Fußball

Ganz nach Löws Geschmack Gnabry ist die wichtigste Zutat der DFB-Elf

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Serge Gnabry rührt derzeit sehr erfolgreich das Spiel der DFB-Elf.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Der Protagonist der neuen deutschen Offensive soll eigentlich Leroy Sané sein. Doch dessen Knie ist kaputt. In seiner Abwesenheit spielt sich Serge Gnabry immer mehr in den Vordergrund. Für den Bundestrainer ist er aktuell unverzichtbar - und das belohnt Joachim Löw.

Man hätte dem unaufhaltsamen Serge Gnabry eigentlich zutrauen müssen, dass er auch diesen Ball noch stilvoll vollendet. Schließlich hatte er ja gegen die Niederlande (2:4) drei Tage zuvor gezeigt, wie das mit dem Verwerten von Abprallern so läuft. Aber die Fußspitze des 24-Jährigen war dann nun doch ein Mü zu kurz. Oder war's sein Bein? Oder stand er falsch? Oder war er am Ende dieser physisch so anstrengenden ersten Halbzeit im EM-Qualifikationsspiel seiner deutschen Nationalmannschaft in Nordirland (2:0) einen Moment lang nicht konzentriert genug? Die Frage der Schuld am so verpassten Führungstreffer in dieser Nachspielzeit muss sich aber eigentlich ein anderer Fußballer stellen lassen: Timo Werner. Überragend freigespielt worden war der Leipziger Stürmer im ausverkauften Windsor-Park in Belfast, aber überragend war auch, wie der Keeper der Nordiren, Bailey Peacock-Farrell, den Ball des freistehenden DFB-Mannes entschärfte.

Nordirland - Deutschland 0:2 (0:0)

Tore: 0:1 Halstenberg (48.), 0:2 Gnabry (90.+2)

Nordirland: Peacock-Farrell, Cathcart, Jonny Evans, Lewis – McNair, Davis, Saville ab 70. Magennis - Corry Evans, Washington ab 83. Lavery, McGinn ab 59. Whyte. Trainer: O'Neill

Deutschland: Neuer – Klostermann, Ginter ab 40. Tah, Süle, Halstenberg - Kimmich, Kroos  - Reus ab 85. Can, Werner ab 68. Havertz, Gnabry, Brandt. Trainer: Löw

Schiedsrichter: Daniele Orsato (Italien)

Zuschauer: 18.104 (ausverkauft)

Er entschärfte ihn in die Mitte, wo eben Gnabry ein Mü zu spät kam. Oder eben zu klein war. Für einen Fußballer ist es ganz sicher kein schlechtes Zeichen, wenn eine solche Szene als seine schlechteste ausgemacht wird - gut, ein paar Fehlpässe (insgesamt zehn) gab's auch. So segelte der Ball also durch den Strafraum, ehe ihn Corry Evans sehr resolut ins Seitenaus feuerte. Ein nicht mehr unbedingt stilprägendes Mittel der Nordiren. Seit Michael O'Neil am 1. Februar 2012 die Green and White Army übernahm, mischt sich in das ehrliche Kick and Rush mehr und mehr schneller Kombinationsfußball. Etwas, für das in der deutschen Mannschaft zwei Spieler besonders stehen: der derzeit am Knie verletzte Leroy Sané. Und Gnabry. In gerade mal zehn Länderspielen hat sich der Mann mit dem Rührlöffeljubel zum Schlüsselspieler entwickelt. Zur derzeit wichtigsten Zutat in der deutschen Offensive.

"Serge macht es wirklich klasse, er ist fußballerisch auf einem extrem hohen Niveau. Und seine Quote bei uns ist überragend", sagte Bundestrainer Joachim Löw nach Gnabrys bereits neuntem Treffer (90.+2). Der Flügelstürmer des FC Bayern ordnet sich in der Liste der legendären deutschen Angreifer damit ganz weit oben ein: Der Schalker Klaus Fischer traf in seinen ersten zehn Spielen überragende elf Mal, Gerd Müller gelangen zehn Tore, ihnen folgen der Kölner Hans Schäfer und Gnabry, mit neun. Noch bemerkenswerter als die Zahl seiner Tore ist seine Effizienz: Für die DFB-Elf trifft er im Schnitt alle 86 Minuten. "Aber er ist nicht nur deswegen toll", urteilte Löw, "sondern auch weil er die Bälle vorne super fest macht und unsere anderen Spieler dort super einsetzt." Außerdem mache er "wirklich gute Laufwege" und sei als Zielspieler immer anspielbar. "Er bewegt sich gut und schlau", im fragilen Umbruch ist er eine stabile Konstante.

"Größte Überraschung der Saison"

Die rechte Seite (vor dort zieht er gerne auch in die Mitte), die hat er sich erobert. Im Verein. Und im Nationalteam. In beiden Fällen hat das Folgen für Thomas Müller. Zwar fühlt der sich im Zentrum als freigeistiger Zehner wohler als auf den Außenbahnen, oft genug aber musste er eben dort auch aushelfen. Bei der maximal verkorksten Weltmeisterschaft in Russland im vergangenen Jahr gelang das nicht mehr. Löw hat ihn im verschleppten Nachgang aus dem Team gestrichen. Und zwar endgültig. In München spielt Müller dagegen noch, aber auch dort kommt ihm immer seltener die tragende Rolle zu, die ihn jahrelang zu einem nicht greifbaren Phänomen gemacht hatte. Eine Rolle, die nun Gnabry ausfüllt, der am 11. November 2016 Seite an Seite mit Müller und mit drei Toren beim Debüt gegen San Marino wuchtig im DFB-Team aufgeschlagen war.

Ebenso wie bei seinem Klub. "Wir dachten, na ja, den holen wir jetzt einmal zurück, und dann schauen wir, ob er hin und wieder spielt", sagte Präsident Uli Hoeneß. Denn als er 2018 nach einer Leihe bei der TSG Hoffenheim in den Münchener Luxuskader stieß, wurde ihm eher die Rolle als Ergänzungsspieler hinter unter anderem Thomas Müller und Arjen Robben (über ihn redet sportlich in München aktuell kaum noch jemand) zugetraut. Aber nach zehn Toren und acht Vorlagen adelte Hoeneß den Spieler in diesem Sommer als "größte Überraschung der Saison". Einzig Gnabrys vegane - mittlerweile aber wieder aufgegebene - Ernährung störte den ehemaligen Würstelproduzenten.

"Er ist für den Gegner schwer zu greifen"

"Er hat Tempo zum Tor und eine gute Technik, er kann verschiedene Ebenen spielen. Er ist für den Gegner schwer zu greifen", urteilte Löw noch vor dem Doppelspieltag gegen die Niederlande (2:4) und Nordirland. Für das post-watutinkische (post-weltmeisterschaftliche) Spiel sind das ganz zentrale Elemente der neuen Spielidee des Bundestrainers. "Wir wollen es beibehalten, mit drei Stürmern zu spielen, um die Tiefe zu haben, die uns bei der WM gefehlt hat." Gegen die Niederländer gelang das kaum. Zu passiv war das deutsche Spiel angelegt, lediglich Gnabry stemmte sich gegen die physische Wucht des Gegners - mit einem Tor und einem engagierten Spiel. Gegen Nordirland hatte das dann erneut nicht nicht immer souverän wirkende Deutschland immerhin mehr solcher Momente. Die allerdings sehr kompakt gebündelt in einer Viertelstunde nach der Pause.

Doch außer dem Traumtreffer von Außenverteidiger Marcel Halstenberg entsprang dieser vorübergehend erdrückenden Dominanz nicht die Vorentscheidung. Weder der bemühte, aber erneut arg glücklose Marco Reus noch Lukas Klostermann oder der seltsam zaudernde Bundesliga-Torjäger Werner konnten den Ball an Peacock-Farrell und seinen Vorderleuten vorbeidrücken - und auch zunächst nicht Gnabry. Der sorgte aber immerhin noch für die späte Erlösung. In der Nachspielzeit. Mit einem Laufweg in die Tiefe. Aus arg spitzem Winkel. Dass der Bundestrainer seinen süffisant vorgetragenen Satz "Serge Gnabry spielt immer" doch sehr ernst meinte, man glaubt es Joachim Löw immer mehr.

Quelle: n-tv.de

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