Fußball

"Bewusst dafür entschieden" Löw verteidigt seinen Nationalelf-Plan

Gegen die Niederlande gab's eine knackige Niederlage, gegen Nordirland einen nur teilweise souveränen Erfolg. Die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw wächst. Der aber lässt sich von seinem Weg nicht abbringen und wirbt um Verständnis für die Leistungsschwankungen.

Noch am 24. März dieses Jahres durfte Bundestrainer Joachim Löw für sich beanspruchen ein Mann zu sein, der an diesem Abend nicht viel falsch und sehr viel richtig gemacht hatte. Mit einer überraschend starken Leistung hatte seine deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Amsterdam für einen kleinen Coup gesorgt. Gegen die wiedererstarkte "Elftal" gab's in der EM-Qualifikation einen 3:2-Erfolg. Eingeplant war der sicher nicht. Weil die Niederländer ihren Umbruch nämlich schon erfolgreicher vorangetrieben hatten als die Deutschen. Der Bundestrainer reiste also mit einem guten Gefühl ab. Und er behielt dieses Gefühl auch auf der heimischen Couch, als er aus Gründen der gesundheitlichen Vorsicht mit ansah, wie seine Auswahl das Länderspieljahr 2018/19 mit zwei Pflichtspiel-Pflichtsiegen beendete: mit einem souveränen in Weißrussland (2:0) und einem furiosen in Mainz gegen Estland (8:0).

Entsprechend überzeugt kehrte er nun zurück. Er erklärte vor dem Doppelspieltag in der Qualifikation gegen erneut die Niederlande und Nordirland wiederholt und vehement seinen Plan für den erfolgreichen Umbruch der DFB-Elf nach dem WM-Debakel in Russland und dem Nations-League-Frust. "Unsere Mannschaft lebt vorne als auch hinten seit Jahren von einer festen Raumaufteilung. Wir haben eine große Geschlossenheit, das war immer unsere Stärke", erklärte Löw. Trotz der Beobachtung, unter anderem bei der Copa América in diesem Sommer, dass der internationale Trend zur Individualität geht, hält er an seinem Plan fest: "Darauf haben wir eine Antwort: Für uns heißt es, dass jeder in seiner Raumaufteilung seinen Job machen muss. Wenn uns das gelingt, dann sind wir gut." Nun, gut war das, was dann folgte, nicht.

Gegen die Niederlande patzte die Abwehr fatal. Jeder der drei Innenverteidiger Niklas Süle, Jonathan Tah und Matthias Ginter durfte sich mindestens einen entscheidenden Fehler schlechtschreiben lassen. Und die Offensive, die war weitgehend wirkungslos. Klar, zwei Tore gab's beim 2:4 in Hamburg schon. Das erste durch den so furiosen Serge Gnabry war zumindest schön vorbereitet, das zweite allerdings war dann ein doch sehr schmeichelhafter Elfmeter, verwandelt von Toni Kroos. Ein paar mehr gute offensive Momente und deutlich weniger gravierende Abwehrfehler gab's dann gegen Nordirland. Stabil und überzeugend war aber auch das nicht. Zu dominant wirkte das Gefühl, dass die Green and White Army das Spiel jederzeit ausgleichen könnte. Zu wenig souverän und führungslos wirkte das Spiel der Deutschen. Fortschritte im Umbruch? Eher nicht wahrzunehmen. Ganz anders als Kritik am Bundestrainer.

"Diesen Weg setzen wir konsequent fort"

Und der sieht sich nun offenbar in der Pflicht, intensiv für seinen Weg zu werben. Überzeugungsarbeit dafür zu leisten, dass er nach 2010 ein zweites Mal in der Lage ist, eine junge Mannschaft zu formen, die einen großen Titel gewinnen kann (die Weltmeisterschaft 2014). "Ich weiß ja, dass die Erwartungshaltung an uns immer enorm hoch ist, wir haben ja auch selbst die höchsten Ansprüche", erklärte Löw in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung. Man dürfe in der ganzen Gemengelage auch "nicht vergessen, dass wir mitten im Umbruch und Neuaufbau sind. Da kann auf Knopfdruck nicht alles gelingen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, eine neue Mannschaft mit jungen Spielern zu formen. Diesen Weg setzen wir konsequent fort, weil wir davon überzeugt sind und auf diese Spieler setzen. Ihnen geben wir unser vollstes Vertrauen, unsere Wertschätzung und unsere Unterstützung."

Die nächste Spiele

  • Testspiel am 9. Oktober: Deutschland - Argentinien (in Dortmund)
  • EM-Qualifikation am 13. Oktober: Estland - Deutschland (in Tallin)
  • EM-Qualifikation am 16. November: Deutschland - Weißrussland (in Mönchengladbach)
  • EM-Qualifikation am 19. November: Deutschland - Nordirland (in Frankfurt)

Und Löw beruft die erfolgreiche Vergangenheit als Zeugen. "Unser Weltmeisterteam 2014 war auch nicht direkt weltmeisterlich. Auch das war ein Prozess, vor dem die WM in Südafrika und die EM 2012 lagen. Auch da gab es Rückschläge." Ein Grund für die beiden überschaubaren Leistungen zuletzt sieht der Coach auch in der aktuellen Verletztenmisere. Um sich vernünftig einzuspielen, brauche es mehr Zeit, zum Beispiel eine Turniervorbereitung, und vor allem personelle Kontinuität. "Die hatten wir im Vergleich zu den letzten Spielen nicht, wo Thilo Kehrer, Julian Draxler, Leon Goretzka und Antonio Rüdiger noch dabei waren." Hinzu kamen dann noch die spontanen Ausfälle von Ilkay Gündogan und Nico Schulz vor dem Duell in Belfast. "Das ist für eine junge Mannschaft nicht zu kompensieren."

Wichtig ist für den Bundestrainer auch, die Spieler nach ihren Fehlern nicht direkt zu richten. "Wir können von ihnen nicht Mut erwarten, ihnen dann aber keine Fehler zugestehen. Wir wollen Fehler erlauben und daraus lernen. Genau in diesem Prozess sind wir gerade." Und Löw gibt seinen Spielern das Maximum an Vertrauensvorschuss: "Ich glaube fest an jeden Spieler, den wir jetzt nominiert haben. Sie sind noch nicht Weltklasse, können sich aber dahin entwickeln. Ich bin sicher, dass wir mit ihnen wieder in die Weltspitze kommen können."

Quelle: n-tv.de, tno

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