Fußball

Umbruch statt Urvertrauen Der BVB wagt, wo der FC Bayern versagt

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Marco Reus läuft unter Trainer Lucien Favre zur Höchstform auf.

(Foto: imago/Xinhua)

Borussia Dortmund macht in diesem Sommer vieles richtig, der FC Bayern fast alles falsch. In den Liga-Gipfel geht trotz kleinerer Rückschläge nun der BVB als Favorit. Und in München? Glauben sie an die eigene Unfehlbarkeit.

Plötzlich historisch harmlos, dieses Borussia Dortmund. Der so bewunderte Angriffsfußball ist entschlüsselt und taktisch brillant entzaubert. Von einer Mannschaft, die zwei Wochen zuvor noch von der anarchischen BVB-Wucht bloßgestellt worden war. Und die dem BVB nun in der Champions League eine furiose Lehrstunde in den Kategorien "cleverer" und "effizienter" Fußball erteilte, nicht weniger war das erstaunliche 0:2 der Dortmunder bei den Verdichtungs- und Kontermonstern von Atlético Madrid. Was just vor dem Bundesliga-Gipfel an diesem 11. Spieltag gegen den FC Bayern die Frage aufwirft: War's das doch schon?

Nun, in Dortmund nehmen sie die Lehrstunde ziemlich gelassen hin. Und auch, dass sie in der Champions League seit Beginn der detaillierten Datenerfassung 2003 nie so harmlos waren wie mit ihren lediglich vier "Torschüssen" in Madrid, von denen nicht einer wirklich aufs Tor flog. Sie haben auch hingenommen, dass sie im 16. Pflichtspiel der Saison und damit dem 16. Pflichtspiel von Coach Lucien Favre erstmals eine Niederlage verarbeiten mussten. Und eigentlich sind sie sogar ganz dankbar dafür. "Einerseits ärgert man sich darüber", sagte Dortmunds Vorstandsvorsitzender Hans-Joachim Watzke. "Andererseits bin ich froh darüber, dass es vorbei ist mit der langen Serie. Das schärft die Sinne für Samstag. Jede Mannschaft braucht das mal." Und an besagtem Samstag, da empfängt die Borussia den FC Bayern (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) zum Bundesliga-Topspiel.

Vollendeter Umbruch vs. notwendiger Umbruch

Borussia Dortmund - FC Bayern, 18.30 Uhr

Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek, Akanji, Zagadou, Hakimi - Delaney, Witsel - Pulisic, Reus, Sancho - Alcacer; Trainer: Favre.
FC Bayern: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Martinez, Goretzka - Gnabry, James, Ribéry - Lewandowski; Trainer: Kovac.
Schiedsrichter:
Stadion:
Signal-Iduna-Park, Dortmund

Ein Duell, auf das sich viele Menschen in Deutschland freuen, wie Watzke für sich bemerkt hat. Auch deshalb weil die Konstellation diesmal ungewohnt ist. Der in seiner Meinung und seinen Worten unantastbare Bayern-Präsident Uli Hoeneß sagt: "Wir fahren nicht als Favorit nach Dortmund, sondern zum ersten Mal seit langer Zeit als Außenseiter." Das war am späten Mittwochabend nach dem nächsten Münchner Arbeitssieg in der Champions League gegen AEK Athen. Öffentlich widersprochen hat bislang niemand, es würde angesichts der Entwicklungen der vergangenen Monate auch reichlich albern klingen. So ganz wohl fühlt sich die Bayern-Hybris in der selbsterklärten Außenseiterrolle dann aber scheinbar doch nicht. Kurze Zeit später sah sich Hoeneß zu einer Klarstellung genötigt: "Dortmund spielt erstaunlich gut. Aber nicht so gut, wie wir könnten."

Die BVB-Tormaschine mag zuletzt nicht nur gegen Atlético versagt haben. Sie hatte schon zuvor gegen Hertha BSC, Union Berlin und den VfL Wolfsburg von ihrer phänomenalen Wucht verloren. Nur: Die Münchner rumpeln nach einem starken Saisonstart seit Wochen durch alle Wettbewerbe und erwecken den Eindruck, Mannschaften über Oberliga-Niveau nicht mehr mia-san-mia-nichts dominieren zu können.

Dass die Dortmunder dem FC Bayern nun in der Tabelle in großbayrische Dimensionen auf unglaubliche sieben Punkte Vorsprung enteilen könnten, hat mit einem Sommer 2018 zu tun, in dem die Borussia-Verantwortlichen sehr viel richtig gemacht und die Bayern-Bosse sehr viel Wichtiges versäumt haben. Ein radikal vollzogener Umbau steht einem radikal verzögerten Umbruch gegenüber, bei dem der Substanzverlust der alternden Leistungsträger unterschätzt wurde. Dass (Transfer)-Glück auf der einen und (Verletzungs)-Pech auf der anderen Seite hinzukommen, ist letztlich auch nur handwerkliches Geschick - oder eben Ungeschick.

Borussia Dortmund ist nach zwei extremen Jahren mit dem Thomas-Tuchel-Missverständnis, dem Bomben-Anschlag, dem Dembélé'schen Streiktheater und dem durch Peter Stöger gerade noch korrigierten Peter-Bosz-Desaster tief in die Analyse eingestiegen und hat die richtigen Schlüsse aus einer verkorksten Saison gezogen. Watzke und Manager Michael Zorc haben mit Sebastian Kehl und Matthias Sammer im Sommer Experten mit BVB-Vergangenheit in die Verantwortung gezogen. In einem intensiven Austausch, der Selbstkritik fordert und fördert, wurden die grundlegenden Defizite des Teams identifiziert und angepackt: größere Stabilität, Balance zwischen schönem Spiel und Defensive, mehr Qualität im Kader und mehr Typen, die verkörpern, was die Menschen im Ruhrgebiet schätzen: harte Arbeit. "Uns waren da Basics verlorengegangen", hatte Watzke zuletzt im ZDF-Sportstudio erklärt.

Es waren ziemlich viele Basics, es war ein ungemein intensiver Umbruchsommer, der nun erstaunlich früh erstaunlich viele BVB-Erfolge brachte. Auch, weil Michael Zorc "seit Jahren mit die besten Transfers in Europa" stemmt, wie es Watzke formulierte. Mit Axel Witsel gelang Zorc sogar "der beste Transfer der Welt diese Saison", lobte dessen belgischer Nationaltrainer Roberto Martínez den 20-Millionen-Wechsel. Neben dem Belgier sorgt in der Zentrale der Ex-Bremer Thomas Delaney für die bessere Balance, noch so ein mutiger und kluger 20-Millionen-Transfer. Teurer war nur der 22 Jahre alte Abdou Diallo, Abwehrchef des Fast-Absteigers FSV Mainz 05. Der Franzose kostete gut 25 Millionen Euro - und zeigte bislang, dass das ein ziemlicher Schnäppchenpreis für einen Verteidiger seines Formates ist.

Favre achtet sogar auf die Handhaltung

Das gilt allerdings für alle Personalentscheidungen: Alle Neuen haben bisweilen eingeschlagen, zumindest aber nicht enttäuscht. Jacob Bruun Larsen, Real-Madrid-Leihgabe Achraf Hakimi, Außenspieler Marius Wolf und natürlich Sturm-Effizienzwunder Paco Alcacer vom FC Barcelona. Der - trotz Witsel - womöglich als größter Transferschnapp in die Geschichte des modernen Fußballs eingehen wird. Die Kaderplanung ist ein voller Erfolg, was in hohem Maße an Trainer-Neuzugang Lucien Favre liegt.

Auch der Schweizer galt als mutige Entscheidung, da er noch nie für einen europäischen Topklub gearbeitet hatte. Ein Risiko, das voll aufgegangen ist. In der "Sport Bild" schwärmen die Spieler von seiner Akribie. Bei Diallo korrigierte Favre die Handhaltung (!) für mehr Gleichgewicht beim Ballabschirmen. Bruun Larsen bekam erklärt, aus welcher Richtung er seine Gegenspieler beim Pressing anlaufen müsse. Marco Reus spielt so konstant gut wie selten zuvor im BVB-Trikot.

Borussia Dortmund ist unter Favre zum enthusiastischen, kreativen, temporeichen Fußball zurückgekehrt. Mit weniger Rock'n'Roll als bei Jürgen Klopp und reduzierterer Ballbesitzwut als bei Tuchel. Das ergibt in der Summe eine aufregend offensive Spielweise, in der die Top-Scorer Reus und Jadon Sancho mit ihrer Extraklasse herausragen. In der sich ein Spieler wie Mario Götze nach zähen Jahren des Dilemmas wieder in eine Form gespielt hat, in der Hochbegabte wie Mo Dahoud und Dan-Axel Zagadou mit ihrem phasenweise spektakulären, aber mitunter riskanten Aufbauspiel und naivem Zweikampfverhalten Fehler an der Seite der Führungsspieler im laufenden Spielbetrieb lernen dürfen. Und dabei im Blitztempo reifen.

Liste der Bayern-Baustellen ist lang

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Kovac lässt Kreativität im System vermissen.

(Foto: dpa)

In diesen Kategorien würden sie in München derzeit auch gerne arbeiten. Aber fürs Detail ist kein Platz, das große Ganze ist merkwürdig verschoben. Nach dem ersten Saisondrittel wirkt Trainer Niko Kovac heftig angezählt. Auch wenn Fragen nach einem "Arbeitsplatz"-Spiel gegen den BVB als "Blödsinn" abgekanzelt werden, drängt sich nach sehr zähen Spielen die Frage nach dem Rückhalt der Bayern-Bosse auf. Die hat und spürt er, betonte Kovac, führte dann aber kryptisch an: "Ob das auch öffentlich gemacht werden soll oder muss, darüber kann man diskutieren." Könnte man. Vollzogen wurde es dann reichlich spät.

Vielleicht, weil es genug andere Baustellen gibt. Die Liste der Bayern-Probleme ist lang: Die Abwehr patzt ungewohnt, es mangelt an Urvertrauen, statt Kreativität und Tempo gibt’s Quergeschiebe und Halbfeldflanken. Da sind nörgelnde Spielerfrauen und ein Maulwurf, der Interna ausplaudert. Und es mangelt dem im Sommer ohne Not ausgedünnten, aber trotz Überalterung (daran ändern die jungen Zugänge Serge Gnabry, Leon Goretzka und Renato Sanches nichts) kaum verstärkten Team schlicht an Personal. Dass zuletzt mit James Rodríguez, Thiago Alcántara, Arjen Robben, Kingsley Coman und Correntin Tolisso gleich fünf potenzielle "Geistesblitzer" verletzt waren, ist Pech. Dass der kleinste Kader der Liga für ein Team mit Dreifachbelastung zu klein sein könnte, nicht. Das ist vielmehr Indiz für den erneut verpassten Umbruch und die fehlgeleitete Überzeugung, das Meister-Abo trotzdem einfach so verlängern zu können.

Doch ein Fehlereingeständnis in München? Gibt es nicht. Stattdessen verwies Hoeneß auf den Welpenschutz für seinen Trainer und den Umbruch im Kader, der sich derzeit vollzöge. Welchen er damit meinte - diese Erklärung blieb er schuldig. Bei der mittlerweile schon legendären und indiskutablen "Auf-die-Fresse-Konferenz" ("Süddeutsche Zeitung") entlud sich der Frust über den vorläufigen Verlust der Münchner Dominanz in einer obskuren Medienattacke. Die seit der vergeigten Fußball-WM anhaltenden Formdellen der Nationalspieler und bayerischen Führungskräfte Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller konnte das Gepoltere nicht glätten. Ebenso wenig das hierarchische Problem, das Coach Kovac mit seiner ständigen und angeblich schlecht moderierten Rotation ausgelöst hast.

So jedenfalls sieht es Lothar Matthäus. "Niko hat den Fehler gemacht, dass er am Anfang der Saison alle gleich behandeln wollte. Wenn du aber alle gleich behandelst hast du keine Häuptlinge. Die Spieler, die immer Häuptlinge, sprich Führungsspieler waren, wussten auf einmal nicht mehr, woran sie unter diesem Trainer sind", sagte er der "Welt". "Ich vermisse bei der Mannschaft die Souveränität, und das liegt auch daran, dass die wichtigen Spieler nicht wissen, welches Standing sie haben. Wer Häuptling und wer Indianer ist. Dieser Fehler ist für einen Bayern-Trainer nur sehr schwer auszubügeln."

Es fehlen die Experten

Häuptlinge? Die heißen in München: Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Und zwar nur Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Zwar weisen die Bayern-Bosse gerne daraufhin, dass auch Hasan Salihamidzic als Sportdirektor ein wichtiger Mann sei, Salihamidzic tut das auch, obwohl das für einen Sportdirektor selbstverständlich sein sollte. Nur: Salihamidzic' Status hat Rummenigge mit seiner Antwort-Entmündigung persönlich untergraben. Es hilft außerdem nicht, dass Team und Trainer ihrem Sportdirektor keine sportlichen Argumente für eine kraftvolle Amtsausübung liefern.

Derweil ziehen Hoeneß und Rummenigge beharrlich ihre Kreise, aber nicht am selben Strang. Sie haben es verpasst, das Bayern-Kompetenzteam mit meinungs- und persönlichkeitsstarken Experten zu verstärken, mit einem Philipp Lahm oder Oliver Kahn. Kurzum: Mit Klub-DNA wie der von Hoeneß dafür verlachte BVB. Dabei, so hat Uli Hoeneß erst am Donnerstag behauptet, würde er gerne schon bald Schluss machen, spätestens in drei Jahren. Wer sich den Zustand des FC Bayern im November 2018 anschaut, die Versäumnisse im Sommer, die Pressekonferenz vom 19. Oktober, der wird sich fragen: Warum erst dann?

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Quelle: n-tv.de

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