Redelings Nachspielzeit

Redelings schreibt an Löw Der Glaube an den Bundestrainer ist verloren

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Joachim Löw ist seit 2006 Trainer der DFB-Elf. Eine lange Zeit - wie lange noch?

(Foto: dpa)

Fußball-Bundestrainer Joachim Löw wird in Nordirland mehrmals kräftig durchgeatmet haben. Nervös und in sich gekehrt saß er zuvor die meiste Zeit auf der Bank. Verständlich, findet unser Kolumnist. Lange hat er Löw verteidigt – nun hat auch er den Glauben an den Bundestrainer verloren.

Lieber Joachim Löw,

im Herbst letzten Jahres habe ich viel an Sie gedacht. Ich fand damals, dass ein Ende Ihrer Zeit als Trainer der Nationalmannschaft eine Art Erlösung sein könnte. Für Sie, die Spieler, für Millionen von Fans. Zu laut und heftig war die Kritik geworden. Zu ungemütlich zeichnete sich die Zukunft des deutschen Fußballs am trüben Herbsthimmel ab. Doch dann riss eine knappe Niederlage Mitte Oktober in Frankreich das Ruder noch einmal für Sie herum.

Beim FC Bayern ist Schluss mit lustig.

Plötzlich aussortiert: Boateng, Müller und Hummels.

(Foto: www.imago-images.de)

Bewusst schreibe ich, dass Sie nicht selbst das Steuer herumgerissen haben. Denn ich weiß noch genau, wie ich damals an diesem Abend des sogenannten Neuaufbaus dachte, dass Sie nicht voller Überzeugung, sondern wegen der äußeren Umstände eine junge, neue Elf auf den Rasen geschickt hatten. Im TV-Interview danach wirkte es fast grotesk, wie der Reporter Ihnen versuchte einzureden, wie toll das doch wäre, dass Sie endlich diesen Schritt und Schnitt vollzogen hätten.

Sie selbst hatten an diesem Abend diesen Cut noch nicht für sich gemacht gehabt - aber weil alles plötzlich wieder so viel einfacher und besser lief als die langen und traurigen Wochen und Monate zuvor, holten Sie das dann im März mit dem überraschenden Rauswurf von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng nach.

Wohl nicht mehr viele Freunde

Ich muss sagen, dass ich eigentlich nicht dazu neige, pöbelnd durch die (virtuellen) Straßen zu rennen, um lautstark die Ablösung eines Trainers zu fordern. Und in Ihrem Fall ist sogar das Gegenteil der Fall. Ich habe Sie stets verteidigt. Und das war in all den Jahren und in manch bierseliger Runde nicht immer leicht. Manchmal hatte man den Eindruck, Sie hätten nicht mehr allzu viele Freunde unter den 80 Millionen Bundestrainern.

Den WM-Titel 2014 habe ich dann auch ein stückweit als persönliche Belohnung gesehen; dafür, dass ich Ihnen immer die Treue gehalten hatte. Das ist natürlich albern, aber im Grunde auch nur eine kleine Verrücktheit im Alltag eines Fußballanhängers. Doch dann kam der Tag der Nominierungen für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Und mit einem Mal war alles anders. Ich habe damals einfach nicht verstehen wollen, wie Sie Leroy Sané zu Hause lassen konnten. Was musste da vorgefallen sein, dass Sie den frisch gekürten Nachwuchsspieler der Saison in der englischen Premier League nicht in Ihrem Kader haben wollten? Ich wollte nicht verstehen, wieso Sané nicht nominiert worden war.

Wütend und sauer

Als ich mir dieser Tage mit einiger Verspätung die Dokumentation "All or nothing" über die Manchester City Saison 2017/18 ansah, spürte ich, wie ich innerlich darauf hoffte, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, was damals vor der Nominierung geschehen sein mochte. Doch da war nichts. Ganz im Gegenteil. Sané spielte eine herausragende Saison in einem überragenden Team. Nach der letzten Folge war ich deshalb richtig sauer. Ja, ich war wütend auf Sie, Herr Löw. Was in aller Welt hat Sie damals nur geritten? Es ist mittlerweile so weit gekommen, dass ich sogar dieses abenteuerliche Gerücht nicht mehr für ganz abwegig halte – ganz einfach deshalb, weil ich keine schlüssige Erklärung dafür habe, was damals passiert sein muss, um diesen Spieler zu Hause zu lassen. Sportlich, da lege ich mich fest, gab es im Sommer 2018 keinen einzigen plausiblen Grund für diese Entscheidung – außer natürlich, dass Sané vom FC Schalke 04 zu Manchester City gewechselt war (wenn Sie mir als VfL-Fan diesen "kleinen Kalauer", wie die Reporter-Legende Heribert Faßbender einst gerne zu sagen pflegte, an dieser Stelle erlauben, Herr Bundestrainer).

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Wohlgesonnen - oder nicht?

(Foto: imago/VI Images)

Und dann kam der 16. Oktober 2018. Sané stand plötzlich in der Startelf beim Länderspiel in Frankreich. Die Medien verkündeten nach dieser knappen Niederlage hoffnungsfroh, dass nun der Neuaufbau begonnen habe. Endlich. Dann kam der März mit den Ausbootungen der drei Spieler und dem Sieg in den Niederlanden. Schütze des ersten Treffers für Deutschland an diesem Abend in Amsterdam? Natürlich: Sané. Der neue, allgegenwärtige Hoffnungsträger am deutschen Fußball-Himmel. Und wer setzte von nun an bedingungslos auf diesen jungen Kerl? Sie. Und damit genau der Mann, der noch wenige Wochen zuvor Sané geopfert hatte, weil ihm angeblich die "Einstellung" des spielstarken England-Profis nicht gepasst hatte - um dann in Russland mitansehen zu müssen, wie die von ihm zusammengestellte Truppe nicht nur auf dem Platz jegliche Einstellung vermissen ließ.

Zeit als Bundestrainer ist abgelaufen

Am Freitag im Rückspiel gegen die Niederlande in Hamburg fehlte Sané nun wegen seines Kreuzbandrisses. Sie betonten, wie wichtig er mit "seiner Schnelligkeit und Torgefahr" für die Mannschaft sei und wie sehr sich das Fehlen dieses Stammspielers bemerkbar machen würde. Wohlgemerkt: Sie redeten über einen Spieler, auf den Sie vor einem knappen Jahr sportlich noch sehr gut verzichten konnten. Verstehe das, wer will!

Lieber Joachim Löw,

ich würde Ihnen immer noch so gerne unvoreingenommen zuhören können. Und ich würde Sie auch immer noch so gerne gegenüber den Angriffen Ihrer Zweifler verteidigen wollen. Doch ich kann das nicht mehr. Die Geschichte um Sané steht für all die - teils haarsträubenden – Versäumnisse und Fehler der letzten Jahre. Und ganz ehrlich: Ich befürchte, auch Sie wissen im Grunde Ihres Herzens, dass Ihre Zeit als Bundestrainer abgelaufen ist – doch so lange niemand beim DFB diese Signale sehen bzw. das Heft des Handels in die Hand nehmen möchte, müssen Sie eben weitermachen.

Dennoch wünsche ich Ihnen aufrichtig alles Gute, lieber Jogi Löw. Und falls Sie den Europameistertitel 2020 holen sollten, werde ich mich für Sie freuen und nicht traurig sein, dass ich mich getäuscht habe. Die junge Mannschaft hat ohnehin jeden Erfolg verdient. Sie ist besser und weiter, als es im Moment scheint. Und was ohnehin immer bleiben wird, ist der WM-Titel 2014 und die Erinnerungen an diese wahnsinnig intensive Zeit. Das alles kann Ihnen niemand mehr nehmen. Herzlichen Dank dafür und Glück auf!

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Quelle: n-tv.de

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