Fußball

Auf Schweinsteigers Spuren Die Goretzka-Transformation des FC Bayern

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Leon, der Starke.

Leon Goretzka zählt beim Fußball-Bundesligisten FC Bayern München zu den Aufsteigern der Saison. Insbesondere in der Rückrunde hat er eine beeindruckende Transformation vollzogen. Und das betrifft nicht nur seinen Bizeps.

Auf den ersten Blick ist das Bild unspektakulär, das Leon Goretzka auf seinem Instagram-Profil veröffentlicht hat. Der Fußballer des FC Bayern sitzt auf dem Fußboden und schraubt ein Möbelstück zusammen. Doch das Foto dokumentiert auch die offensichtlichste Entwicklung, die der 25-Jährige in den vergangenen Monaten genommen hat. Ein Kommentar zu dem Instagram-Post drückt es sehr plakativ und treffend zugleich aus: "Schrank baut Schrank auf". Doch es ist nicht nur der gewachsene Oberarm-Umfang, der ihn zu einem zentralen Bestandteil des Erfolgs der Münchner macht.

Goretzka ist beim deutschen Meister der Sprung vom Kader- zum Stammspieler gelungen. Unter Trainer Hansi Flick hat der Nationalspieler sich entscheidend weiterentwickelt. Der Mittelfeldmann hat während der Corona-Pause in einem derart beeindruckenden Tempo Muskelmasse aufgebaut, dass er wohl neben dem Fußball ein zweites Standbein aufbauen könnte - denn viele Menschen würden vermutlich selbst gern eine Goretzka-Transformation vollziehen.

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Noch mehr als seine Social-Media-Präsenz profitiert aber sein Spiel auf dem Platz davon. Er wirkt stabiler in Zweikämpfen und auch robuster, wenn er den Ball im Mittelfeld behaupten muss. Ein signifikanter Tempoverlust, der mit zunehmender Muskelmasse und damit steigendem Gewicht häufig ein Problem darstellt, ist aktuell nicht zu bemerken.

Goretzka ist die Ausnahme von der Regel

Neben diesem Upgrade sind es aber vor allem die altbekannten Qualitäten, die Goretzka für Flick so wichtig machen. Und die beschränken sich eben nicht nur auf einen muskulöseren Bizeps oder den Fußballplatz. Goretzka ist einer der wenigen Fußballer, die sich auch gern mal politisch oder gesellschaftlich positionieren. Er fürchtet keine Konsequenzen und steht für seine Überzeugungen ein. In einem Geschäft, wo jedes Wort tausendfach begutachtet und analysiert wird, ist das eher die Ausnahme als die Regel.

Auf dem Platz und in der Kabine ist der Ex-Bochumer hingegen nicht dafür bekannt, einer der Lautsprecher zu sein. Trotzdem wusste auch Vorgänger Niko Kovač um die Vielseitigkeit des Mittelfeldspielers. Goretzka ist ein Spieler, der sich anpassen kann und sich in den Dienst der Mannschaft stellt. So lief er unter Kovač auch mal als Linksverteidiger auf, als er dort gebraucht wurde. Ein Stammplatz blieb ihm jedoch verwehrt, zu inkonstant waren seine Leistungen. So wichtig seine Präsenz im Kampf gegen Rassismus oder sein gesellschaftliches Engagement neben dem Platz sind, so austauschbar schien er sportlich zu sein.

Zumal es mit Corentin Tolisso einen weiteren Spieler im Kader gibt, der auf dem Papier nahezu dieselben Stärken und Schwächen mitbringt wie Goretzka. Doch der Franzose verlor seinen Rhythmus, fehlte oft verletzt, könnte den Verein in diesem Sommer sogar verlassen. Und Goretzka? Der machte in einer Phase, in der seine Konkurrenz schwächelte und Flick den Trainerposten übernahm, entscheidende Schritte nach vorn.

Goretzka findet den richtigen Partner

Er ist eben ein Teamplayer. Einer, der selten genannt wird, wenn es um die Achse des Teams oder die absoluten Erfolgsgaranten geht. Aber Spieler wie er oder auch Außenverteidiger Benjamin Pavard sind es, die vor allem in den Situationen den Unterschied machen können, die in keiner Spielzusammenfassung ihren Platz finden würden.

Zum Autor
  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Mit kurzen raum-öffnenden Sprints und seiner Präsenz gegen den Ball ist Goretzka eine gute Ergänzung zum eher spielstarken und taktierenden Joshua Kimmich. Durch sein kluges Stellungsspiel ist Goretzka in der Lage, sehr große Räume zu verteidigen - eine Qualität, die im Mittelfeld der Flick-Bayern sehr wichtig ist. Doch nicht nur Goretzka profitiert: Auch Kimmich machte, mit Goretzka als Partner, einen weiteren Entwicklungsschritt. Beide zusammen schafften in der Rückrunde etwas, was seit Jahren beim FC Bayern kaum möglich schien: Das Fehlen von Thiago konnte ohne großen Qualitätsverlust aufgefangen werden.

Thiago war seit 2017 der Dreh- und Angelpunkt des Mittelfelds. Ohne ihn war das Aufbauspiel berechenbar und dem bayerischen Zentrum fehlte es an Einfluss aufs Spiel. Kimmich und Goretzka sind jeweils andere Spielertypen und können den Spanier nicht eins zu eins ersetzen. Aber zusammen haben sie eine Dynamik entwickelt, die das Spiel der Bayern anders, aber ebenso erfolgreich prägt, wie Thiago es getan hat.

Kimmich ist Goretzkas Martínez

Kimmichs Entwicklung seit seinem Zusammenspiel mit Goretzka lässt sich ungefähr mit jener von Bastian Schweinsteiger zwischen 2009 und 2013 vergleichen. 2009 war er noch die klare Nummer zwei im Mittelfeld hinter dem alles dominierenden Mark van Bommel. Als der Niederländer ging, musste Schweinsteiger Verantwortung übernehmen. Er wuchs daran und wurde dominanter. Seinen Höhepunkt erlebte er wiederum, als er den richtigen Partner im Mittelfeld bekam: Javi Martínez. Anders, aber ähnlich scheint es sich jetzt bei Kimmich zu verhalten, der aus dem Schatten Thiagos hervorzutreten scheint.

Vielleicht ist Goretzka zukünftig der Partner, der Kimmich zu seinem Höhepunkt verhelfen kann. Die bisher gezeigten Leistungen des Duos sind zumindest eindrucksvoll. Und Goretzka hat sogar noch Luft nach oben. So könnte er den Ball noch häufiger fordern und sich dafür auf dem Platz auch besser in Position bringen. Der Vorwurf, dass er zu häufig während eines Spiels abtauche, ist nicht unbegründet. So dominant Kimmich neben ihm auch ist, so wichtig wäre ab und an die zumindest phasenweise Entlastung und Variation fürs Bayern-Spiel.

In der Champions League wird das erfolgreiche Duo zunächst aber wieder getrennt. Denn solange Pavard verletzt fehlt, rückt Kimmich auf die Position des Rechtsverteidigers. Für Goretzka ändert sich dadurch allerdings nicht viel - was seine Entwicklung zusätzlich verdeutlicht. Denn Flick musste mit dem offensiveren Kimmich ein wenig umstellen und statt den flexiblen Goretzka wie einst Kovac als Lückenfüller zu nutzen, will er dessen Qualitäten bestmöglich einsetzen.

Im Testspiel gegen Olympique Marseille sicherte Thiago die rechte Spielfeldseite immer wieder ab, indem er sich entweder zwischen die Innenverteidiger fallen ließ und es so Jérôme Boateng ermöglichte, breiter zu verteidigen, oder der Spanier bewegte sich selbst diagonal nach rechts hinten und schob die beiden Innenverteidiger nach links.

Kompromiss bei Thiago

Entscheidend für Flick: Goretzkas Offensivdrang blieb dadurch ungestört. Denn auch das ist eine seiner Qualitäten. Ähnlich wie damals Arturo Vidal oder Bastian Schweinsteiger stößt Goretzka gern aus dem Mittelfeld in den gegnerischen Strafraum vor. Damit entstehen Überraschungsmomente, in denen Müller, Lewandowski und er die Defensivformation des Gegners durcheinanderbringen können.

Goretzka ist zudem für einen Mittelfeldspieler sehr torgefährlich. Auch diese Fähigkeit will Flick mit einer veränderten Rolle nicht verlieren. Also geht er den Kompromiss lieber bei Thiago ein, der sein Spiel hinten nur etwas umstellen muss, während Goretzka sich mehr verbiegen müsste. Dass er das könnte, steht wohl außer Frage. Flick aber braucht ihn genau da, wo er aktuell spielt. Das hat Goretzka sich erarbeitet.

Die Champions League ist nun die große Bühne, auf der er dem Trainer dieses Vertrauen zurückzahlen kann. Und wer weiß? Vielleicht stemmt Goretzka in wenigen Wochen die große silberne Trophäe in den Nachthimmel von Lissabon. Vermutlich würde dafür eine Hand locker ausreichen. Doch das ist nur Nebensache.

Denn die Goretzka-Transformation beinhaltet vor allem auch seine charakterlichen und fußballerischen Qualitäten, ohne die sein Bizeps allein wenig wert wäre. Im Mannschaftsgefüge von Flick ist er jedenfalls ein annähernd perfektes, weil sehr wandlungsfähiges Puzzleteil. Ein nahezu kompletter Typ, der den Bayern noch sehr viel Freude bereiten wird.

Quelle: ntv.de