Fußball

Aber der Ausweg liegt so nah Dieses Debakel muss Löw persönlich nehmen

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Mehr als nur eine Warnung.

(Foto: imago images/Eibner)

Kein Einsatz, kein Aufbäumen, keiner, der den Mund aufmacht: Die DFB-Elf lässt sich in Spanien demütigen und wehrt sich nicht einmal dagegen. Bundestrainer Joachim Löw steht zu Unrecht im Zentrum der Kritik, dennoch kann nur er den Ausweg einschlagen.

Es sollte "ein Finale, ein Endspiel" werden, hatte Manuel Neuer vor dem Anpfiff gesagt. Es wurde eine Demütigung. In Sevilla leistete die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen Offenbarungseid und das nicht nur, weil das 0:6 gegen Spanien die höchste Pflichtspiel-Niederlage in der langen DFB-Geschichte ist. Neuer, seit einem Jahrzehnt die deutsche Nummer eins und inzwischen auch Kapitän, war der Leistung seiner Vorderleute in den quälend langen 90 Minuten fast wehrlos ausgeliefert.

Exemplarisch ist dafür der Treffer zum 0:4, als Spanien konterte und Ferran Torres mühelos zur endgültigen Entscheidung einschieben konnte. Philipp Max konnte allein gegen drei spanische Angreifer nichts ausrichten, Neuer im Tor ebenso wenig, Matthias Ginter sprintete zumindest, aber eben nur hinterher. Aus der oftmals hochgelobten Offensivabteilung der deutschen Elf war in diesem Moment allerdings niemand im Bild zu sehen, der darum bemüht war, mit Einsatz die an diesem Abend fehlende Klasse zu ersetzen. Der Schiedsrichter rannte dem spanischen Angriff schneller hinterher, als das deutsche Mittelfeld.

So groß und so berechtigt die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw ist - vor dem Spiel hatte er beinahe prophetisch erklärt, "die große Herausforderung heißt gegen Spanien, wie verteidigt man sie?" -, so wenig lässt sich die Mannschaft von eben solcher Kritik freisprechen. Mit Ausnahme des verletzten Joshua Kimmich stand Löws Stammelf auf dem Platz, er wird seinen Spielern aber sicher nicht verboten haben, zu rennen, zu grätschen, zu kämpfen.

Warum so wenig Ernsthaftigkeit?

Natürlich sind das Floskeln, der Weg zum ebenso beliebten wie inhaltsleeren "Sie haben es nicht genug gewollt" ist kurz, aber ernsthaft motiviert wirkte bisweilen nur Manuel Neuer, der seinem Frust über oben beschriebenes 0:4 mit einem Schlag gegen den Pfosten und einem Wort, das mit "F" beginnt und sich auf "Kicken" reimt, deutlich hörbar Ausdruck verlieh.

Aber es war doch bezeichnend, dass vielleicht schon nach dem 0:1, spätestens aber nach dem 0:2 die Frage nicht mehr war, ob die DFB-Elf dieses Spiel verliert, sondern wie hoch. Wenn das die Herangehensweise an "ein Finale, ein Endspiel" ist, braucht sich niemand zu sorgen, bald mal wieder eines zu erreichen. Sich anschließend ausschließlich auf den Trainer einzuschießen, greift zu kurz. "Wir haben überhaupt keinen Zugriff bekommen. Spanien hat uns alles vorgemacht, mit Ball und ohne Ball. Das Spiel muss man Richtung Turnier natürlich analysieren. Es ist einiges zu tun", floskelte Toni Kroos hinterher - ohne anzudeuten, warum die Spanier dem Charakter des Spiels Rechnung trugen, er und seine Teamkollegen aber nicht.

Denn ebenso wenig wie ein Zweikampfverbot wird Löw in seiner Ansprache vor dem Anpfiff ein Kommunikationsverbot verkündet haben. Aber über die Außenmikrofone, das ist einer der Vorteile von Geisterspielen, war deutlich mehr Spanisch als Deutsch zu hören. Kroos, neben Neuer einzig verbliebene Stammkraft der WM 2014, ist nicht unbedingt als Lautsprecher bekannt. Eine Rolle, die eher dem Rekonvaleszenten Joshua Kimmich liegt, den so mancher schon als künftigen DFB-Kapitän sieht.

Ein Trio als schnelle Lösung

Das Fehlen eines solchen "vocal leader" ist natürlich immer nur dann ein Problem, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, aber es war ja nun nicht so, dass dieses 0:6 eine mit Kimmich eingeleitete Erfolgsserie zerstört hätte. Im pandemiebedingt auf zwei Monate verkürzten Länderspieljahr 2020 gab es in acht Spielen nur drei Siege, nur im bedeutungslosen Test gegen Tschechien gab es kein Gegentor, die Gesamtbilanz ist mit 14:16 Treffern negativ.

Natürlich werden jetzt die Rufe nach den nach der historisch verbockten Weltmeisterschaft 2018 aussortierten, inzwischen aber wieder in großer Form aufspielenden Thomas Müller, Mats Hummels und mit Abstrichen auch Jérôme Boateng, noch lauter. Es wäre die einfache, schnelle Lösung, das Trio wieder zu implementieren. Was Löw zu denken geben sollte, ist, dass auch seine in Abwesenheit von Kimmich letzte verbliebene Führungskraft in der Reihe der Rufer steht: "Alle Spieler könnten uns grundsätzlich helfen, das haben sie ja oft genug bewiesen", sagte Kapitän Neuer der "Sport Bild" - wohlgemerkt schon vor der schlimmen Klatsche.

Der Bundestrainer und DFB-Direktor Bierhoff hatten die Diskussion um das Trio stets schnell abmoderiert - mit Verweis auf die laufende Entwicklung und aus Rücksicht auf das kickende Personal. Löw könnte mit einer Rückkehr mindestens von Hummels und Müller nur gewinnen: Geht es dann trotzdem schief, muss er sich nicht gefallen lassen, die Mannschaft sehenden Auges geschwächt zu haben. Geht es gut, hätte Löw die Größe gezeigt, Fehleinschätzungen noch rechtzeitig korrigiert zu haben.

Nicht nur abhängig von Löw

"Gerade in solchen Spielen ist es wichtig, solche Spieler auf dem Platz zu haben, die vorangehen, die Erfahrung haben, die Qualität haben", sagte der frühere DFB-Kapitän Bastian Schweinsteiger: "Man hat gesehen, dass wir noch nicht die Qualität haben." Und weiter: "Solche Spieler wie Jérôme Boateng und Thomas Müller haben das Triple gewonnen, mit der besten Mannschaft in Europa. Die spielen da in der ersten Elf und haben Qualität, sind deutsche Spieler. Warum nicht für die Nationalmannschaft?"

Dass er sich bisher gegen das Trio entschieden hat, beweist Löws Vertrauen in sein aktuelles Personal. Auch das schlimme Debakel habe daran nicht gerüttelt, behauptete der Bundestrainer tapfer, für eine Rückholaktion gebe es aktuell "keinen Grund". Sein Vertrauen in die neu formierte Mannschaft sei "jetzt nicht völlig erschüttert". Das Vertrauen aber, das wurde in Spanien arg missbraucht. Man kann es auch umdrehen und sagen: Löws Weg der Erneuerung, für dessen Beginn die Ausbootung von Müllerhummelsboateng ein wichtiges Startsignal war, ist gescheitert. Eine Erkenntnis, die Löw vielleicht von seinem klaren Kurs abbringt? Das könnte auf den richtigen Weg zurückführen. Die Vorstellung vom Dienstagabend und der Hinweis von Neuer, das Trio würde der Mannschaft helfen, waren deutliche Zeichen. Die Mannschaft, wie sie sich in Spanien präsentiert hat, ist jedenfalls nicht die Mannschaft, die bei einer Europameisterschaft erfolgreich sein kann. Unabhängig von drei Personalien. Und unabhängig von der Personalie Löw.

Quelle: ntv.de