Fußball

Deutsche Elf in der Einzelkritik Hasenfüßige DFB-Elf stümpert gegen Oranje

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"Insgesamt war das ein ganz schlechtes Spiel von uns": Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erleidet in der EM-Quali gegen die Niederlande eine erste Niederlage.

(Foto: imago images / Matthias Koch)

Wenn der Torhüter machtlos ist, alle drei Innenverteidiger patzen, der Abwehrchef nur ein Chefchen ist und in der Offensive der richtige Zug fehlt, dann läuft irgendetwas falsch. Die deutsche Nationalelf verliert gegen die Mannschaft aus den Niederlanden - und das völlig verdient.

Wie soll man es sagen: Gut war das nicht, was die deutsche Fußball-Nationalelf geboten hat. Mit 2:4 (1:0) verlor sie am Freitagabend gegen die Niederlande. Vor 51.299 Zuschauern im ausverkauften Hamburger Volksparkstadion kassierte sie nach drei Siegen im vierten Spiel der EM-Qualifikation die erste Niederlage. Bundestrainer Joachim Löw kommentierte das so: "Erst einmal sind wir enttäuscht über das Ergebnis. Aber wenn man ehrlich ist, war Holland heute die bessere Mannschaft."

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"Holland war die bessere Mannschaft": Bundestrainer Joachim Löw im Hamburger Volksparkstadion.

(Foto: dpa)

Zu denken dürfte ihm auch geben, dass seine Mannschaft über weite Strecken merkwürdig passiv, abwartend und mitunter gar hasenfüßig auftrat. Zudem unterliefen mit Jonathan Tah, Niklas Süle und Matthias Ginter allen drei Innenverteidigern Fehler, die zu Gegentoren führten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Niederländer ihre Sache richtig gut machten. Nach der überraschenden Führung des DFB-Teams durch Serge Gnabry in der neunten Minuten schlug Oranje in der zweiten Halbzeit zurück. Frankie de Jong besorgte nach einer knappen Stunde den Ausgleich, Tah traf ins eigene Tor (65.). Und auch wenn Toni Kroos mit einem geschenkten Handelfmeter der Ausgleich gelang (73.), ließen sich die Gäste nicht aufhalten. Donyell Malen (79.) und Georginio Wijnaldum (90.+1) sorgen für den verdienten Sieg. Was bleibt? Am Montag (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) steht für das deutsche Team mit der Partie in Belfast gegen den Tabellenführer aus Nordirland die nächste Aufgabe in dieser Gruppe C an. Die Niederländer spielen zur gleichen Zeit in Estland. Bis es soweit ist, hier erst einmal die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Er ist der, der sich Weltmeister nennen darf. Das steht im Kader sonst nur noch Toni Kroos und, bitte nicht vergessen, Matthias Ginter zu. Auch er war 2014 in Brasilien dabei, auch wenn er keine Minute gespielt hat. Und Neuer, der 33 Jahre alte Torhüter des FC Bayern, hat noch viel vor: "Der EM-Titel ist für uns ein großer Traum, auch für mich persönlich, weil ich das noch nicht erlebt habe", hatte er in der Woche vor seinem 89. Länderspiel gesagt. Danach lässt sich nur sagen, was sich immer sagen lässt, wenn ein Schlussmann nichts falsch und sogar - wie in der achten Minute gegen Memphis Depay und in der 56. Minute gegen Wijnaldum - vieles richtig macht, aber dennoch und trotz einer Fünferabwehrkette vor der Nase vier Tore kassiert: Er war macht- und schuldlos.

Matthias Ginter: Er ist der, wir hatten es oben erwähnt, der in Brasilien zum Kader gehörte. Und der 25 Jahre alte Innenverteidiger von Borussia Mönchengladbach ist auch der, der irgendwie stets dabei ist. In seinem 27. Länderspiel verteidigte er am rechten Ende der Dreierkette, wo er so etwas wie einen Stammplatz beanspruchen kann. Leider war er auch der, der vor dem 2:3 in der 79. Minute so unter Druck geriet, dass er den Ball zum Gegner spielte. Und die Niederländer, nicht nur in puncto Zielstrebigkeit ihrem Gegner überlegen, schalteten schnell und nutzten das aus. Und vor dem 1:2 verlor er das Kopfballduell mit Virgil van Dijk. Da half es auch wenig bis nichts, dass er bisweilen eine beeindruckende Zweikampfstärke an den Tag legte, wie in der 64. gegen Malen, den er vehement ablief. Insgesamt war das knapp unter solide. Nach 84 Minuten war Schluss. Für ihn kam der 23 Jahre alte Julian Brandt von Borussia Dortmund in die Partie und somit zu seinem 26. Länderspiel.

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"Ganz schlechtes Spiel für uns": Niklas Sühle.

(Foto: dpa)

Niklas Süle: Er ist der, der jetzt der Chef ist. Mit 23 Jahren ist das für den Innenverteidiger des FC Bayern keine schlechte Entwicklung, im Verein und in der Nationalelf. Im Volksparkstadion nun absolvierte als Kopf der Dreier-Abwehrkette sein 21. Länderspiel. Es dürfte ihm allerdings wenig gefallen haben, dass er nach der Partie der war, der beim Fernsehsender RTL sagen musste: "Insgesamt war das ein ganz schlechtes Spiel von uns. Aus diesem schlechten Spiel müssen wir lernen." Und ehrlicherweise war er an diesem Abend im Zweitligastadion zu Stellingen eher Chefchen als Chef, weil er vor allem nach der Pause seinen instabilen Abwehrladen nicht in den Griff bekam. Aber vielleicht war das auch zu viel verlangt für einen alleine. Vor dem 2:4 verlor er erst in der Offensive leichtfertig den Ball und dann, als er zurücksprintete, das Laufduell mit Wijnaldum. Das nächste Mal dann wieder Chef? Er wird seinen Weg machen, keine Frage.

Jonathan Tah: Er ist der, der "jetzt erwachsen" ist. Hat er zumindest vor dem Spiel gesagt. Antonio Rüdiger vom FC Chelsea ist verletzt, Mats Hummels von Borussia Dortmund und Jérôme Boateng vom FC Bayern dürfen nicht mehr mitmachen, da war es fast zwangsläufig, dass der 23 Jahre alte Leverkusener den Platz als dritter Innenverteidiger bekam. Sagen wir es so: Sein siebtes Länderspiel war doch ein sehr schwaches, zumindest verlor er häufig den Ball und verhielt sich in letztlich entscheidenden Situationen unglücklich. Vor dem 1:1 stand er erst zur falschen Zeit am falschen Ort, dann stolperte er und fiel auf den Rasen. Das 1:2 besorgte er mit einem ebenso unfreiwillig gestolperten Eigentor selbst. Das war schon verdammt nah am Slapstick und sah doof aus. Für ihn, den gebürtigen Hamburger, war es ein gebrauchter Abend.

Lukas Klostermann: Wenn der Bundestrainer hinterher sagte, dass seine Mannschaft unter ihren Möglichkeiten geblieben sei, dann gilt das auch für den 23 Jahre alten Rechtsverteidiger von RB Leipzig. Weil Thilo Kehrer von Paris Saint Germain angeschlagen ist, bekam Klostermann seine Chance und stand in seinem dritten Länderspiel in der Startelf. "Mit Lukas bekommt man ein komplettes Paket und einen Spieler, der sich auch als Innenverteidiger absolut anbietet", hatte sein langjähriger Trainer Ralf Rangnick im Gespräch mit n-tv.de gesagt. "Das sagt schon alles darüber aus, welche Rolle er in Zukunft in der Nationalmannschaft spielen kann." Nach neun Minuten stand er gleich im Fokus und nach einem tollen Pass von Joshua Kimmich alleine mit dem Ball vor Jasper Cillessen. Davon war der Leipziger offenbar so überrascht, dass er den niederländischen Torhüter anschoss. Serge Gnabry besorgte dann im Nachschuss das 1:0. Danach aber fiel Klostermann kaum noch auf. Doch einmal schon: Als er vor dem 1:1 Ryan Babel nicht daran hinderte, den Ball in die Mitte zu schlagen. Oder wie es Löw formulierte: "Wir müssen da außen schon die Flanke verhindern."

Joshua Kimmich: Er ist der, den wir Giftzwerg nennen. Das ist nicht despektierlich gemeint, sondern spielt darauf an, dass der 24 Jahre alte Münchner nicht nur keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht, sondern sie offensiv sucht. In seinem 43. Länderspiel war er nach einer halben Stunde so erbost darüber, dass Memphis Depay den Ball vor einem Freistoß für die deutsche Mannschaft nicht rausrückte, dass er sich mit dem Niederländer anlegte. Zwei Minuten später sah Kimmich zurecht die Gelbe Karte, weil er den sehr viel längeren Matthijs de Ligt im Luftkampf um den Ball sehr unsanft checkte. Seine größte Tat aber vollbrachte er nach neun Minuten, als er aus dem Fußgelenk einen sehr langen, sehr schönen, sehr spektakulären, weil sehr präzisen Pass auf den rechten Flügel auf Klostermann spielte. Der schoss den Ball zwar nicht ins Tor, sondern auf Torhüter Cillessen, aber dann war ja Gnabry zur Stelle. Das war Kimmich grundsätzlich in der ersten Halbzeit, leitete einige Angriffe prima ein. Nach der Pause überließ er das nahezu komplett seinem Partner Toni Kroos.

Toni Kroos: Er ist der, der immer noch spielt. Während die Kollegen Sami Khedira, Thomas Müller, Hummels und Boateng trotz weltmeisterlicher Meriten nicht mehr mitmachen dürfen, fällt dem 29 Jahre alten Kroos von Real Madrid die Rolle desjenigen zu, der die teils doch noch recht junge Offensive an der Seite des Kollegen Kimmich auf der Doppelsechs im defensiven Mittelfeld mit seinen Pässe in Szene setzt - auch wenn das beim einzigen deutschen Tor aus dem Spiel heraus dieses Mal besagter Kimmich übernahm. In seinem 93. Länderspiel gehörte Kroos zu den Besseren seines Teams, spielte kurz vor der Pause einen schönen Pass auf Marco Reus, den der Dortmunder allerdings nicht verwertete. Sein kühl verwandelter Elfmeter war Kroos' 14. Tor für die Nationalmannschaft. Diese Verantwortung scheut er nicht. Auch sonst war er der Chef im Mittelfeld, kämpfte sich in die Partie, arbeitete und grätschte sogar einmal. Gereicht hat das allerdings nicht.

Nico Schulz: Das klingt jetzt ein wenig hart, aber Schulz ist der, der die Bälle verliert. 14 Mal in diesem Spiel. Der 26 Jahre alte Dortmunder dürfte mit seinem neunten Länderspiele ganz und gar nicht zufrieden gewesen sein, auch wenn er ab und an auf seiner linken Seite in der Offensive dynamische Akzente setzte. In der 52. Minute gelang ihm zum Beispiel eine schöne Flanke auf Gnabry. Ansonsten aber wirkte er, der im Hinspiel in Amsterdam in letzter Minute das 3:2 erzielt hatte, sehr unsicher. Er war vor dem 1:1 nicht früh genug zur Stelle war, um de Jong dabei zu stören, den Ball am machtlosen Torhüter Neuer ins Tor zu schießen. Und ob er sich auf die Fahnen schreiben will, den lächerlichen Handelfmeter vorbereitet zu haben, als er von der Grundlinie flankte und der Ball schließlich auf die Hand von Matthijs de Ligt fiel? Eher nicht.

Serge Gnabry: Neuerdings ist er der, der immer spielt. Hat Löw gesagt. Stammplatzgarantie heißt das wohl, so überraschend sie auch kam. Der 24 Jahre alte Angreifer des FC Bayern stand in der Startelf und war Teil des Angriffstrios. Es ließ sich gut an. Das 1:0, als er im Nachschuss einigermaßen artistisch und aus gar nicht ganz so günstigem Winkel nach neun Minuten den Ball nicht einmal richtig traf, war sein achter Treffer im neunten Länderspiel. Diese Quote kann sich sehen lassen. Auch sonst war er schnell, dynamisch und quirlig wie meist, ließ allerdings auch nach der Pause nach. Apropos er spielt immer - hinterher sagte Gnabry: "Die Stammplatzgarantie vom Bundestrainer bringt mir heute gar nichts. Wir haben heute verloren und das ist schlimmer." Die Enttäuschung überwiege: "Wir sind zwar in Führung gegangen, aber in der zweiten Hälfte haben wir die Gegentore kassiert. Dass Holland eine spielstarke Mannschaft ist, das weiß jeder. Darauf wurden wir auch eingestellt. Ich glaube nicht, dass die Niederländer es mehr wollten, wir waren gut im Spiel." Tja.

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Am Ball gegen die Niederlande: Marco Reus.

(Foto: dpa)

Marco Reus: Hätte der 30 Jahre alte Kapitän der Dortmunder Borussia seit seinem Debüt im Oktober 2011 in der Nationalmannschaft immer gespielt, dann wäre das in Hamburg nicht erst sein 42. Länderspiel gewesen. Aber er war halt so unselig oft verletzt. Er hätte, nach oben erwähntem schönen Pass des Kollegen Kroos, zwei Minuten vor der Pause das 2:0 erzielen müssen, scheiterte aber am starken Cillessen. Eine gute Idee war es auf jeden Fall, dass die drei Angreifer ständig ihre Plätze tauschten und rotierten. Allerdings klappte das Zusammenspiel nicht immer so reibungslos, wie das wohl geplant war. Reus ließ sich des Öfteren ins Mittelfeld zurückfallen, was mit der Zeit sichtlich Kraft kostete. Alles in allem blieb auch er unter seinen Möglichkeiten. Nach einer guten Stunde kam der 28 Jahre alte Ilkay Gündogan von Manchester City für ihn in die Partie. In seinem 34. Länderspiel war er eher im offensiven Mittelfeld unterwegs, fand aber nie richtig ins Spiel.

Timo Werner: Er ist in dieser Saison der, der sehr oft den Ball ins Tor schießt, in bisher drei Spielen in der Bundesliga schon fünf Mal. Beim Sieg seiner Leipziger in Mönchengladbach gelang ihm der erste Hattrick als Erwachsener. Und weil Leroy Sané bekanntlich lange verletzt ausfällt, gehörte der 23 Jahre alte Angreifer in seinem 26. Länderspiel zu denen, die beginnen durften. Also nicht, dass er sich nicht bemüht hatte. Es kann allerdings nicht davon die Rede sein, dass er seine Chance genutzt hätte. Nach einer knappen halben Stunde rief der Bundestrainer ihn zu sich an die Seitenlinie. Was auch immer die beiden besprochen haben, gebracht hat es nichts. Es sei denn, Löw hat seinem Angreifer geraten, möglichst nicht aufzufallen und ja kein Tor zu schießen. Nach 61 Minuten wurde er erlöst, für ihn kam der 20 Jahre alte Leverkusener Kai Havertz, der jetzt auf vier Länderspiele kommt.

Quelle: n-tv.de

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