Fußball

EM-Ticket-Sieg im Schnellcheck DFB-Bolzplatzkicker robusteln sich zur EM

Joachim Löws verlangte Robustheit zeigt die DFB-Elf beim Sieg über Belarus nur teilweise. Immerhin blitzt die geforderte "Bolzplatzmentalität" hier und da durch und in der zweiten Hälfte ist das weißrussische Bollwerk schließlich gebrochen.

Was ist passiert?

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat das Ticket für die Europameisterschaft 2020 gelöst. Und sogar mit 4:0 (1:0) gegen Weißrussland gewonnen. Klingt nach Dominanz, nach Stärke. Nach robuster Durchsetzungsfähigkeit, die Bundestrainer Joachim Löw vor der Partie extra eingefordert hatte? Nun ja, vereinzelt vielleicht. Die DFB-Elf hatte natürlich auch wieder einige Ausfälle zu beklagen und musste sich wieder einmal neu aufstellen. Immerhin waren Jonas Hector, Nico Schulz, Jonathan Tah, Leon Goretzka, Matthias Ginter und Toni Kroos aber wieder dabei. Der Gladbacher Ginter durfte vor heimischer Kulisse auch gleich mal als Abwehrchef ran. Ein Lichtblick in einer Nationalelf, die viel wollte, aber - vor allem in der ersten Hälfte - oftmals nicht den richtigen Schlüssel für die verrammelte weißrussische Pforte fand.

In der zweiten Halbzeit kam zwar auch nur selten weitere Robustheit im deutschen Spiel auf. Dafür fielen mehr Tore. Hatte in der 42. ausgerechnet Lokalmatador Ginter (per Hacke!) getroffen, so durften wenig später Goretzka (49.), und zweimal Kroos (55., 83.) ran. Auch die deutsche Nummer eins, Manuel Neuer, konnte Punkte im Zweikampf mit Barcelonas Marc-André ter Stegen sammeln: Der Bayern-Keeper hielt einen von Robin Koch verursachten Elfmeter (75.). Über allem steht natürlich die Quali für die EM 2020. Dank des Unentschiedens der Holländer in Nordirland kletterte die DFB-Elf sogar auf Platz eins in der Gruppe und hat am Dienstag (20.45/RTL und im Liveticker auf n-tv.de) gegen die Nordiren den Gruppensieg in der eigenen Hand. Aber: Bei allem Jubel sollte nicht vergessen werden, dass die DFB-Elf zwar mal wieder ihr Potenzial andeutete, aber auch bekannte Schwächen zeigte. Der von Löw zu spät begonnene Verjüngungsprozess bedarf noch immer viel Arbeit und ... äh ja, Robustheit.

Was ist im Stadion sonst noch passiert?

Die Hobbyphilosophen vom Fanklub der Nationalmannschaft hatten wieder brav plakatiert. Sie saßen auf der Nordtribüne des Borussia-Parks im Mönchengladbacher Stadtteil Rheindahlen-Land, also dort, wo sonst die Fans des Tabellenführers der Bundesliga stehen. Dieses Mal stand da über einer Choreografie, die wir beim besten Willen nicht deuten konnten: "Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen!" Auch das lässt sehr viel Raum für Interpretationen. Falls Ihnen etwas dazu einfällt, schicken Sie bitte eine Mail an sport@nachrichtenmanufaktur.de.

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Die Blaskapelle sorgte nicht unbedingt für die richtige Stimmung auf den Rängen.

(Foto: imago images/MIS)

Wie abzusehen, war das Stadion mit seinen 46.291 Sitzplätzen bei internationalen Spielen nicht annähernd ausverkauft. Der Oberrang im Süden war nahezu komplett leer. Und für echte Stimmung sorgte auch die erstmals in Erscheinung getretene Big Band nach niederländischem Vorbild im Norden auch nicht. Wie das halt so ist an einem saukalten Novemberabend bei einem eher weniger spannenden Spiel gegen einen Kontrahenten minderer Güte. Wobei das Outfit der Musik-Combo ganz interessant aussah, es erinnerte ein wenig an aneinandergetackerte Fell-Koteletts. Immerhin durften die, die es mit der sehr bemühten und auch überlegenen DFB-Elf halten, dann letztlich doch einige Male jubeln. Nach einer guten Stunde versuchten sich einige der 33.164 Zuschauer gar an einer Welle. Bei Temperaturen von zwei Grad über Null war das nicht die schlechteste Idee.

Teams & Tore

Tore: 1:0 Ginter (41.), 2:0 Goretzka (49.), 3:0 Kroos (55.), 4:0 Kroos (83.)
Deutschland: Neuer - Klostermann, Ginter, Koch, Schulz - Kimmich, Kroos - Goretzka, Gündogan, Gnabry (84. Waldschmidt/90.+1 Rudy) - Werner (68. Brandt)
Weißrussland: Gutor - Matveychik, Martynovich, Naumov, Polyakov - Kovalev (78. Skavysh), Dragun, Maevski, Nekhajchik (84. Bessmertny) - Stasevich, Laptev (68. Lisakovich)
Schiedsrichter: Orel Grinfeld (Israel) - Zuschauer: 33.164

Der robusteste Spielfilm seit Rambos Rückkehr

2. Minute: Timo Werner zeigt, dass er dem Trainer zugehört hat. Ein erster Abschlussversuch, bei dem er robust seinen Körper einsetzt. Sein Schüsschen ist aber genau das Gegenteil vom Körpereinsatz.

12. Minute: "Deutsche Tugenden" hatte Oliver Bierhoff gefordert, neben der Robustheit auch eine "Bolzplatzmentalität". Ilkay Gündogan zeigt mal wie das geht. Bolzplatzmäßig lässt er mit seinem feinen Hackenpass auf Lukas Klostermann gleich zwei Weißrussen aussteigen. Der Leipziger findet mit seiner Flanke Teamkollege Timo Werner. Dessen Kopfball ist allerdings auch Bolzplatz: Kopfball können da nämlich die wenigsten.

13. Minute: Wenn jemand für Widerstandsfähigkeit steht, dann Manuel Neuer. Der Torwart unterbietet in bester Neuer-Manier einen Konter, indem er mal eben an der Mittellinie einen Ball abfängt. Unverwüstlich. Löw muss stolz sein.

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Serge Gnabry legt nach dem Bolzplatz-eins-gegen-eins mustergültig vor zum 1:0.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

17. Minute: Nach einem Ballverlust am Sechszehner der Weißrussen stürmen direkt drei DFB-Kicker auf den Ballführenden und erobern die Kugel zurück. Frühes Pressen und hohes Anlaufen ist auch Robustheit, hatte Goretzka vor der Partie erklärt. Dann führt selbst der sonst nur für punktgenaues Schönspiel bekannte Kroos einen Zweikampf so vehement, dass er fast schon als Aggressiv-Leader durchgehen könnte. Sein Abschluss ist aber (noch!) zu harmlos. Nur drei Minuten später nähert der Mann von Real Madrid sich weiter an und trifft mit einem Gewaltschuss immerhin schon mal das linke Außennetz.

39. Minute: Flanke aus dem Halbfeld von Goretzka auf Serge Gnabry, der in die Tiefe des Sechszehners startet. Mit dem Kopf legt der Münchner direkt ab auf Werner. Der Leipziger steht frei vor dem Tor, aber sein Kopfball geht vorbei. Hätte er mehr auf dem Bolzplatz gezockt damals, hätte er die Kugel per Fallrückzieher in den Winkel gejagt.

40. Minute: Umschaltsituation für Deutschland, aber unsauber gepasst. Auf einmal spielt hier keiner mehr robust, manch einer bleibt sogar lamentierend stehen, während die Weißrussen kontern. Stasevich kommt zum Abschluss und zwingt Neuer zur Kahn-Übergreif-Glanzparade. Danach herrscht weiter Tohuwabohu im deutschen Strafraum, bis Klostermann die Kugel endlich klären kann. Zweikampfführung der Extraklasse sieht anders aus.

41. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND, 1:0 Ginter. Ausgerechnet der Gladbacher in seinem Heimstadion. Gnabry geht rechts im Strafraum ins Bolzplatz-eins-gegen-eins und passt hart auf Ginter in der Mitte. Der neue Abwehrchef dreht sich um seine eigene Achse und trifft mit der Bolzplatz-Hacke zu seinem ersten Länderspieltreffer. Aber: Der Gladbacher steht im Abseits. VAR gibt's jedoch nicht, Pech für Belarus, Glück für Deutschland.

49. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND, 2:0 Goretzka. Endlich mal wieder nach einer Ecke. Kroos führt schnell aus, Ginter lässt trickreich durch, Goretzka zieht direkt ab: Sein Schuss schlägt flach in der linken Torecke ein.

53. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND, 3:0 Kroos. Goretzka vertendelt eigentlich einen Ball, aber Ginter setzt robust nach, geht in den Zweikampf und bleibt am Ball. Über Klostermann kommt der Ball zurück zu Ginter, der fix auf Kroos ablegt. Dessen lässiger Direktschuss landet platziert in der rechten Torecke. Endlich mal zielstrebig. Abwehrchef Ginter darf die Hälfte des Treffers für auf sein Robustheits-Guthabenkonto schreiben. Es hätte aber wieder Abseits gepiffen werden können, weil Werner in der Flugbahn des Balles und im Abseits stand.

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Manuel Neuer hält den Elfmeter gegen Belarus.

(Foto: imago images/Nordphoto)

61. Minute: Nico Schulz will mal zeigen, dass auch er dem Trainer zugehört hat und wie Robustheit wirklich geht. Die Kugel kann er nicht mehr gewinnen im Zweikampf aber er packt den Ellenbogen aus. Weißrusslands Kovalev bleibt erstmal benommen liegen, kann dann aber weitermachen.

73. Minute: Weißrussland lässt die eigenen Widerstandsfähigkeiten aufblitzen. Nach einer Kopfballchance ein paar Minuten zuvor wird's gleich noch mal gefährlich vor dem deutschen Tor. Nekaychik wird einfach freigespielt. Abwehr-Robustheit sieht anders aus. Abschluss aus 16 Metern, aber zu zentral in Neuers Arme.

75. Minute: Elfmeter und Gelb für Koch. Belarus kombiniert sich um den Sechszehner herum, die DFB-Kicker bieten nur Geleitschutz. Nekhaychik taucht schließlich frei vor Neuer auf, Koch erinnert sich an die Robustheits-Devise und tritt dem Weißrussen unten in die Beine. Neuer zeigt aber was Zähigkeit bedeutet und kratzt den Elfmeter von Stasevich aus der linken Ecke.

83. Minute: TOR FÜR DEUTSCHLAND, 4:0 Kroos. Der eingewechselte Julian Brandt flankt von der linken Strafraumkannte auf rechts zu Gündogan, der ablegt auf Kroos. In bester Bolzplatzmanier dreht dieser sich und nimmt dabei den Ball mit der Sohle mit. Noch eine Körpertäuschung und dann zappelt der trockene Linksschuss in die rechte Ecke im Netz. Ob Kroos das damals mit Cristiano Ronaldo bei Real einstudiert hat, ist noch nicht übermittelt.

Hier geht's zum Spielbericht.

Was war gut?

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Man kennt das ja. Zumindest aus der F-Jugend. Alle Mann zum Ball. Und dann wird's eng. Viele Beine, wenig Platz. Nun haben die Weißrussen - damit bitte keine Missverständnisse aufkommen - natürlich nicht gespielt wie eine F-Jugend. Immerhin haben sie Manuel Neuer zu einer sehr schönen Showeinlage gezwungen (40.) und danach noch seine Vorderleute in eine kleine, aber dennoch sehr gefährliche Verlegenheit gestürzt (40.). Und dennoch bedienten sich die Osteuropäer hauptsächlich dem taktischen Mittel der Kleinraumverdichtung durch Vielbeinigkeit. Bis zur Pause ging das gut - waren wir geneigt zu schreiben. Doch dann zauberte Abwehrchef Matthias Ginter den Ball per Hacke ins Tor. Zur Führung. Das gelang weil die DFB-Elf zuvor (a) schnell und (b) passsicher nach vorne gerauscht war. In dieser Kombination zum ersten Mal. Sonst waren sie entweder (a) nur schnell oder (b) nur passsicher. Mit dieser Führung brach das belarusische Bollwerk dann zusammen. In der Pause konnte das plötzlich poröse Abwehrzement nicht neu massiert werden. Der offensiv wie auch defensiv robuste - ein wichtiges Lernziel der DFB-Burschen - Leon Goretzka nutzte das. Und auch der äußerst schussfreudige Toni Kroos. Erst einem übertrieben lässigen Abschluss zum 3:0 und dann mit einem Sohlenstreichler, der zum 4:0 führte.

Was war nicht gut?

Ach, was soll die Nörgelei. So richtig schlecht war ja eigentlich nichts. Außer der Stimmung. Aber das kennt man ja. Klar, Nico Schulz machte auf der linken Seite ein paar viele Läufe ins Nichts. Klar, Ilkay Gündogan war nur allzu schlunzigst bei der Ballmitnahme vor der weißrussischen Doppelchance. Klar, die Passgenauigkeit war vor allem in der ersten Halbzeit und dort in den gefährlichen Zonen eher so geht so. Und lediglich ein Tor aus 22 Schüssen sind jetzt auch nicht prächtig. Klar, die Weißrussen hatten in der zweiten Halbzeit aus deutscher Sicht gleich mehrfach zu viel Platz. Und klar, das Foul von Koch zum Elfmeter war maximal blöd. Gut, dass Manuel Neuer spielte. Wobei Marc-André ter Stegen hätte den bestimmt auch gehabt. Wir wollen da jetzt aber kein Fass aufmachen. Und so ist das dann halt: Kleinraumverdichtung mit Vielbeinigkeit, geduldiges, aber kein enthemmtes, begeisterndes oder euphorisches Anrennen, keine Wettbewerbsbrisanz und ein doch sehr kalter Novemberabend. Hauptsache das EM-Ticket gelöst. Alles richtig gemacht. Allerdings auch die, die nicht im Stadion waren.

Der Tweet des Spiels

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Quelle: n-tv.de

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