Wirtschaft

Das Filetieren kommt später Coronavirus schüttelt Autobranche durch

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Pandemie bremst Konsolidierung der Autobranche aus.

(Foto: imago/STPP)

Wegfallende Einnahmen und weiterlaufende Kosten: Die Corona-Krise sorgt für eine Vollbremsung der Autoindustrie. Analysten rechnen damit, dass Branchengrößen wie Daimler über Fusionen nachdenken müssten. Laut Unternehmensberatern stehen vor allem kleinere Zulieferer im Feuer.

Mit dem durch die Corona-Krise erzwungenen Stopp der Autoproduktion in Europa haben in der Branche die Uhren zu ticken begonnen. Denn nun fallen die Einnahmen weitgehend weg, während die Kosten in den Unternehmen weiter laufen. Die Finanzchefs in den Unternehmen haben alle Hände voll zu tun, die Liquidität zu sichern. Notpläne werden aufgelegt, Zahlungsströme auf das Nötigste reduziert - und das während laufender Investitionen in die Elektromobilität.

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"Corona wirkt nun als Katalysator und die schwächsten Unternehmen laufen Gefahr, durch Produktionsstilllegungen und Nachfrageschock unter die Räder zu kommen", sagt Maxime Lemerle vom Kreditversicherer Euler Hermes. Der Zwang zu Fusionen und Übernahmen werde noch stärker.

Zunächst wird die Konsolidierung in der Autobranche aber durch die Pandemie ausgebremst. Nach einem rasanten Jahresstart ist das Geschäft mit Fusionen und Zusammenschlüssen bei deutschen Unternehmen nach Daten von Refinitiv im März praktisch zum Erliegen gekommen. Das dürfte in den nächsten Monaten auch erstmal so bleiben, glauben Investmentbanker.

"Blinde und Fußlahme tun sich zusammen"

Ein Banker sagte zu Reuters, es gebe in der Autoindustrie derzeit keinen großen Konsolidierer. Finanzinvestoren scheuten davor zurück, sich in dem Sektor zu engagieren: "Die Branche wird gut durchgeschüttelt werden, was aber nicht unbedingt mit dem Entstehen eines großen, starken Zulieferers enden wird. Es tun sich eher die Blinden und Fußlahmen zusammen."

BMW
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Auch Lemerle geht davon aus, dass derzeit keiner sein Geld in eine Übernahme stecken würde - obwohl die niedrigen Aktienkurse eigentlich dazu geradezu einlüden. "Sie halten ihr Geld zusammen und brauchen diese finanziellen Puffer auch erst einmal, um irgendwie durch die Krise zu navigieren." Nach der Krise dürften Fusionen wieder deutlich an Fahrt gewinnen, ist der Chef der Branchenrisikoanalyse von Hermes überzeugt. "Dann ist auch klar, wer wo steht und wer sich was leisten kann."

Doch wie lange das dauert, steht in den Sternen. Stefan Reindl, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen glaubt nicht, dass die Normalität nach zwei bis vier Wochen, für die die meisten Autobauer Produktionsstopps angekündigt haben, wieder einkehrt wird. "Alles spricht dafür, dass es einen signifikanten Einbruch der Konjunktur geben wird."

Das große Fressen

Doch danach werde eine Konsolidierungswelle einsetzen, von der selbst große Namen erfasst werden könnten, schätzt Frank Schwope von der NordLB. "Angesichts der Krise aber auch mit Blick auf die disruptiven Zeiten ist vielleicht auch für Daimler die Zeit gekommen, über einen Zusammenschluss nachzudenken, zumal die Bewertungen der Unternehmen gegenwärtig relativ niedrig sind", schreibt der Autoanalyst in einem Kommentar.

Für eine Allianz des Stuttgarter Konzerns kämen drei Varianten infrage: Ein deutsch-deutsches Modell mit BMW, eine deutsch-französisch-japanische Kombination mit Renault und Nissan - sofern deren problembeladener Bund nicht noch zerbricht - und ein deutsch-chinesisches Modell mit Daimler-Großaktionär Geely und dessen schwedischer Tochter Volvo.

Als weitere Kandidaten für ein engeres Zusammenrücken sieht Schwope Volkswagen und Ford, die japanischen Autobauer Toyota, Suzuki, Subaru und Mazda sowie General Motors und Honda, die auf bestimmten Felder schon zusammenarbeiten. "Auch chinesische Automobil-Konzerne dürften an Übernahmen stark interessiert sein", sagt der NordLB-Analyst. Möglicherweise würden die jeweiligen Regierungen aber Maßnahmen zum Schutz vor feindlichen Übernahmen ergreifen.

Eine Branche am Tropf

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VW Vorzüge 143,70

Der europäische Herstellerverband Acea fordert wegen der Coronavirus-Pandemie Liquiditätshilfen für Automobilunternehmen, Zulieferer und Händler auf nationaler und auf EU-Ebene. "Es ist klar, dass dies die schlimmste Krise ist, die die Automobilindustrie je getroffen hat", erklärte Acea-Generaldirektor Eric-Mark Huitema jüngst. Mit dem Stillstand der gesamten Produktion und der Schließung praktisch des gesamten Händlernetzes stünden europaweit 14 Millionen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Bundesregierung hat bereits das Kurzarbeitergeld ausgeweitet. Außerdem wird gerade ein viele Milliarden schweres Rettungspaket geschnürt, das Liquiditätshilfen vorsieht und die Möglichkeiten für Staatsbeteiligungen schafft.

In der Autobranche stehen nach Meinung von Beratern vor allem kleinere Zulieferer und der Handel im Feuer. Christoph Stürmer von der Unternehmensberatung PwC plädiert auch für Eigeninitiative der Branche: "Wenn die Autohersteller, wonach es im Moment aussieht, konzertiert agieren, könnte das für die Zulieferer das bessere Szenario sein", sagt der Analyst. "Man sollte sich über den VDA abstimmen, oder am besten über den Acea, und sagen: Wir machen Schicht", schlägt Stürmer vor: "Später reden wir über ein konzentriertes Wiederhochfahren."

Quelle: ntv.de, Jan Schwartz, rts