Fußball

Zwei Jahre vor der WM in Katar Die Fifa hat recht behalten - in der Theorie

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Das Education City Stadion ist eine der drei bereits eröffneten WM-Arenen in Katar.

(Foto: REUTERS)

In zwei Jahren beginnt in Katar das umstrittenste Fußball-Turnier aller Zeiten. In dem kleinen Emirat wird in der Adventszeit die Weltmeisterschaft 2022 ausgetragen. Wie ist der Stand der Vorbereitungen? Und wie wirkt sich die Corona-Krise darauf aus?

Am 2. Dezember 2010 vergibt die Fifa die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 nach Katar. Seitdem reißt die Kritik nicht mehr ab. Menschenrechtsverletzungen, Korruptionsvorwürfe, unzählige tote Bauarbeiter, ein Land ohne jede Fußballtradition, das mit der WM positive Schlagzeilen machen will. Das kleine Emirat kann damit leben. "Wir sehen eine langfristige Strategie, die etwa im Jahr 1996 einsetzt. Kurz nachdem der Vater des gegenwärtigen Emirs an die Macht gekommen war", blickt Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" zurück.

Hamad bin Chalifa Al Thani wollte Katar modernisieren, öffnen und zu Wohlstand verhelfen. Export von verflüssigtem Gas war das Mittel der Wahl. "Das hat den großen Vorteil, dass man es in Schiffen transportieren kann. Damit war Katar plötzlich nicht mehr auf irgendwelche Pipelines durch die Nachbarländer angewiesen", erklärt Steinberg. Seitdem kann das kleine Emirat sein Gas weltweit verteilen. "Besonders in Ostasien haben sie damit ein großes Interesse nicht nur am Gas, sondern auch an dem Staat Katar geschaffen."

WM 2022 ist "Krönung" der PR-Strategie

Das Geld fließt seit zwei Jahrzehnten in Strömen auf die Konten des Landes, aber Anerkennung im Westen gab es angesichts immer noch weit verbreiteter, rückständiger Traditionen nicht.

Deshalb wird ein Teil des katarischen Reichtums seit vielen Jahren in eine aufwendige PR-Strategie investiert. Das wichtigste Element war zunächst der Fernsehsender Al Jazeera, der innerhalb weniger Monate zum populärsten TV-Sender der arabischen Welt wurde. Irgendwann reichte diese Art der PR aber nicht mehr aus. Katar versucht seit einigen Jahren, im Sport Fuß zu fassen, vor allem im Fußball. Es geht um hoch dotierte Sponsoring-Verträge, mit denen das Emirat sein Image in der Öffentlichkeit aufpolieren will. Oder es wird einfach ein ganzer Klub gekauft. Paris Saint-Germain ist seit 2011 im Besitz einer staatlichen Investorenfirma.

Mit dieser Art der Öffentlichkeitsarbeit und Sportpolitik will sich das Emirat in den Mittelpunkt des regionalen und weltpolitischen Interesses bringen. "Die Krönung dieser Strategie war der Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2022", verdeutlicht Katar-Experte Guido Steinberg. Zum ersten Mal überhaupt findet in zwei Jahren das wichtigste Fußballturnier der Welt in der arabischen Welt statt - wegen der klimatischen Bedingungen geht das Turnier im Winter über die Bühne, vom 21. November bis 18. Dezember. "Die Situation in der Region ist einfach schwierig. Es gibt kaum Länder, die sich für solche Großereignisse qualifizieren. Dass es dann ein so kleines und junges Land wie Katar geschafft hat, war ein großer Erfolg."

Doch Katar hat die Vergabe des Events auch genutzt, um sich regionalpolitisch zu profilieren. Früher orientierte sich das kleine Land fast komplett am großen Nachbar Saudi-Arabien. Doch seit 2017 ist nichts mehr wie es war. Saudi-Arabien brach alle seine diplomatischen Beziehungen zu Katar ab und verhängte eine wirtschaftliche Blockade über das Emirat. Unterstützung bekommt Riad aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten. Sie alle werfen Katar eine zu große Nähe zum Iran und zu Terrorgruppen vor.

Das politische Umfeld, in dem die WM stattfindet, ist - vorsichtig ausgedrückt - heikel. Aber zumindest die Vorbereitungen sind offensichtlich weit fortgeschritten. Die Fifa vermeldete zuletzt, dass 90 Prozent der Infrastruktur im Gastgeberland fertiggestellt sei - drei der acht WM-Stadien wurden bereits eröffnet. "Wenn doch noch Probleme auftauchen sollten, werden sich die Katarer bemühen, mit ganz viel Geld zu zeigen, dass sie es besser machen als andere Staaten in der Vergangenheit", erwartet Steinberg.

Haben sich Arbeitsbedingungen verbessert?

Selbst die Corona-Krise hat bislang kaum Einfluss auf die Vorbereitungen genommen. Obwohl es etliche Infektionen im Land gab und gibt, auch unter den vielen Gastarbeitern, die Katar unter extrem harten Bedingungen WM-fit machen sollen. "Die gesamte Wirtschaft aller Golfstaaten beruht darauf, dass billige Arbeitskräfte vor allem aus Süd- und Südostasien in Scharen ins Land geholt werden und für sehr wenig Geld arbeiten", so Steinberg - der sogar Verbesserungen sieht. Das sogenannte Kafala-System sei zumindest in der Theorie abgeschafft worden. "Dieses System beruht darauf, dass jeder ausländische Arbeitnehmer einen Bürgen im Land benötigt. Und dieser Bürge, der kann beispielsweise dafür sorgen, dass sich ein Arbeitnehmer dann keinen neuen Arbeitsplatz suchen kann.

Aber der Schein trügt vielfach, denn auch scheinbare Verbesserungen wie die Einführung eines Mindestlohns im Jahr 2017 führen oft ins Leere. Immer wieder gibt es Meldungen, wonach der Lohn teilweise nicht bezahlt wird. Hinzu kommt, dass die Lebenshaltungskosten auch wegen der regionalen Isolation Katars in den vergangenen Jahren gestiegen sind und sich Arbeiter von ihrem wenigen Geld noch weniger leisten können - im wohlgemerkt reichsten Land der Welt.

"Es ist grundsätzlich tatsächlich so, dass die Ausrichtung der WM für eine Verbesserung der Lebensbedingungen gesorgt hat. Das kann uns aber nicht zufriedenstellen. Die Gehälter sind immer noch jämmerlich, die Arbeitsbedingungen sind brutal", sagt Steinberg und verweist vor allem auf die immense Hitze, die offensichtlich schon viele Arbeiter das Leben gekostet hat. Katar argumentiert seit Jahren damit, dass sie immer noch viel mehr Geld verdienen, als sie es in ihren Heimatländern je könnten. Und so gehen die WM-Vorbereitungen munter weiter.

Über 1.400 tote Gastarbeiter

"Wenn die Corona-Pandemie noch weiter anhält, beispielsweise dadurch, dass das Virus mutiert, Impfstoffe nicht wirken, könnte sich das auch auf die WM auswirken. Allerdings gehe ich davon aus, dass wenn die Pandemie spätestens im Winter 2021/22 unter Kontrolle ist, auch die WM ohne größere Probleme stattfinden wird. Allerdings mit Einschränkungen", vermutet Steinberg. Aber man könne eine Maskenpflicht, Abstandsgebote und Einschränkungen beim Alkohol nicht ausschließen.

Im streng islamischen Katar ist Alkoholkonsum für Einheimische streng verboten. Nur Urlauber und in Katar lebende Ausländer dürfen in Hotels oder Restaurants Alkohol trinken. Während des Turniers wird diese Regelung auf die sogenannten Fanzonen rund um die Stadien ausgeweitet.

Alkohol-Einschränkungen sind beim Blick auf die Wüsten-WM in Katar aber das kleinste Problem. 1.426 Gastarbeiter seien in zehn Jahren ums Leben gekommen, teilte die katarische Regierung im vorigen Jahr mit. Wie viele auf WM-Baustellen ums Leben gekommen sind, ist unklar. Für ein Fußballturnier, das dem Ausrichter vor allem zu PR-Zwecken dient, ist aber jeder Tote einer zu viel.

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Quelle: ntv.de