Fußball

Löws rücksichtslose DFB-Mission Plötzlich Hardliner

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Noch-Bundestrainer Löw nimmt "keine Rücksicht mehr".

(Foto: picture alliance/dpa/Revierfoto)

Die Fußball-Europameisterschaft im Sommer ist das letzte große Turnier von Joachim Löw als Bundestrainer. Und Löw möchte diese letzte Mission unbedingt erfolgreich beenden. Dafür setzt er die Nationalmannschaft auf die höchste Prioritätsstufe.

Noch hat das mächtigste Alphamännchen des deutschen Fußballs von seiner gefürchteten Wortgewalt als neuer TV-Experte bei RTL keinen Gebrauch gemacht, und dennoch hat Uli Hoeneß bei Bundestrainer Joachim Löw schon etwas bewirkt. Zwar fruchtet die Lobbyarbeit für Thomas Müller (noch) nicht, er fehlt im Kader der Nationalmannschaft nach wie vor, dafür aber gab Löw in der Medienrunde vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Island (am Donnerstag ab 20.15 Uhr bei RTL und im ntv.de-Liveticker) den vehementen Hardliner für einen großen Erfolg. Diesen Rat hatte ihm Hoeneß in seinem Antritts-Plädoyer bei RTL zugerufen.

Mit der "Rücksicht auf die Gesamtsituation" des vergangenen Jahres sei es nun vorbei. Für den "maximalen" Erfolg bei seiner letzten Mission im Dienste des Deutschen Fußball-Bundes setzt Löw die Nationalmannschaft auf die bundessportlich höchste Prioritätsstufe. Bedeutet: Leistungsträger werden nun nicht mehr geschont, Achsen sollen sich bilden, Automatismen geschärft werden. Und noch etwas ist Löw ganz wichtig, er will die brutal schlechten Eindrücke, die er mit seinem Team aus dem vergangenen Jahr, ganz besonders aus dem 0:6-Debakel gegen Spanien (das Löw sehr wütend gemacht hatte, wie er nun nochmal betonte), mit sich herumschleppt, radikal korrigieren.

Er will dabei nicht nur die fußballerische Qualität sehen, sein Team solle "auch das Kämpferische und Läuferische" aufbringen und zeigen, "dass wir eine leidenschaftliche Mannschaft sind, die verbissen um den Sieg kämpft." Eine knallharte Abrechnung mit einem Jahr, das dem Team mehr geschadet als geholfen hat.

Dabei nimmt er sich auch selbst in die Pflicht - sein Auftreten, seine Körpersprache und all seine taktischen Überlegungen. Zu denen gehört überraschend auch eine mögliche Versetzung von Joshua Kimmich aus dem Mittelfeldzentrum zurück auf die Position des Rechtsverteidigers. "Er macht auf beiden Positionen einen guten Job. Er schlägt gute Flanken, ist aber auch im Mittelfeld extrem wichtig." Dort aber ist die Qualität im Aufgebot am allergrößten. Es bewerben sich dort neben dem bayrischen Abräumer auch Klubkollege Leon Goretzka, Ilkay Gündogan, der derzeit in der vermutlich besten Form seiner Karriere ist, und Löws ewig gesetzter Stratege, Toni Kroos. Aktuell wird er diese durchaus folgenschwere Entscheidung aber nicht treffen müssen, denn Kroos ist mit Problemen an den Adduktoren abgereist. Und so gilt für den Spiel-Dreier: "Tonis Ausfall ist schade, es gibt aber genug andere Möglichkeiten."

Der Druck steigt, auch in der Wortwahl

Die Besetzung einzelner Positionen macht Löw aber (noch) nicht zum großen Thema. Weder in der Medienrunde, noch in der Mannschaft. Mit der wurden all die großen Probleme des vergangenen Jahres aufgearbeitet. "Wir haben darüber geredet, was wichtig ist für die Organisation und die Kommunikation, wie wir verteidigen und attackieren wollen." Das klingt wie ein Neustart, wie eine Antrittsrede. Und Löw wurde dabei durchaus sehr deutlich.

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Gerade das Schweigen seiner Männer ist ihm nun offenbar das wichtigste Anliegen. "Es wird eine andere Kommunikation auf dem Platz sein. Es reicht nicht, wenn ich irgendetwas sage", bemerkte Löw am Mittag vehement. "Manche Spieler müssen erkennen, was für Situationen sich abspielen und was sie für Anweisungen geben. Da werden wir einige in die Verantwortung nehmen, dass mehr und konkreter gesprochen wird." Der Druck steigt, auch in der Wortwahl des Bundestrainers, denn da rutschten ihm sogar mal die Worte "gnadenlos" und "rigoros" raus.

Dieses zornige Attribut hätte man dem Bundestrainer auch bei der Nominierung seines aktuellen Kaders anheften können. Denn mit Julian Draxler und Julian Brandt fehlen nun erstmals seit sehr langer Zeit zwei Spieler, mit denen Löw trotz Formschwankungen, Reservistenrollen und (zu) riskanten Spielanlagen stets eine erstaunliche Geduld bewies. Die DFB-Denkpause ist zwar durchaus als Warnung an die hoch veranlagten Fußballer zu verstehen, nicht aber als ultimative Degradierung: "Bei Julian Draxler weiß man, welches Potenzial er hat. Er kann sich noch steigern. Das gilt auch für Julian Brandt." Der Kreativspieler des BVB habe "riesige Fähigkeiten", so Löw: "Er kann so ein wichtiger Spieler sein. Ich hoffe, dass er eine richtige Reaktion zeigt. Ich werde das die nächsten zwei Monate beobachten." Löw, ein erstes Mal Hardliner. Und ein letztes.

Quelle: ntv.de

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