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Kleiner Coup in Amsterdam DFB-Elf befreit Löw aus dem Dilemma

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Von Joachim Löw fällt Last ab, sein Team siegt - auch für ihn.

(Foto: imago images / MIS)

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Mit dem Sieg in den Niederlanden startet die deutsche Fußball-Nationalelf brillant in die EM-Qualifikation. Der Bundestrainer mag nicht von Genugtuung sprechen, weiß aber, was der Erfolg wert ist. Nun kann er weiter vom Umbruch reden - obwohl einiges nicht neu ist.

Was sagt ein Mann, der weiß, dass er nicht viel falsch und sehr viel richtig gemacht hat? Joachim Löw hätte Grund gehabt, ein wenig zu triumphieren. Schließlich hatte die deutsche Fußball-Nationalelf an diesem Sonntagabend nach einer überraschend starken Leistung mit 3:2 (2:0) gegen die Niederlande gewonnen und war sehr viel besser als es die meisten vorher gedacht hatten in die Qualifikation zur pankontinentalen Europameisterschaft 2020 gestartet. Doch der Bundestrainer ist schon zu lange im Geschäft, als dass er zugegeben hätte, dass dieser Sieg auch ein Sieg über seine Kritiker war.

Niederlande - Deutschland 2:3 (0:2)

Niederlande: Cillessen - Dumfries, de Ligt, van Dijk, Blind - Wijnaldum, de Roon (ab 90.+1 Luuk de Jong), Frenkie de Jong - Promes, Depay, Babel (ab 46. Bergwijn). - Trainer: Ronald Koeman

Deutschland: Neuer - Ginter, Süle, Rüdiger - Kehrer, Kimmich, Schulz - Goretzka (ab 70. Gündogan), Kroos - Sané, Gnabry (ab 88. Reus). - Trainer: Löw

Schiedsrichter: Jesus Gil Manzano (Spanien)

Tore: 0:1 Sané (15.), 0:2 Gnabry (34.), 1:2 de Ligt (48.), 2:2 Depay (63.), 2:3 Schulz (90.)

Zuschauer: 52.000

Gelbe Karte: Blind

Nein, von Genugtuung wolle er nach diesem beachtlichen Erfolg nichts wissen, sagte er eine Stunde vor Mitternacht im Bauch der Amsterdamer Johan-Cruyff-Arena. Dort hatten die 54.990 Zuschauer gesehen, wie Leroy Sané und Serge Gnabry in der 15. und 34. Minute eine leidenschaftlich und frech aufspielende DFB-Elf in Führung gebracht hatten, ehe Matthijs de Ligt in der 48. und Memphis Depay in der 63. Minute für die Gastgeber ausglichen. Und selbst wenn Niko Schulz in letzter Minute nicht noch der Siegtreffer gelungen wäre, Löws Fazit wäre mutmaßlich ähnlich ausgefallen: "Die erste Halbzeit war, was das Fußballerische betrifft, überragend. Wir haben völlig verdient mit zwei Toren geführt." Nach der Pause habe sein Team dann nicht mehr so brilliert. Aber: "Die Mannschaft hat Kampf, Einsatz und Leidenschaft gezeigt." Aber weil Schulz dann eben doch noch getroffen hatte, durfte sein Trainer unwidersprochen behaupten: "Wir haben den Glauben an den Sieg nie verloren."

Wie dem auch sei: In der Tat traten die deutschen Spieler gegen eine sichtlich beeindruckte Elftal so auf, wie es der Trainer gefordert hatte. Sie spielten schnell, sie spielten mit Leidenschaft. Und am Ende kam ein wenig Glück dazu, ohne das der Erfolg "gegen den vermutlich stärksten Konkurrenten" in der Qualifikationsgruppe C nicht möglich gewesen wäre. Der Bundestrainer war aber durchaus der Ansicht, dass sie sich dieses Glück verdient hatten. "Ich hatte schon vor dem Spiel das Gefühl, dass die Mannschaft die PS, die sie hat, hier auf die Straße bringen kann." Und er habe immer das Gefühl gehabt, dass seine Elf das Spiel noch gewinnen könne. "Das wusste ich vorher." Da war er wieder, der alte Löw, der sich seiner Sache sicher ist und alles im Griff hat.

"Wir wollten sehr früh attackieren"

Dabei standen die Zeichen nicht gut für ihn. Nach der völlig verkorksten Weltmeisterschaft in Russland mit dem historischen Aus in der Vorrunde. Nach dem Abstieg in die zweite Klasse der Nations League und dem negativen Höhepunkt am 13. Oktober beim 0:3 an gleicher Stelle gegen eben jene Niederländer. Nach der Suspendierung der Weltmeister Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller Anfang des Monats. Nach der propagierten Zeitenwende und nach einem durchwachsenen 1:1 gegen Serbien am vergangenen Mittwoch in Wolfsburg war auch dem Bundestrainer klar, dass es nun in Amsterdam um mehr geht, als nur um einen ordentlichen Beginn der EM-Qualifikation. Einerseits war und ist verständlich, dass jeder Trainer der Welt Zeit braucht, um eine neue Mannschaft aufzubauen. Andererseits lag und liegt es auf der Hand, dass die Ergebnisse stimmen müssen, so widersprüchlich das ist.

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Aus diesem Dilemma hat sich Löw nun erst einmal befreit. Oder besser: Seine Spieler haben es getan, weil sie seinem Plan folgten. Nicht, dass sie die Idee vom Ballbesitzfußball völlig aufgegeben hätten. Aber er ist nicht mehr Selbstzweck, sondern um die Komponente schnelles Umschaltspiel bereichert. Das Motto lautete: den Gegner früh und aggressiv angreifen, den Ball erobern, und ab geht die Post. Die begnadeten Angreifer Gnabry und Sané sind Spieler, die das Ganze im besten Fall veredeln. In Amsterdam ist ihnen das gelungen. Leon Goretzka fügte sich da in teilweise ungewohnt offensiver Rolle gut ein. "Wir wollten von Anfang an mit unseren drei Offensiven sehr früh attackieren", sagte der Bundestrainer. Heraus kam am Ende ein kleiner Coup, der allen beim DFB etwas Zeit verschafft.

"Natürlich liegt noch einiges an Arbeit vor uns"

Die Frage ist ja nicht, ob sich die Mannschaft für die EM qualifiziert, sondern wie. In der Fünfergruppe geht es in der EM-Qualifikation noch gegen Weißrussland, Estland und Nordirland, am Ende sind die beiden besten Teams bei der EM 2020 dabei. Das sollte zu schaffen sein. Und da gibt es nun tatsächlich Anlass zu der zarten Hoffnung, dass da etwas Neues entsteht. Wobei: So neu war die Löw'sche Komposition in Amsterdam gar nicht. Mit Kapitän Manuel Neuer im Tor, den Innenverteidigern Niklas Süle und Antonio Rüdiger, den Mittelfeldspielern Thilo Kehrer, Joshua Kimmich, Toni Kroos und Nico Schulz und den Angreifern Gnabry und Sané standen am Sonntag neun Spieler in der Startelf, die auch schon beim 2:2 gegen die Elftal im letzten Spiel der Nations League am 19. November in Gelsenkirchen begonnen hatten. Nur Matthias Ginter und Goretzka waren neu dabei, seinerzeit hatten Hummels und Werner gespielt.

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Maximilian Eggestein saß nur auf der Bank. Aber er wird die Zukunft des DFB sein.

(Foto: imago images / Matthias Koch)

Neu ist, dass es keine Rückversicherung mehr gibt. Bis auf Neuer, Toni Kroos und Ginter sind die meisten Weltmeister von 2014 raus und springen, wenn man Löws Ankündigungen glauben darf, auch nicht mehr ein. Richten müssen es die, die in Amsterdam gezeigt haben, dass sie es können. Dazu zählen auch die, die nicht zum Einsatz kamen, zum Beispiel Torhüter Marc-André ter Stegen, Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein, der erstmals im Kader war, aber in beiden Partien nur auf der Bank saß, und Kai Havertz. Und vielleicht sollte man einfach mal die Frage hinten anstellen, ob daraus eine Mannschaft erwächst, die eines Tages wieder um Titel mitspielt. Die Spieler jedenfalls hätten es sich verdient, nachdem sie jetzt erst einmal in Vorleistung gegangen sind.

Der Bundestrainer hat nun zweieinhalb Monate Zeit, sich zu überlegen, wie er das angehen will. Die nächsten Qualifikationspartien in Baryssau gegen die Weißrussen und in Mainz gegen die Esten sind für den 8. und 11. Juni terminiert. "Natürlich liegt noch einiges an Arbeit vor uns", sagte Löw. Erst aber einmal sei der Sieg in Amsterdam "hilfreich für das Selbstbewusstsein der Mannschaft, für die Moral und für den Glauben innerhalb der neu formierten Mannschaft". Ob er denn glücklich sei, wurde er noch gefragt. "Glücklich? Ich bin sehr zufrieden." Hier sprach ein Mann, der wusste, dass er an diesem Abend nicht viel falsch gemacht hatte.

Quelle: n-tv.de

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