Fußball-EM

Pavard geht K.o., macht weiter Die UEFA spielt mit Menschenleben

imago1003154956h.jpg

Benjamin Pavard war bewusstlos, spielte aber weiter.

(Foto: imago images/Xinhua)

Benjamin Pavard wird hart am Kopf getroffen, sackt zu Boden und bleibt bewusstlos liegen. Nach einer kurzen Untersuchung und etwas Wasser auf den Kopf spielt der Franzose weiter. Wie kann das sein? In Sachen Protokoll für Gehirnerschütterungen hinkt der Fußball gefährlich weit hinterher.

Es läuft die 58. Minute des EM-Spiels zwischen Deutschland und Frankreich. Benjamin Pavard ist gerade dabei, zum Kopfball hochzusteigen, um eine Flanke von Joshua Kimmich zu klären. Aus dem Hintergrund stürmt auf einmal Robin Gosens heran. Der französische Rechtsverteidiger sieht ihn überhaupt nicht kommen. Zwar will der deutsche Linksverteidiger zum Ball, aber er rammt in einer ziemlich rüden Vollsprint-Sprung-Attacke Pavard seinen Oberschenkel wuchtig an die Schläfe. Der Franzose sackt sofort auf den Rasen. Er knallt mit dem Kopf auf den Boden, ohne sich überhaupt abstützen zu können. Regungslos bleibt er liegen.

Was dann passiert, ist ein weiterer schockierender Moment bei dieser EM (nach Eriksen und Arnautovic). Nur ganz langsam schreitet der spanische Referee Carlos del Cerro Grande zum am Boden liegenden Pavard. Auch die Spieler beider Länder kümmern sich zunächst kaum. Die Teamärzte schauen sich den wiedererwachten, aber benommen dreinschauenden Pavard auf dem Platz kurz an. Dann bekommt der 25-Jährige ein wenig Wasser auf den Kopf - und weiter geht's.

"Ich habe einen Höllenschock erlitten", erzählt der Profi vom FC Bayern München nach dem 1:0-Sieg dem französischen Sender BeIN Sports. "Ich war für 10 bis 15 Sekunden ein bisschen ohnmächtig." Deutsche Zuschauer erinnert der Moment ans WM-Finale 2014 als Christoph Kramer erst ausgeknockt zu Boden ging und dann mehrere Minuten völlig orientierungslos weiterspielte, bevor er endlich ausgewechselt wurde. Ältere denken vielleicht an Toni Schumachers übles Foul an Patrick Battiston im WM-Halbfinale 1982, das für den Franzosen mit Bewusstlosigkeit und Krankenhaus endete.

UEFA verzichtet auf "Concussion"-Auswechslung

In den sozialen Medien wird die Entscheidung, Pavard nicht auszuwechseln, noch während des Spiels heftig kritisiert. Der Fall zeigt wieder einmal, wie weit der Fußball in Sachen Gehirnerschütterung im Vergleich mit anderen Sportarten hinterherhinkt. Erst am Samstag haben alle 24 Mannschaften der EM eine "Charta für Gehirnerschütterungen" unterzeichnet, die sie verpflichtet, eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, um die Versorgung der Spieler zu verbessern. Es geht dabei beispielsweise um neurologische Basistests und den Zugang zu TV-Aufnahmen für Mannschaftsärzte. Und es steht geschrieben: "Bei Kopfverletzungen und/oder Verdacht auf Gehirnerschütterung sollte der Mannschaftsarzt die UEFA schriftlich informieren, bevor der Spieler wieder spielt oder trainiert." Auf eine ntv.de-Anfrage zu dem Fall Pavard und den Gehirnerschütterungsregeln reagierte die UEFA bisher nicht.

Pavard spielt weiter - auch weil er von eigenen statt unabhängigen Ärzten untersucht wird. Und weil er selbst gefragt wird, wie sein Zustand ist. In anderen Sportarten (American Football oder Rugby etwa) haben die mutmaßlich Verletzten und möglicherweise Benommenen längst kein Mitspracherecht mehr. In der NFL ist das Thema Gehirnerschütterung wegen bewiesener Langzeitfolgen mit Todesfällen mittlerweile eines, bei dem es strikteste Regeln gibt. Zwei Unabhängige, sogenannte "Spotter", beobachten das gesamte Spiel via Fernglas und Video-Replays. Sind sie der Meinung, eine mögliche Kopfverletzung zu erkennen, nehmen sie Kontakt mit der Seitenlinie auf oder rufen eine medizinische Auszeit aus. Anschließend wird der betroffene Spieler einem Test unterzogen, den er in normalem Zustand schon absolviert hat. Schließt er weitaus schlechter ab, geht es in die Katakomben. Dort untersucht ihn ein neutraler Neurologe.

Auch im Fußball wäre ein Schnell-Screening des Kopfes in den Katakomben möglich. In dieser Zeit könnte ein Ersatzspieler aufs Feld. Nach einem Test ohne Anzeichen für eine Kopfverletzung könnte der Spieler im Tausch für seinen Kurzzeit-Ersatzmann zurück auf den Platz. FIFPro, die Weltspielergewerkschaft, fordert daher die Einführung eines strikteren Gehirnerschütterungsprotokolls, das eine schrittweise Rückkehr zum Spiel von mindestens sechs Tagen erzwingen und eine sogenannte concussion substitution einführen würde. Also eine weitere Auswechselmöglichkeit bei Verdacht auf Gehirnerschütterung. Die UEFA hatte diese Auswechselregel schon bei der U21-EM in Ungarn und Slowenien getestet, führte sie aber nicht für die EURO 2020 ein. Dabei testen auch die Ligen in England, Japan, den Niederlanden, Portugal und den USA sie schon.

Nicht warten, bis jemand stirbt

Fast zwei Jahre ist es her, seitdem die Verbindung von Fußball und Demenz nachgewiesen wurde. Immer wieder wird über Gehirnerschütterungen diskutiert. Und doch gibt es im Fußball weiterhin kein Protokoll, das Pavard nach der offensichtlichen Bewusstlosigkeit und einer möglichen Gehirnerschütterung davon abhält (direkt) weiterzuspielen. Dabei kann eine solche Kopfverletzung verheerende Spätfolgen mit sich bringen. Hätte Pavard einen weiteren Zusammenprall erlitten, hätte es zum Second Impact Syndrome (SIS) kommen können. Dabei schwillt das Gehirn rapide an, weil die erste Gehirnerschütterung noch nicht auskuriert ist. Die Folgen sind meist tödlich.

Mehr zum Thema

Im American Football und im Rugby versuchte man, den Zusammenhang zwischen den Sportarten und Demenz jahrzehntelang zu verschleiern. Milliardenklagen folgten, die auch den Fußball irgendwann erreichen dürften. Es geht aber vorrangig um etwas weitaus Wichtigeres als Geld: die Gesundheit der Spieler. Im Profi- wie im Amateurbereich - und vor allem im Kinder- und Jugendbereich, der besonders vom SIS gefährdet ist.

Der Fall Pavard zeigt: Die UEFA hinkt weit hinterher und spielt mit Menschenleben. Es darf nicht erst gewartet werden, bis ein Spieler stirbt, damit härtere Regeln für mögliche Gehirnerschütterungen eingeführt werden.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.