Fußball

Der Königstransfer des FC Bayern Javi Martinez, der vergessene Wadlbeißer

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Javi Martinez in seiner besten Rolle: der des leidenschaftlichen Vorkämpfers.

(Foto: dpa)

Wohl kaum ein Fußballer beim FC Bayern hat seinen Körper in den vergangenen Jahren so hart in Dienst des Klubs gestellt wie Javi Martinez. Als kompromissloses Stoppschild hat er sich jeder Angriffswelle entgegengeworfen. Doch die Zeit des Basken ist vorbei - sie könnte indes legendär enden.

Es gibt wahrlich schlechtere Orte auf dieser (Fußball)-Welt für ein letztes bestes Spiel als die Anfield Road des FC Liverpool. Ob es nun dort wirklich sein letztes bestes Spiel war, darüber ist noch nicht entschieden, schließlich ist Javi Martinez erst 31 Jahre alt. Und noch spielt er beim FC Bayern, der in den kommenden viereinhalb Wochen intensiv daran arbeitet, das zweite Triple der Klubgeschichte zu gewinnen. Das zweite mit Javi Martinez.

Aber anders als damals, als 2013, ist er längst nicht mehr der alles fressende Wadlbeißer. Martinez ist beim FC Bayern nur noch ein längst vergessener Königstransfer. Einer, der zuletzt am 19. Februar 2019 eindrucksvoll daran erinnerte, warum die Münchner einst die Rekordsumme von 40 Millionen Euro für ihn zahlten, als er den donnernden Heavy-Metal-Express der Reds im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League mit seinem Körper, seiner Leidenschaft wuchtig abbremste (0:0). Das die Bayern im Rückspiel untergingen, egal.

Javi Martinez, das war einst ein kaum zu überwindendes baskisches Stoppschild. Nicht furchterregend, aber fürchterlich konsequent. Der Schlüsselspieler von Jupp Heynckes (bei beiden Engagements), der den 2012 in Deutschland noch eher unbekannten Welt- und Europameister unbedingt verpflichten wollte (und das dann auch tat). Einer, der sich allem und jedem in den Weg stellte, warf, flog. Wie es gerade sein musste, um aufkommende Gefahr entweder direkt zu ersticken oder sie zu entschärfen, ehe sie zum Tatort wurde.

Sein Körper, seine Physis, das waren seine Waffen - nebenbei konnte (kann) er natürlich auch gut Fußballspielen. Es waren unverzichtbare Waffen in einem titelgierigen Ensemble, dass auf Weltniveau dribbelte (Franck Ribéry), verzauberte (Arjen Robben), irrlichtete (Thomas Müller) und bisweilen wundervoll dirigierte (Xabi Alonso und Bastian Schweinsteiger).

Mehr Krampf- statt Kampftage

Für sie alle war Martinez der Mann, der ihnen ihren Freigeist erfolgreich ermöglichte. Dafür gab er alles, vor allem seinen Körper. Die strapazierende Spielweise hat ihren Tribut gefordert. Statt Kampftagen gab es immer häufiger Krampftage. Tage, an denen Martinez nicht auf dem Platz stehen konnte - 711 sind es laut transfermarkt.de. Ein Mini-Reus.

In dieser Saison absolvierte der 31-Jährige tatsächlich bereits 23 Pflichtspiele für den FC Bayern (trotz 92 Ausfalltagen). In Erinnerung geblieben sind nur wenige. Sehr wenige. Am ehesten noch das 4:0 der Münchner gegen den BVB, das als wuchtige Befreiung von Ex-Coach Niko Kovac in die Saisonrückblicke einging. Von jenem Trainer also, mit dem offenbar größere Teile der Mannschaft fremdelten, der für viele verdiente Spieler keine Verwendung hatte. Unter anderem eben Martinez.

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Doch anders als bei Thomas Müller und Jérôme Boateng, die prominentesten Leidenden unter Kovac, griff der Flick-Effekt (Anmerk. d. Red.: Wechsel zu Coach Hansi Flick) bei dem Basken nicht. Und so steht seine Ära nun offenbar vor dem Ende. Und nichts anderes als eine Ära war es. In seinen acht Jahren in München ist er immer Meister geworden, fünfmal hob er den DFB-Pokal in Berlin, einmal den Henkelpott, 2013 in Wembley.

Leiser Abgang als Legende

Und mit jenem Henkelpott, der den Beginn der erfolgreichen Erzählung des Spaniers in München begründete, könnte seine Zeit nun zu Ende gehen. Beim Champions-League-Turnier in Lissabon, der letzten Kuriosität dieser Pandemie-Saison, geht der FC Bayern mindestens als Mitfavorit in die Knockout-Duelle. Wenn denn zuvor der FC Chelsea im Rückspiel des Achtelfinals nicht noch ein Wunder schafft und ein 0:3 aus dem Hinspiel aufholt. Martinez wird natürlich dabei sein - wenn es sein Körper zulässt. Im Kader stehen, gegen die Londoner und in Lissabon. Er wird eventuell noch ein paar Minuten für die Statistik abgreifen. Seine Legende zu Ende schreiben, als einer von nur fünf Profis der Münchner, die zweimal das Triple gewonnen haben - neben Manuel Neuer, neben David Alaba, neben Müller und Boateng. Aber ein bester letzter Moment? Schwer vorstellbar.

"Wenn Javi fit ist", sagte Trainer Hansi Flick erst am vergangenen Wochenende, "kannst du dich zu 1000 Prozent auf ihn verlassen. Er hat das eine oder andere Wehwehchen, aber er ist voll dabei, engagiert und es ist für mich wichtig, dass wir im Spiel seine Qualität bringen können." Dringend gebraucht wird sie beim Rekordmeister indes nicht. Die Defensive steht unter Flick brutal stabil. Im zentralen Mittelfeld, der besten Position von Martinez, bilden die Nationalspieler Joshua Kimmich und Leon Goretzka ein überragendes Pärchen. Eines mit Vehemenz (Kimmich) und Wucht (Goretzka). Ihr perfektes Zusammenspiel macht sogar den Abgang des feinen Thiago sehr wahrscheinlich.

Und in der Innenverteidigung, wo Martinez unter den Trainern Josep Guardiola und Carlo Ancelotti vorwiegend eingesetzt wurde, haben sich Alaba und Boateng so festgespielt, das sich selbst der wiedergenesene Abwehrchef Niklas Süle und Rekordmann Lucas Hernandez schwertun ihren festen Platz in der Mannschaft zu finden. Das alles kann sich nun in den kommenden Wochen ändern. Zum einen, weil Rechtsverteidiger Benjamin Pavard länger auszufallen droht. Zum anderen, weil die Zukunft von Boateng und Alaba unklar ist. Ihr Verbleib ist längst nicht gesichert - ihre Verträge laufen 2021 aus, noch bringen sie Geld.

Spekuliert wird viel. Über Personalrochaden in der Mannschaft, über Neuzugänge. Namen werden im Akkord geliefert, aus allen möglichen Ligen. Es geht um Wunderkinder (Eduardo Camavinga), um Vizeweltmeister (Marcelo Brozović) und um Premier-League-Stars (Tanguy Ndombele und Tiemoue Bakayoko). Sogar eine Kraft aus den eigenen Reihen taucht nun wieder häufiger auf, wenn es um die prominenteren Plätze für den künftigen Kader geht: der Weltmeister Corentin Tolisso. Nur einer, über den reden sie nicht mehr, über ihren längst vergessenen Wadlbeißer Martinez.

Quelle: ntv.de