Fußball

Kritische DFB-Elf erheitert Löw EM-Ticket ist "kein Grund zu eskalieren"

EM-Ticket gelöst, Tabellenführung übernommen: Das vorletzte Qualifikationsspiel für das erste paneuropäische Turnier im nächsten Jahr endet für die deutsche Nationalmannschaft erfolgreich. Über den Stand der Entwicklung des DFB-Teams sagt dieses Fußball-Spiel indes nichts aus.

Die wohl schlimmste Floskel, die ein Fußballer sagen kann, den sagte Toni Kroos. Klar sei es schön, ein Tor geschossen zu haben (Anmerk. d. Red.: es waren sogar zwei), erklärte der 29-Jährige am Samstagabend in der Mixed-Zone des Mönchengladbacher Borussia-Parks. Aber wichtiger sei es doch, dass die Mannschaft gewonnen habe. Mit 4:0 war das gelungen. Gegen Weißrussland. Es war eine höchst souveräne, wenn auch keine mitreißende Leistung des DFB-Teams.

Überfordert, wie es Bundestrainer Joachim Löw direkt vor dem Anpfiff gefordert hatte, hatte die deutsche Nationalmannschaft ihren Gegner trotz 31 (!) Torschüssen und 71 Prozent Ballbesitz aber nicht. Für die sichere EM-Teilnahme taugte der Sieg indes allemal. Und weil die Niederlande in der Parallelpartie der Gruppe C nur 0:0 in Nordirland spielten, ist Deutschland nun auch Tabellenführer. Und deswegen, so fand Kroos, sei es eben doch richtig, was er da gerade gesagt hatte. Das mit dem Erfolg der Mannschaft und so.

Die war durch erneut zahlreiche Ausfälle wieder einmal ordentlich durchmischt worden. Mit den Rückkehrern Leon Goretzka, er spielte etwas überraschend für Julian Brandt auf der offensiven Außenposition, mit Matthias Ginter, in Abwesenheit des noch lange verletzten Niklas Süle nun der offizielle Abwehrchef, und eben mit Kroos.

Diese drei Spieler, so hatte der Bundestrainer vor dem Spiel gesagt, würden dem jungen Team Stabilität geben. Dieser 24-jährige Goretzka. Dieser 25-jährige Ginter. Und dieser 29-jährige Kroos. Und dass nun eben die drei gelobten Rückkehrer alle Tore gegen Weißrussland erzielten, das kann man sich auch nicht ausdenken. Nicht einmal der Bundestrainer. Nicht einmal mit der Erfahrung von nun 180 Spielen.

"Es ist schon etwas Besonderes, mit 29 Jahren schon zu den Alten zu gehören. Aber es macht Spaß, da wir viele Spieler mit hoher Qualität im Kader haben. Natürlich fehlt noch Erfahrung, aber die Abläufe werden besser", sagte Kroos. "Wie weit wir sind, sehen wir dann kurz vor dem Turnier. Aktuell zähle ich uns nicht zu den absoluten Favoriten. Aber das heißt ja nicht immer was." Tatsächlich gab das Spiel sehr wenig Aufschluss über den derzeitigen Leistungsstand des DFB-Teams. Zu schwach war der Gegner.

Manche sangen, aber es war auch sehr, sehr kalt

Matthias Ginter per Hacke (42.), unmittelbar nach einer tüchtigen Doppelchance der Weißrussen, die Manuel Neuer blendend klärte, Goretzka per Flachschuss (49.) und der schussfreudige Kroos mit zwei sehr sehenswerten Aktionen beim Abschluss (55./83.) - so baute sich das 4:0 zusammen. Ein Ergebnis, das aber sehr viel rauschhafter klingt, als es sich angefühlt hatte. Zwar war das Team dauernd um Dynamik über die Außenbahnen bemüht, um Kreativität im Zentrum und auch um Bolzplatzmomente im direkten Duell, so wie sie sich DFB-Direktor Oliver Bierhoff erst vermehrt gewünscht hatte, aber an der fehlerfreien Ausübung haperte es dann allzu oft. Konstanz ist jetzt das Stichwort. Der Umbruch ist verbal überholt. Weil in vollem Gange.

2f8bd4565f075684f84d5ed920f7e732.jpg

Sommermärchenhelden unter sich: RTL-Experte Jürgen Klinsmann und Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: imago images/Chai v.d. Laage)

Erst recht, wenn mindestens zwei dieser drei Grundpfeiler des deutschen Spiels mal miteinander kombiniert wurden. Schnell, sauber und auch mal trickreich, das ging bis zur Führung nicht zusammen. Die hatte Serge Gnabry schließlich vorbereitet. Das sah schön aus und weckte auch das Publikum auf. Der Treffer war allerdings irregulär - Abseits. Kein Verantwortlicher sah's, also galt's. Ein Videokorrektorat gibt es in der EM-Qualifikation nicht.

Für Stimmung hatte bis dato nur eine "Big Band" nach niederländischem Vorbild gesorgt. Mit ihren Blasinstrumenten spielten sie in ihren eigenartigen Patchwork-Felloveralls alles, was dem Fußball-Fan lieb (oder eben nicht) war. Manche sangen auch mal mit, 33.164 Menschen waren ja schließlich gekommen. Eine über 90-prozentige Auslastung des Stadions, wie sie Bierhoff zuletzt noch für die vergangenen Spiele vorgerechnet hatte, wurde damit nicht erreicht. Es war aber auch wirklich, wirklich kalt. Und der Gegner, vor allem dessen Spielweise, wirklich nicht attraktiv. Wirklich nicht. Mit der Kleinfeld-Verdichtung durch Vielbeinigkeit hatte er es dem munteren, aber fahrigen DFB-Team zunächst schwer gemacht. Das sah auch Kroos.

Es war eine weißrussische Herangehensweise, die allerdings niemanden überraschte. "Wir wussten ja, dass sie versuchen, es extrem eng zu machen", erklärte Goretzka. "Aber wir wollten deswegen auch immer weiter auf dem Gaspedal bleiben, den Gegner immer weiter bespielen. Denn aus Erfahrung wissen wir, dass sich im Laufe des Spiels dann mehr Lücken bieten." Die Lücken kamen. Allerdings auf beiden Seiten des Spielfelds. Was so nicht sein sollte. "Mir persönlich hat es nicht gefallen, wie oft der Gegner in der zweiten Halbzeit bei uns vor dem Tor aufgetaucht ist", klagte Goretzka. "Nach der Führung sind wir ein wenig leichtsinnig geworden."

Jetzt geht's um den Gruppensieg

Nachdem Neuer in den ersten 45 Minuten noch spektakulär einen Distanzschuss von Igor Stassewitsch pariert und auch den Nachschuss von Denis Laptew entschärft hatte (40.), musste er sich in der zweiten Halbzeit eines Foul-Elfmeters von Stassewitsch annehmen (75.). Er tat das höchst souverän. Es war tatsächlich sein erster gehaltener Elfmeter in der regulären Spielzeit eines Länderspiels. Robin Koch hatte zuvor etwas ungeschickt gerempelt. Es war die beste von mehreren weißrussischen Chancen. Ein Kopfball des freistehenden Stanislav Dragun aus gut sechs Metern war auch nicht schlecht (69.). Nicht schlecht als Chance. Schlecht verwertet war sie dagegen schon. 

Klar, das waren Phasen, die dem Bundestrainer nicht gefallen haben. Er wolle das natürlich mit der Mannschaft aufarbeiten. Aber er habe auch viele positive Dinge gesehen. Deswegen war er grundsätzlich zufrieden. Deswegen gab's ein "Kompliment". Zum Beispiel dafür, dass seine Spieler nie Zweifel am Sieg aufkommen gelassen hatten. Zum Beispiel dafür, dass sie sehr spielfreudig waren. Zum Beispiel dafür, dass sie viele schöne Kombinationen gezeigt hatten. "Heute war es wichtig, dass wir den Charakter zeigen, den wir nächstes Jahr auch beim Turnier brauchen und sehen wollen", urteilte Löw. Dass mit Neuer, Kroos und Ginter die letzten, verbliebenen Weltmeister - Ginter spielte in Brasilien aber nicht eine Sekunde - in führendem Auftrag das Spiel lenkten, erfreute den Bundestrainer besonders. "Es ist wichtig, dass man solche Spieler hat. Deswegen spielen sie in meinen Planungen eine große Rolle."

Nun, bevor das Länderspiel-Jahr am Dienstag ausklingt und die Planungen für 2020 beginnen, setzt sich die DFB-Elf aber noch ein relevantes Ziel in der Qualifikation: den Gruppensieg. Der einfachste Weg dorthin: Ein Erfolg gegen die Nordiren. "Wenn uns dieses Ziel egal wäre, würde ich das scharf kritisieren", sagte Goretzka. Und erklärte auch warum: "Wir haben ja nicht mehr viele Spiele bis zur EM. Da gilt es nun jedes Spiel, jede Minute zu nutzen, um weitere Schritte in unserer Entwicklung zu gehen." Es gebe schließlich überall noch etwas zu verbessern. Das bereits sichere EM-Ticket sei eine schöne Sache, aber auch etwas, das man von der deutschen Mannschaft erwarte. Und damit folglich "kein Grund zu eskalieren".

Quelle: n-tv.de