Fußball

Historischer Länderspielschluss Das allerletzte Aufgebot der DDR-Fußballer

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Matchwinner per Doppelpack: Matthias Sammer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Fans zeigen kein Interesse mehr, die Spieler ebenfalls nicht. Aber: Die Nationalmannschaft der DDR muss noch einmal antreten. Trainer Ede Geyer geht auf letzte Werbetour - und wird enttäuscht. Ein Aufgebot kratzt er aber noch zusammen. Und in dem glänzt Matthias Sammer.

Es sind turbulente Zeiten im September 1990: Die DDR steht kurz vor ihrer Auflösung. In Moskau wird mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag der außenpolitische Grundstein für die Deutsche Einheit gesetzt. In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens findet eine Neuorientierung statt. Die Menschen im zweiten deutschen Staat lassen den real existierenden Sozialismus endgültig hinter sich. Diese Entwicklung geht natürlich auch am DDR-Fußball nicht vorbei. Bundesligaklubs haben die besten Spieler bereits zu sich geholt. Das große Geld lockt, Dynamo Dresden, der BFC Dynamo, der 1. FC Lokomotive Leipzig und der 1. FC Magdeburg können die fußballerischen Juwele nicht mehr halten.

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Es wurde noch einmal ein Sieg: Detlef Schößler, Heiko Scholz und Dariusz Wosz (von links nach rechts) liegen sich in den Armen.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Dennoch existiert die DDR-Nationalmannschaft. Sie steht zwar auch vor der Abwicklung, hat aber noch ein Länderspiel zu bestreiten. Belgien ist der Gegner, und das Spiel soll am 12. September 1990 in Brüssel stattfinden. Aber es gibt Probleme: Einerseits interessiert die Partie in der DDR keinen Menschen mehr. Andererseits verspüren auch die Nationalspieler keine große Lust mehr, unter der schwarz-rot-goldenen Flagge mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz aufzulaufen. Sie äußern teilweise Unverständnis und spekulieren mit einer Spielabsage.

Aus fünf mach vier

Die Partie gegen Belgien war ursprünglich als Qualifikationsspiel zur Fußball-Europameisterschaft 1992 vorgesehen gewesen. Die Auslosung der Gruppe 5 hatte für großes Aufsehen gesorgt. Auf die Mannschaft von Trainer Eduard ("Ede") Geyer wartete auch der Weltmeister Bundesrepublik Deutschland - die Begegnung hätte am 21. November 1990 stattgefunden. Aber die Politik machte dem Fußball einen Strich durch die Rechnung. Der Vereinigungsprozess vollzog sich schneller als erwartet. Der Deutsche Fußball-Verband der DDR (DFV) meldete seine Mannschaft von der Qualifikation ab. Die Uefa machte daraufhin kurzen Prozess, aus fünf wurden vier Teams - neben Deutschland und Belgien waren noch Wales und Luxemburg in der Gruppe 5. Zur EM nach Schweden fuhr schließlich die deutsche Mannschaft unter ihrem neuen Bundestrainer Berti Vogts. Sie unterlag im Finale in Stockholm gegen Dänemark mit 0:2 (0:1).

Belgien - DDR 0:2 (0:2)

Tore: 0:1 und 0:2 Sammer (74./89.)
Belgien: Michel Preud’homme – Bruno Versavel (68. Danny Boffin), Pascal Plovie, Michel de Wolf, Nico Broeckaert – Franky van der Elst, Lorenzo Staelens, Enzo Scifo (46. Philippe Albert), Stéphane Demol (46. Marc Wilmots) – Jan Ceulemans (46. Marc Degryse), Erwin Vandenbergh; Trainer: Guy Thys.
DDR: Jens Schmidt (90. Jens Adler) – Heiko Peschke, Detlef Schößler, Jörg Schwanke, Andreas Wagenhaus – Heiko Bonan, Matthias Sammer – Jörg Stübner (26. Stefan Böger), Dariusz Wosz – Uwe Rösler, Heiko Scholz (85. Torsten Kracht); Trainer: Eduard Geyer.
Schiedsrichter: John Blankenstein (Niederlande)
Zuschauer: 10.000 (Constant-Vanden-Stock-Stadion in Brüssel)

Die Chancen der DDR-Mannschaft, bei dieser Gruppenkonstellation zur EM zu fahren, waren ohnehin äußerst gering. Was die kontinentale Endrunde angeht, war der deutsche Osten ein unbeschriebenes Blatt. Nie war er dort vertreten. Dagegen gab es wenigstens einmal eine WM-Endrundenteilnahme: 1974 in der Bundesrepublik. Nach dem Olympiasieg 1976 im kanadischen Montréal hatte die DFV-Auswahl trotz zahlreicher Trainerwechsel nichts mehr gerissen und wurde dementsprechend von den Fußballanhängern nicht sonderlich geliebt. Zwar lieferten die ostdeutschen Kicker in der kurzen Geyer-Ära einige gute Partie ab - darunter ein 3:3 in Brasilien. Die Fans schauten dennoch lieber in Richtung Westen und bejubelten im Sommer 1990 den Gewinn des WM-Titels durch das DFB-Team. Warum nun das überflüssige und sinnlose Spiel in Belgien?

"Von Einigen auch charakterlich enttäuscht"

Natürlich geht es dabei um Geld. Diese zum "Freundschaftsspiel" umfunktionierte Begegnung findet statt, um Schadenersatzforderungen des belgischen Fußballverbandes KBVB zu verhindern. Für Trainer Geyer eine undankbare Aufgabe, denn es hagelt Absagen. "Angesprochen haben wir bestimmt 30 Spieler. Es stand so gut wie fest, dass es das letzte Länderspiel ist. Ich habe natürlich erwartet, dass sich alle noch einmal treffen. Dann das Spiel absolvieren, vielleicht ein Bier zusammen trinken, Episoden erzählen und sich dann ordentlich verabschieden", sagte der Coach bei n-tv.de. "Da war ich auch von Einigen charakterlich enttäuscht. Immerhin hatte ich viele zurückgeholt in die Mannschaft."

Gerade einmal 14 Spieler bekommt Geyer für die Partie im Constant-Vanden-Stock-Stadion, der Heimstätte des RSC Anderlecht, zusammen. In den Westen gewechselte Stars wie Andreas Thom (vom BFC nach Leverkusen), Ulf Kirsten (von Dresden nach Leverkusen) oder Thomas Doll (vom BFC zum Hamburger SV) fühlen sich bereits als BRD-Bürger. Rico Steinmann (Chemnitzer FC/später 1. FC Köln), Dirk Heyne (Magdeburg/später Mönchengladbach), Matthias Lindner (Lok Leipzig) oder Perry Bräutigam (Carl Zeiss Jena) melden sich verletzt. Ehrlich ist Rainer Ernst (vom BFC nach Kaiserslautern), der angibt, einfach nicht motiviert zu sein. Einziger Star in der Mannschaft in Brüssel ist Matthias Sammer, der kurz zuvor von Dynamo Dresden zum VfB Stuttgart gewechselt war. Die völlig unerfahrene DDR-Mannschaft überzeugt gegen die favorisierten Belgier. Zwar ist die Mannschaft von Trainer Guy Thys mit Stars wie Michel Preud'homme, Enzo Scifo, Francky van der Elst und Jan Ceulemans in ihren Reihen technisch überlegen. Aber Geyers Elf hält vor nur 10.000 Zuschauern kämpferisch dagegen.

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Der 23 Jahre alte Sammer ist Kapitän und dirigiert seine Mitspieler vorbildlich. Sammer ist es auch, der beide Tore (74. und 90. Minute) zum 2:0-Sieg der DDR erzielt. An seiner Seite überzeugen Jörg Schwanke, Uwe Rösler, Dariusz Wosz, Stefan Böger und der mittlerweile verstorbene Jörg Stübner. Geyer lässt alle 14 Mitgekommenen spielen. Kurz vor Spielende wechselt er auch den Torwart aus, der Hallenser Jens Adler kommt für den Chemnitzer Jens Schmidt.

Geyers letztes Aufgebot spielt aber auch für seine berufliche Zukunft. Im Stadion wimmelt es nur so von Spielerberatern aus Deutschland und dem Ausland. Außer Adler kicken alle Spieler der Mannschaft von Brüssel später in der Bundesliga - die meisten kommen bei einem Westverein unter. Und Trainer Geyer? Auch er lernt die Bundesliga kennen - als Trainer des FC Energie Cottbus. Als der frühere Dresdner Verteidiger im Jahr 2000 mit den Lausitzern im Fußball-Oberhaus ankommt, hat sein ehemaliger Mannschaftskapitän Sammer seine aktive Fußballerkarriere bereits beendet.

Quelle: ntv.de