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Gewohnter Anblick: André Schürrle auf der Ersatzbank.
Gewohnter Anblick: André Schürrle auf der Ersatzbank.(Foto: imago/Ulmer)
Freitag, 29. Dezember 2017

Quälender Abstieg beim BVB: Weltmeister Schürrle sucht den Ausweg

Von Judith Günther

Bei der WM 2014 avanciert André Schürrle zum Fußball-Helden, zwei Jahre später wechselt er für eine Rekordsumme nach Dortmund. Der Aufstieg wird zum Abstieg, nach Verletzungen und Enttäuschungen bahnt sich sein Abschied an - als Unvollendeter.

Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, Maracanã, Momentaufnahme: Es läuft die 113. Minute in Brasiliens Fußballtempel. André Schürrle schnappt sich den Ball, prescht über den linken Flügel, lässt sämtliche Gegenspieler stehen und flankt vors Tor der Argentinier. So präzise, dass Mario Götze den Ball virtuos annehmen und vollenden kann. 1:0, noch zehn Minuten zittern, Weltmeistertitel. Und eine Zukunft, in der alles möglich scheint. Ob Schürrle selbst noch oft an diesen Moment denkt?"

WM-Goldjungen: André Schürrle und Mario Götze im Maracanã.
WM-Goldjungen: André Schürrle und Mario Götze im Maracanã.(Foto: imago/Ulmer/Teamfoto)

Wenn, dann als Höhepunkt einer Karriere, die eine der unerfüllten Versprechen und Erwartungen ist. Es ist dieser Moment im Maracanã, an dem sich der Weltmeister immer messen lassen muss, doch an den er nie wieder anknüpfen kann. Bei Borussia Dortmund suchte Schürrle den Neubeginn, momentan deutet vieles darauf hin, dass auch diese Station nur ein Zwischenstopp werden wird. Wie der "Guardian" berichtet, soll West Ham United Interesse an einem Leihgeschäft haben. Ein Premier-League-Klub, der sich - ganz wie Weltmeister Schürrle - durch die Saison quält und gegen den Abstieg kämpft.

Die Situation sei "sehr schwierig", gestand Schürrle zuletzt. Er durchschreite gerade die schwierigste Phase seiner Karriere. "Man spürt, dass der Körper schon einiges mitgemacht hat und sich jetzt seine Ruhe holt. Es ist schwierig, das zu akzeptieren und auf seinen Körper zu hören", sagte der 27-Jährige den "Ruhr Nachrichten" im Oktober. Und klingt dabei fast wie Tennis-Ikone Roger Federer, wenn der erklärt, warum sein 36 Jahre alter Körper inzwischen öfter mal streikt. Er sehe, sagte Schürrle, das aber "auch als eine Phase in meiner Entwicklung. Viele Spieler mussten durch so eine Phase gehen. Jetzt bin ich dran".

Kaum Einsatzzeiten beim BVB

Schürrles Lage ist in der Tat reichlich frustrierend. Von der Ersatzbank des FC Chelsea ging es über Wolfsburg im Sommer 2016 zum BVB, dem der hochveranlagte Offensivspieler nach einer starken Rückrunde stolze 30 Millionen Euro wert war. Eine Rekordsumme für Dortmund und teure Vorschusslorbeeren für einen Spieler, dem das Vertrauen in seine Person so enorm wichtig ist. "André Schürrle ist ein deutscher Nationalspieler mit herausragendem Offensivpotenzial. Seine Qualität wird für unsere Mannschaft sehr wertvoll sein", hatte BVB-Sportdirektor Michael Zorc damals gesagt.

Auf dem Platz war davon bislang kaum etwas zu sehen. Vier Mal kam er in der laufenden Spielzeit zum Einsatz, gerade einmal 25 Pflichtspiele waren es in der vorherigen Saison. Ein spektakuläres Champions-League-Tor gegen Real Madrid, an mehr Schürrle-Highlights erinnern sich wohl nicht einmal hartgesottene BVB-Fans. Es scheint, als könne der Weltmeister das Vertrauen der Trainer einfach nicht gewinnen - auch, weil seine Verletzungsgeschichte ähnlich tragisch ist wie die von Marco Reus.

In der Vorbereitung auf diese Saison lief es wieder nicht rund. Erst zwickte der Rücken, dann, kurz vor dem Bundesligastart, zog er sich einen Muskelfaserriss zu. Die ersten sieben Begegnungen verpasste er und wer nicht spielt, kann den Vorwurf, ein 30 Millionen Euro teurer Irrtum zu sein, schwer widerlegen. Vielleicht ahnten die BVB-Verantwortlichen ja schon im Sommer, dass eine verlässliche Planung mit dem verletzungsanfälligen Nationalspieler auch perspektivisch kaum möglich ist. Mit Maximilian Philipp und Andriy Yarmolenko kamen zwei Spieler, denen Schürrle die Startelf-Position erst einmal streitig machen muss. Geschafft hat er das bislang nicht, obwohl Philipp gerade verletzt ist. Denn Schürrle ist eben kein Reus, der - bei all der Tragik seiner Verletzungsgeschichte - nach jedem Comeback besser als zuvor zurückzukommen scheint.

Wohlfühloase Nationalmannschaft

"André Schürrle würde in fast jeder anderen Mannschaft der Welt von Anfang an spielen", hatte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke im Frühjahr zur Situation des Nationalspielers gesagt - und wirkte fast schon ein bisschen ratlos, als er gegenüber der "Bild" anmerkte, es sei "einfacher, Einsatzzeiten in der Nationalelf als etwa bei Bayern München oder bei uns zu bekommen". Eine These, die schwer zurückzuweisen ist. Bei Bundestrainer Joachim Löw bekommt Schürrle Spielanteile, er feiert Erfolgserlebnisse. Wie etwa beim 4:1-Sieg gegen Aserbaidschan im März, als Schürrle bei seinem Startelf-Einsatz (der erste seit dem 11. Oktober 2015) mit zwei Toren und einer Vorlage brillierte. "Der Bundestrainer schenkt mir Vertrauen und sagt das öffentlich auch", gab der Nationalspieler anschließend zu Protokoll.

Wohlfühloase Nationalmannschaft, das gilt für Schürrle fast uneingeschränkt. Doch beim Projekt Titelverteidigung im kommenden WM-Sommer kann sich der Bundestrainer Nominierungen aufgrund vergangener Heldentaten nicht leisten. Und so weiß auch Schürrle, dass er in seiner aktuellen Situation kaum Argumente für ein WM-Ticket liefert. Das dürfte sein Berater Ingo Haspel verklausuliert gemeint haben, als er in der vergangenen Woche andeutete, dass ein vorübergehender Wechsel auch mit Blick auf die WM 2018 möglich sei. Bei Sky sagte er: "Grundsätzlich will André so viel wie möglich spielen, und wenn die Spielzeit nicht gewährleistet ist, dann wäre es geradezu fahrlässig, nicht darüber nachzudenken, wie die Zukunft da aussehen kann und wo man mehr Spielzeit bekommt."

Eine Drohung an den BVB? Wohl kaum. Dafür dürfte die Erleichterung, wenn die Fragen nach den unerfüllten Erwartungen endlich verstummen, umso größer sein.

Quelle: n-tv.de