Fußball

Tops und Flops der Hinrunde Favre überzeugt alle, Kovac wird überschätzt

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Lucien Favre (l.) hat Fans, Spieler und Klubführung nach nur einer Hinrunde von sich überzeugt. Niko Kovac nicht.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

In der Fußball-Bundesliga überwintert Borussia Dortmund an der Tabellenspitze. Großen Anteil daran hat der neue Trainer: Lucien Favre. Auch bei einem Aufsteiger überzeugt ein alter Bekannter. Zwei gefeierte Trainer der letzten Saison enttäuschen.

Der Spitzenreiter: Lucien Favre

Als Tabellenführer hat ein Trainer alle Argumente auf seiner Seite - gerade wenn dieser Tabellenführer nicht Bayern München heißt. Lucien Favre darf sich über hervorragende erste sechs Monate bei Borussia Dortmund freuen. Der Schweizer etablierte nach seiner Ankunft umgehend seine eigene Spielidee. Das wurde bereits in der Saisonvorbereitung deutlich. Nach einer holprigen letzten Spielzeit war der Defensivspezialist genau richtig für den BVB. Die Mannschaft presst nicht unbedingt aggressiv, blockt aber in der eigenen Spielhälfte viele Angriffsversuche der Gegner ab. Eine besondere Komponente des Favre-Fußballs.

Lediglich im Angriffsspiel hakte es bei den Dortmundern zu Beginn der Saison. Vielfach musste Favre mit Einwechslungen das Ruder noch herumreißen - etwa beim Sieg in Leverkusen oder beim Unentschieden gegen Hoffenheim. Die Angriffsabteilung um Superstar Marco Reus war gelegentlich noch auf sich allein gestellt und erhielt wenig Unterstützung aus dem Mittelfeld. Aber nach einigen Wochen wuchs der BVB zunehmend zu einer Einheit zusammen. Favre überlässt seinen Stürmern oftmals die Eigeninitiative und wurde dafür bereits mit Glanzleistungen beglückt. Ein Highlight der Hinrunde war das 4:0 gegen Atlético Madrid in der Champions League und natürlich der hart umkämpfte 3:2-Sieg gegen die Bayern.

Der Überraschungsmann: Dieter Hecking

Eigentlich gehört Dieter Hecking nicht zu den hochgejubelten Trainern Deutschlands. Er ist seit vielen Jahren an der Seitenlinie aktiv, wird aber gerne als klassischer Mann fürs Tabellenmittelfeld gesehen. Doch Hecking hat regelmäßig Spielzeiten, in denen er seine Kritiker verstummen lässt. Dazu zählt bisher auch diese Saison. Die Hinrunde schloss der 54-Jährige mit Borussia Mönchengladbach auf Rang drei in Schlagdistanz zu den Bayern ab.

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Dieter Hecking und Borussia Mönchengladbach sind auf Champions-League-Kurs.

(Foto: imago/Kirchner-Media)

Dabei musste Hecking einige Verletzungen kompensieren. Wichtige Offensivgaranten wie Raffael und Lars Stindl fielen phasenweise aus, trotzdem spielte Gladbach ansehnlichen Angriffsfußball. Hecking ist es auch zu verdanken, dass etwa Tobias Strobl und Jonas Hofmann in aller Munde sind. Sie blühen im Mittelfeld des 4-3-3 auf und erweisen sich als tragende Säulen eines Champions-League-Anwärters.

Hecking ist kein Trainer für außergewöhnliche taktische Ansätze oder innovative Ideen im Wochentakt, sondern jemand für Konstanz und einen cleveren Umgang mit dem Kader, der ihm zur Verfügung gestellt wird.

Der Altmeister: Friedhelm Funkel

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Friedhelm Funkel steht mit der Düsseldorfer Fortuna auf dem 14. Tabellenplatz.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Dass Friedhelm Funkel im Jahr 2018 noch einmal eine prominente Rolle in der Bundesliga einnehmen wird, haben sicherlich die wenigsten erwartet. Aber der 65-Jährige hat mit Fortuna Düsseldorf eine beachtliche Hinrunde gespielt. Manches Mal verursachen seine personellen Entscheidungen fragende Blicke bei Fans und Beobachtern, aber Funkel hat ein Auge für unentdeckte und verkannte Talente. Gerade die Offensivabteilung der Fortuna ist besser als ihr Ruf.

Zudem versteht es Funkel, seiner Mannschaft eine giftige Spielweise einzubläuen. Düsseldorf ist extrem schwer zu bespielen und kann gerade spielerisch überlegenen Mannschaften ein Bein stellen. Diese Erfahrung durften bereits Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig machen. Funkel ist ein alter Haudegen des Trainergeschäfts mit teils einfachen Methoden - aber die zeigen Wirkung. Lange Bälle auf Konterstürmer Dodi Lukebakio funktionieren häufiger, als sie sollten.

Der Gefallene: Domenico Tedesco

Das Fußballgeschäft ist schnelllebig. In der vergangenen Saison war Domenico Tedesco ein gefeierter Jungtrainer. In der laufenden Spielzeit muss der 33-Jährige aufpassen, dass er mit Schalke 04 nicht in den Abstiegskampf rutscht. Die Ambitionen beim Gelsenkirchener Klub sind als amtierender Vizemeister hoch und Tedesco sollte sich trotz des großen Vertrauens, das ihm Fans und Verantwortliche entgegenbringen, seines Trainerstuhls nicht sicher sein.

Den zweiten Platz in der Vorsaison hatten sich die Schalker vor allem mit einer hervorragenden Defensive erspielt. Tedesco ließ seine Mannschaft in zahlreichen Partien konsequent verteidigen mit einer Fünferkette. Bei Ballgewinn wurde gekontert: Die langen Bälle auf die Sturmabteilung um Guido Burgstaller führten oft zu Torchancen.

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Domenico Tedesco hat viele Ideen, bisher aber keine funktionierende.

(Foto: imago/DeFodi)

In dieser Saison ist das anders. Defensiv fehlt es an Stabilität. Gleichzeitig konnte Tedesco kein effektives Angriffsspiel etablieren. Im Schnitt schießen die Schalker lediglich 4,1-mal pro Spiel auf das gegnerische Tor. Das ist der viertschlechteste Wert der Liga. Die Verluste des ballsicheren Max Meyer und von Antreiber Leon Goretzka im zentralen Mittelfeld sind spürbar.

Um die Abgänge auszugleichen, probierte Tedesco vieles aus. Mal stellte er Nabil Bentaleb auf die Zehnerposition, mal experimentierte er mit Weston McKennie als Sturmspitze. Bereits zehn Formationen kamen zum Einsatz. Automatismen können so nicht entstehen. Tedesco muss im Winter der Neuanfang gelingen. Das Talent dazu hat er.

Der Unterflieger: Tayfun Korkut

In der Rückrundentabelle der Vorsaison stand der VfB Stuttgart auf Rang zwei. Um ein Haar hätten die Schwaben noch die Europa-League-Qualifikation geschafft. Tayfun Korkut hatte im Januar Hannes Wolf ersetzt und die Stuttgarter mit einer ultradefensiven und konter-lastigen Taktik zum Erfolg geführt. Einen Preis für ästhetischen Fußball hätte der VfB damit nicht gewonnen, aber wer hinterfragt schon die Maßnahmen des Trainers, wenn sich plötzlich Siege einstellen.

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Tayfun Korkut, Trainer ohne Philosophie.

(Foto: imago/Joachim Sielski)

Zum Leidwesen von Korkut war seine Taktik nicht dafür bestimmt, nachhaltig Erfolg zu garantieren. Ähnlich wie bei Schalke und Tedesco wirkten sich die Beschränkungen in der Offensive sehr stark auf die Punktausbeute aus. An sich hat der VfB im vergangenen Sommer gut eingekauft, der Kader ist mit talentierten Spielern gespickt. Aber ohne Spielphilosophie, die aus mehr besteht als einer tiefen Verteidigung und Konter über 50 Meter, entsteht schnell ein Scherbenhaufen. Korkut musste vor einigen Wochen folgerichtig seinen Hut nehmen.

Der Überschätzte: Niko Kovac

Die Erwartungen an Bayern-Trainer Niko Kovac waren bei seiner Ankunft in München hoch. Nach seiner erfolgreichen Zeit bei Eintracht Frankfurt sollte er mit dem notwendigen Stallgeruch eine neue Ära bei Bayern München einleiten. Doch alte Spieler, zum Teil außer Form, und einige Verletzungen erschwerten das Unterfangen. Erst mit mehreren hart umkämpften Siegen in den letzten Wochen konnte sich Kovac ein wenig rehabilitieren. Überzeugen konnte er bisher aber nicht.

In der Regel verkaufte sich Kovac als Mentalitätstrainer im Stile eines Zinédine Zidane, der auf diese Weise immerhin dreimal die Champions League mit Real Madrid gewann. Aber eine Lösung für die spielerischen Probleme der Bayern, die sich bereits unter Carlo Ancelotti und in Teilen auch unter Jupp Heynckes herauskristallisiert hatten, fand Kovac nicht.

Immerhin hat er nach dem enttäuschenden 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf vor einigen Wochen offensichtlich eine funktionierende Formation gefunden mit Thomas Müller als verkapptem zweiten Stürmer. Bisher zeigt diese Umstellung positive Wirkung - auch begünstigt durch die Genesung von Spielmacher Thiago. Dass Kovac mehr ist als eine Übergangslösung, muss er in der Rückrunde noch beweisen.

Die Nicht-Überraschungen

Manch einer fragt sich vielleicht, warum beispielsweise Bruno Labbadia oder Heiko Herrlich nicht in der Aufzählung auftauchen. Labbadia, der als Durchschnittstrainer gilt, überwintert mit dem VfL Wolfsburg auf Platz sechs, obwohl die Fans auf Abstiegskampf eingestellt waren, nachdem man letzte Saison noch in die Relegation musste. Der neuerliche Aufschwung ist aber vor allem ein Verdienst des starken Wolfsburger Kaders, nicht so sehr von Labbadia.

Und ein Absturz, wie ihn Herrlich in der Hinrunde hinlegte, kam nicht allzu überraschend. Eigentlich ist die Mannschaft von Bayer Leverkusen, insbesondere deren Offensive, zu Höherem berufen, aber das gilt nicht für Herrlich, der fast schon aus dem Nichts auf den Trainerstuhl kam und diesen nach einiger Schonfrist jetzt wieder räumen muss. Der 47-Jährige fand in den letzten Monaten kein festes Spielsystem und probierte viel herum, wodurch Bayer jegliche Konstanz fehlte. Die Rheinländer waren aufgrund der schlechten Abstimmung in der Defensive anfällig und ließen viel zu oft aussichtsreiche Torschüsse zu. Nun darf sich ein anderer Gefallener, nämlich Peter Bosz, in Leverkusen versuchen. Das Trainerkarussell dreht sich unaufhörlich weiter.

Quelle: n-tv.de

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