Fußball

Eine Spitze gegen Thomas Müller? Die überraschende Vehemenz von Löw

Joachim Löw ist zurück bei der deutschen Nationalmannschaft. Darüber ist der Bundestrainer besonders glücklich. Er will das Team weiterentwickeln, den Erfolg um jeden Preis zurück. Dabei setzt er ein unmissverständliches Statement gegen den internationalen Trend.

Joachim Löw wirkte dann doch zu nachdenklich, um ihm keine Absicht zu unterstellen. "Serge Gnabry", so sagte der Bundestrainer, "spielt. Serge Gnabry spielt immer". Selten hat sich Löw mal so klar positioniert. Denn auch wenn er lächelte, kam das jener Stammplatzgarantie gleich, die einst der legendäre Louis van Gaal beim FC Bayern für Thomas Müller ausgerufen hatte. Müller ist mittlerweile (unfreiwilliger) DFB-Ruheständler. Von Löw Anfang März dieses Jahres überraschend verordnet. Statt Müller spielen in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nun eben Spieler wie Gnabry. An dem jungen Außenstürmer lobt Löw übrigens an diesem Donnerstagmittag typische Müller'sche Qualitäten. "Er kann verschiedene Ebenen spielen. Er ist für den Gegner schwer zu greifen."

Gnabry ist aber auch ein Spieler mit Tempo. Ein Spieler für die Tiefe. Zwei Kompetenzen, die beim WM-Desaster in Russland im vergangenen Sommer als Manko ausgemacht wurden. Und die nun im Umbruch korrigiert und zur neuen Stärke gemacht werden sollen. Auch am Freitagabend, wenn Deutschland mal wieder auf die Niederlande trifft. Zum bereits vierten Mal binnen eines Jahres. Dieses Mal geht's in Hamburg um die EM-Qualifikation (20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de).

Und in der läuft es bislang prächtig für die Mannschaft von Löw. Dreimal ist sie angetreten, dreimal hat sie gewonnen. Zum Start gab's ein spektakuläres 3:2 in den Niederlanden, danach einen souveränen 2:0-Erfolg gegen Weißrussland und noch ein furioses 8:0 gegen ein sehr überfordertes Estland. An den vergangenen beiden Spielen konnte Löw nicht teilnehmen. Wegen den offenbar doch nicht ganz ungefährlichen Folgen eines Sportunfalls war ihm von Ärzten zur Schonung geraten worden. Eine "unangenehme Situation" für den Coach. Zum ersten Mal überhaupt verfolgte er ein Spiel seiner Mannschaft nicht im Stadion. "Die Anspannung war dadurch höher als sonst, weil ich keinen Einfluss ausüben konnte." Nervös rumgetigert sei er. Nun ist aber alles wieder so, wie es sein soll. Nur ein bisschen rigoroser als früher.

Toni Kroos, mit Manuel Neuer und Matthias Ginter der letzte verbliebene Weltmeister von 2014, erkennt eine entsprechende Veränderung beim Trainer. "Ein Turnier wie im vergangenen Jahr war ungewohnt für alle. Da mussten wir uns alle Gedanken machen. Seine Entscheidung bestimmte Spieler auszusortieren, wäre im Erfolgsfall vielleicht nicht passiert. Aber er will den Erfolg um jeden Preis zurück und ist deshalb rigoroser im Umgang." Es soll ein schneller Erfolg sein. Denn den ewigen Bundestrainer, so hatte Löw gerade erst gesagt, werde er nicht geben. Neue Spieler, neues Spielsystem, Nominierung und Aufstellung nach Leistung, keine Nibelungentreue mehr. Ein Prinzip, das Löw immer wieder vorgeworfen wurde, ganz besonders als er vor der Europameisterschaft 2016 die verletzten oder formschwachen Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski nominiert hatte.

Sanés Ausfall ist bitter, aber ...

Nominiert hätte der Bundestrainer gerne auch Leroy Sané. Denn Sané ist der Protagonisten des neuen Stils. Sehr schnell, sehr trickreich und abschlussfreudig. Nun fehlt der Außenstürmer von Manchester City aber verletzt (neben ihm fehlen unter anderem die Vielspieler Thilo Kehrer und Antonio Rüdiger sowie der Nichtsovielspieler Julian Draxler). Sein Kreuzband ist kaputt. Eine Verletzung, die nicht nur dem Spieler und dem FC Bayern sehr wehtut, sondern auch Löw. "Er hat sich zu einem wertvollen Spieler für uns entwickelt und unsere Spiele geprägt." Einen gleichwertigen Ersatz im deutschen Fußball, den gibt es nicht. Ebensowenig aber auch wie eine Abkehr von der neuen Philosophie, die diese junge Mannschaft nun prägen und sie zu neuen Erfolgen führen soll. Das hat Löw am Mittag in überraschender Vehemenz deutlich gemacht. Die Klasse des Einzelnen, die der abwesende Sané - vertreten werden könnte er nun durch Timo Werner oder Julian Brandt - in herausragender Weise auszeichnet, ist nur zweite Säule des deutschen Spiels. Eine gewinnbringende allerdings.

Deutschland - Niederlande, Freitag 20.45 Uhr

Deutschland: Neuer - Ginter, Süle, Tah - Klostermann, Kimmich, Kroos, Schulz - Reus, Gnabry, Werner (Brandt); Trainer: Löw.
Niederlande: Cillessen - Veltman, de Ligt, van Dijk, Blind - de Roon, de Jong, Wijnaldum - Promes, Depay, Babel; Trainer: Koeman.
Stadion: Volksparkstadion (Hamburg)
Schiedsrichter: Soares Dias (Portugal)

"Unsere Mannschaft lebt sowohl vorne als auch hinten seit Jahren von einer festen Raumaufteilung. Wir haben eine große Geschlossenheit, das war immer unsere Stärke", erklärte der Bundestrainer. Und diese Stärke soll bleiben. Trotz der Beobachtung, unter anderem bei der Copa América in diesem Sommer, dass der internationale Trend zur Individualität geht. "Darauf haben wir eine Antwort: Für uns heißt es, dass jeder in seiner Raumaufteilung seinen Job machen muss. Wenn uns das gelingt, dann sind wir gut." Und gut, ja das war's zuletzt, so findet Löw. Entscheidender als die Systemfrage nach 4-3-3 oder 5-2-3 ist für ihn die grundsätzlich offensive Ausrichtung des Teams: "Wir wollen es beibehalten, mit drei Stürmern zu spielen, einfach um die Tiefe zu haben, die uns bei der WM gefehlt hat."

"Ich vergleiche es mit 2010"

Der im Debakel gipfelnde #zsmmnbrch in Russland übrigens, das macht er jetzt noch einmal deutlich, sei nicht vorhersehbar gewesen. "Vor der WM haben wir gegen Spanien gespielt und das war das beste Testspiel, das ich je gesehen haben. Es gab keine Anzeichen, dass wir bei der WM diese Leistung nicht mehr abrufen können. Wir haben einfach das, was uns stark gemacht hat, nicht mehr abgerufen. Jetzt haben wir diese Erkenntnisse. Deshalb haben wir einen Vorteil gegenüber 2018." Was sich daraus nun entwickeln kann? "Der Weg zum Titelaspiranten ist sehr lang. Diese Mannschaft kann sich allerdings entwickeln, das Talent ist da. Ich vergleiche es mit 2010." Damals wuchsen Neuer, Jérôme Boateng, Kroos, Mesut Özil und Müller unter anderem an der Seite der schon etablierten Philipp Lahm und Schweinsteiger zu einer prägenden und sehr erfolgreichen Nationalmannschaftsgeneration zusammen. Als Adäquat für eine womöglich ähnlich erfolgreiche Zukunft stehen nun die Spieler der 95er- und 96er-Jahrgänge um Joshua Kimmich, Niklas Süle, Gnabry und Sané. "Sie haben ein gutes Tempo und einen guten Teamspirit."

Einer, dem in dieser Mannschaft das größte Talent nachgesagt wird, ist der Leverkusener Kai Havertz, der derzeit wohl umworbenste Spieler der 1. Bundesliga. Doch so viel Hype im Brot-und-Butter-Geschäft um den 20-Jährigen gemacht wird, so viel Zurückhaltung herrscht in der Nationalmannschaft. Im Zentrum, seinem gewöhnlichen Beschäftigungsfeld, sind Qualität und Quantität enorm. Gesetzt sind Kroos, der sich nach kleineren DFB-Auszeiten zuletzt wieder in Stellung für eine dauerhaft tragende Rolle bringt, und Kimmich. Hinzu kommen Ilkay Gündogan und Leon Goretzka, der in Hamburg verletzt aussetzt. "Wir sind jetzt in einer Situation, wo wir die Positionen doppelt besetzt haben", sagte Löw. "Aber Kai Havertz kann der Spieler werden, der die Nationalmannschaft prägt. Er hat die U21 einfach übersprungen. Das ist wenigen Spielern in den letzten Jahren gelungen. Er könnte jederzeit von Beginn an spielen. Auch für ihn werden wir einen Platz finden, er wird sich durchsetzen, da bin ich sicher."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema