Fußball

Es geht um sein Bayern-"Erbe" Die letzte Chance für Thiago Alcántara

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An ihm scheiden sich die Geister: Thiago.

(Foto: imago images/VI Images)

Der FC Bayern kann seiner langen Erfolgsgeschichte in dieser Saison einen weiteren historischen Erfolg hinzufügen: das zweite Triple. Ein Mann, auf den es ankommt, ist Thiago. Für den Spanier ist es vielleicht die letzte Chance, sein öffentliches Bild zu korrigieren.

Der Ball ist sein Freund. Die Medien sind es nicht. Zumindest nicht immer. So zart Thiago Alcántara das Spielgerät auch füßelt, so hart fällt allzu oft die Bewertung über seinen Einfluss auf das Spiel des FC Bayern aus. Ein Mann mit den herausragenden Qualitäten des Spaniers, der muss offenbar immer und überall die maximale Dominanz ausstrahlen, will er nicht öffentlich auseinander genommen werden. Mindestens so, wie die Weltfußballer-Abonnenten Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, die ebenfalls stets hart angegangen werden, wenn sie sich in einem Spiel irgendwo unter dem Niveau "weltklasse" tummeln.

Seit sieben Jahren steht Thiago beim FC Bayern unter Vertrag. Er hat 231 Mal für den Rekordmeister gespielt. Er hat 31 Tore geschossen, 37 vorbereitet. Er hat das Spiel gelenkt, er hat im Spiel gegrätscht. Und er hat mit den Münchnern 16 Titel gewonnen, darunter sieben Meisterschaften und vier DFB-Pokale. Was er aber nicht geschafft hat: einen Titel zu gewinnen, der NUR an ihm festgemacht wird. Nicht wie Arjen Robben - im Champions-League-Finale 2013 - oder wie Robert Lewandowski (in nahezu jeder Bundesliga-Saison) oder wie Franck Ribéry, Manuel Neuer und Thomas Müller, die immer wieder die Unterschiedsspieler waren.

Das Urteil fällt in Lissabon

Thiago waren immer einer von ihnen. Einer der wichtigsten sogar, aber nie der wichtigste. So erfolgreich seine Zeit, eine Ära durchaus, beim FC Bayern war, so unvollendet geht sie in der öffentlichen Bewertung durch. Eine letzte Chance, diese Wahrnehmung zu korrigieren, bietet sich ab Samstag, wenn sich die Münchner im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League über den FC Chelsea für das Finalturnier qualizieren wollen (Hinspiel 3:0). Weil die Voraussetzungen in diesem Duell allerdings so klar sind, wird das Spiel gegen die Londoner weniger Basis für die Bewertung von Thiagos Erbe beim Rekordmeister, als die kommende Knockoutrunde in Lissabon.

Abschließend, weil die Zeit des 29-Jährigen an der Säbener Straße sehr wahrscheinlich zu Ende geht. Der Spanier hatte zunächst offenbar sehr vielversprechenden Gespräche über eine Verlängerung seines 2021 endenden Vertrags geführt, ehe er eine radikale Wende vollzog. Die beeindruckende Titelsammlung soll nämlich an anderer Stelle fortgeführt werden. Eventuell beim FC Liverpool, der zum Hauptinteressenten für Thiago geschrieben wurde. Der Stand der Verhandlungen? Changiert je nach Medium zwischen "fast fix" und "noch zu teuer". Rund 30 Millionen Euro sollen's wohl sein. Ob sich die Reds überhaupt ernsthaft mit dem Spielmacher beschäftigen? Mehr als vage Aussagen von Coach Jürgen Klopp gibt es nicht.

Kimmich räumt den Platz

Dass Thiago in Lissabon noch einmal richtig wichtig werden wird, hängt auch damit zusammen, dass sich Benjamin Pavard verletzt hat. Der weltmeisterliche Rechtsverteidiger, für den es im Kader nur einen gleichwertigen Ersatz gibt: Joshua Kimmich, den mittlerweile etablierten, und so galligen Mittelfeldchef, der nach der Zwangspause gemeinsam mit Leon Goretzka ein sehr kraftvolles Zentrum bildete. Eines, in dem Thiago eigentlich gesetzt war, ehe er sich an der Leiste verletzte. In dem er dann allerdings nicht mehr zwingend vermisst wurde, obwohl er unter Trainer Hansi Flick eine seiner stärksten Halbserien für die Münchner gespielt hatte.

Thiago, bei allem Laissez-faire in seinen Aktionen, gibt dem Spiel des Rekordmeisters "das gewisse Etwas" wie Coach Flick gegenüber Sport1 sagte. Es sind die schnellen Drehungen, die Pässe ohne Blickkontakt, die Zusammenspiele mit dem Innen- oder Außenrist, die eine gegnerische Mannschaft überrumpeln. Die den bayerischen Powerfußball mit hohem Pressing und hohem Tempo eine künstlerische Note geben. Es ist aber auch die brutale Ballsicherheit, mit der Thiago das Spiel beruhigen, wenn nötig auch befreien kann.

Ein Topspiel-Sprint zum Triple

Der unbestrittenen Genialität am und der mittlerweile anerkannten Arbeit gegen den Ball steht der Vorwurf gegenüber, dass Thiago sich in den großen Spielen allzu gerne versteckt. Nicht vorangeht. Nicht der Führungsspieler ist, der er angesichts seiner Qualitäten sein müsste. Es ist ein Vorwurf, den viele Experten und Fans als entkräftet werten. Ebenso viele halten aber daran fest.

Thiago kann sie nun binnen 15 Tagen alle widerlegen. Im durch die Pandemie massiv veränderten Modus steht für den FC Bayern ein Königsklassen-Sprint an. Erst das Rückspiel gegen den FC Chelsea, dann ein Viertelfinale gegen den FC Barcelona oder den SSC Neapel. Im Halbfinale könnte Manchester City mit Josep Guardiola warten, der den 29-Jährigen einst mit den mittlerweile legendären Worten "Thiago oder nix" nach München lockte. Und im Endspiel könnte der Gegner Paris St. Germain heißen.

Will der Spanier nicht nur ein sehr wichtiger Spieler während seiner Zeit beim FC Bayern bleiben, sondern einer der wichtigsten werden. Der Mann sogar, dem das zweite Triple der Klubgeschichte zugeschrieben wird, als Abschiedsgeschenk seiner Ära, dann heißt es jetzt: Thiago, jetzt aber fix.

Quelle: ntv.de

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