch, der sich zuletzt ja als Alternative für die EM-Innenverteidigung angeboten hatte, verliert den Ball auf unerklärliche Weise dämlich und zwingt Neuer zu einem zweiten starken Nachweis seiner Klasse (in Halbzeit eins hatte er bereits herausragend gegen Torres pariert).

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Sehr guter Mann!

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

55. Minute, TOOOOOR FÜR SPANIEN, 4:0 Torres: Ach, machen wir es kurz. Konter, Pass, Tor. Erstaunlich: Gab's bei den Gegentoren in Halbzeit eins noch halbwegs Gegenwehr, gibt es nun gar keine mehr. Torres schließt einen wundervollen Angriff aus kurzer Distanz ab. Er kann sich sogar leisten, den Ball schlecht anzunehmen.

71. Minute, TOOOOOR FÜR SPANIEN, 5:0 Torres: Dieses Mal ist die Ballannahme perfekt, der Schuss noch ein bisschen perfekter. Mit feiner Technik (Innenrist) und präziser Wucht knallt der überragende Spieler den Ball aus 17 Metern flach ins Tor.

77. Minute: Obacht, eine deutsche Aktion. Serge Gnabry spürt offenbar so etwas wie Wut im Fuß. Die entlädt sich per Distanzschuss an die Latte des spanischen Tores. Es wäre ein schöner Treffer geworden. Ein verdienter indes nicht.

89. Minute, TOOOOOR FÜR SPANIEN, 6:0 Oyarzabal: Jetzt ist es amtlich, in der 89. Minute ist Deutschland so schlecht wie seit 89 Jahren nicht. Irgendwas ist ja immer. Zum Tor: Mikel Oyarzabal schiebt aus sieben Metern ein. Dass er ziemlich unbedrängt war, müssen wir nicht unbedingt erwähnen, oder?

Was war gut?

Aus deutscher Sicht? Nichts! Aus spanischer Sicht? Fast alles! Die Mannschaft, die sich selbst auf dem Weg zurück in die internationale Spitze sieht, setzte ein mehr als beachtliches Statement Richtung Europameisterschaft 2021. Die Mannschaft, die ja laut einigen Experten alles verloren haben soll, was die stolze "Furia Roja" einst in ihren großen Jahren zwischen 2008 und 2012 (zweimal EM-Sieger, einmal WM-Gewinner) ausgezeichnet hatte, überforderte Deutschland, dass sich zuletzt auch wieder auf dem Weg zurück in die Spitze wähnte. Die Spanier waren bissig, ball- und passsicher. Sie hatten ein gute Idee, ein aggressives Pressing und Spieler, die gut aufeinander abgestimmt waren. Und wenn das schon nicht die mögliche Wiedergeburt der ehemaligen Tiki-Taka-Dominanz war, dann war es zumindest eine beachtliche Weiterentwicklung des legendären Systems, das den Weltfußball einst zermürbte. Die Spanier hatten all das, was die DFB-Elf überraschenderweise nicht hatte. Ärgerlich aus Sicht der Gastgeber waren derweil nur zwei Dinge: die Verletzungen von Kapitän Ramos und Sergio Canales.

Was war nicht gut?

Nicht gut war all das, was das deutsche Team anbot. Mit Ausnahme von Kapitän Neuer, der in seinem Rekordspiel gegen Spanien erneut sieglos blieb und rekordverdächtige sechs Tore kassierte, bei diesen aber ebenso machtlos war, wie sein Konkurrent Marc-André ter Stegen bei der 2:8-Demütigung seines FC Barcelona im Finalturnier der Champions League gegen den FC Bayern am 14. August. Aber außer dem Torwart konnte kein anderer Fußballer auch nur ein Argument sammeln, warum er für das nächste Länderspiel wieder nominiert werden sollte.

Besonders erschreckend: Zu großen Teilen spielte in Sevilla eine Mannschaft, die als derzeit bestmögliche des Landes gilt. Gut für alle Beteiligten: Das nächste Länderspiel findet erst im Frühjahr des kommenden Jahres statt und bis dahin wird diese Demütigung womöglich von anderen Themen überlagert werden. Weitaus schlimmer als die aberwitzigen und unerklärlichen Aussetzer von Niklas Süle, Robin Koch und Jonathan Tah, als das Schweigen der Führungsspieler, als die Abwesenheit jeglicher Dynamik und Kreativität werden jetzt aber wieder die Diskussionen wirken, die die Nationalmannschaft beschäftigen werden.

Es wird um Löw gehen. Es wird um Thomas Müller gehen. Um Mats Hummels wird es gehen und um Jérôme Boateng. Eine Rückkehr des bayrischen Abwehrspielers wurde bereits unmittelbar nach dem Debakel laut (im Fernsehen) und leise (via Twitter) gefordert. Bastian Schweinsteiger, ein völlig entsetzter und nach Worten ringender ARD-Experte, befand: "Spieler wie Jérôme Boateng und Thomas Müller haben das Triple gewonnen haben, mit der besten Mannschaft in Europa. Die spielen da in der ersten Elf und haben Qualität, sind deutsche Spieler. Warum nicht für die Nationalmannschaft?"

Aus seinem sportlichen Vorruhestand in London twitterte derweil Mesut Özil: "Zeit, Jérôme Boateng zurück ins DFB-Team zu holen." Den Kommentar versah der Ex-Nationalspieler mit einer Deutschland-Flagge. Löw betonte jedoch, für eine Rückholaktion gebe es aktuell "keinen Grund". Sein Vertrauen in die neuformierte Mannschaft sei "jetzt nicht völlig erschüttert". Man müsse die Situation um Hummels, Müller und Boateng "zum richtigen Zeitpunkt bewerten", betonte er.

Unwichtigste Erkenntnis des Spiels

Den Gruppensieg in der Nations League und damit die Teilnahme am Finalturnier im kommenden Jahr sichert sich Spanien.

Die Stimmen zum Spiel

Joachim Löw (Bundestrainer): "Das ist schwierig zu erklären. Es hat gar nichts funktioniert hat. Körpersprache und Zweikampfverhalten, davon hatten wir nichts heute. Nach dem 0:1 haben wir unser gesamtes Konzept aufgegeben. Da hat Spanien uns ausgespielt. Wir sind irgendwo rumgelaufen - keine Organisation, keine Nähe zum Mitspieler, keine Kommunikation. Wir haben gesagt, dass wir unseren Spielern vertrauen. Heute haben wir gesehen, dass wir noch nicht so weit sind wie geglaubt oder wie gehofft. Wir waren auf einem guten Weg. Wir vertrauen den Spielern weiterhin, wollen das analysieren und zurückschlagen. Heute sind wir absolut zurückgeworfen worden. Das ist eine große Enttäuschung."

Oliver Bierhoff (DFB-Direktor): "Das müssen wir verdauen. Das wird ein bisschen dauern. Die Mannschaft ist ein bisschen auseinandergefallen, das darf nicht passieren. Es gibt dafür keine Entschuldigung, aber das passiert, wenn eine Mannschaft überhaupt keinen Halt findet. Der spanische Torwart hat im ganzen Spiel keine Parade gemacht. Wir müssen das knallhart analysieren. Da ist auch mangelnde Erfahrung keine Ausrede. Die vielen Abstimmungsprobleme in der Defensive müssen wir abstellen. Wir wissen, welche Qualität unsere Spieler haben. Das Vertrauen in Joachim Löw ist vollkommen da, absolut."

Serge Gnabry: "Wir hatten überhaupt keine Chance. Spanien hat auch in der Höhe verdient gewonnen. Wir haben es schlecht gemacht, da helfen keine Ausreden. Jetzt weiß man mal, wo man steht."

Quelle: ntv.de