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"Meist gibt es noch vieles, das funktioniert, und daran sollte man immer wieder anknüpfen."
"Meist gibt es noch vieles, das funktioniert, und daran sollte man immer wieder anknüpfen."(Foto: imago/Westend61)
Samstag, 03. Februar 2018

"Tabletten? Brauch' ich nicht!": Demenz: Was Angehörige tun können

Mitten in einer Handlung setzt das Vergessen ein, nichts ist vorhersagbar. Die Pflege eines Menschen mit Demenz bringt ganz eigene Probleme mit sich. Wie geht man damit als Angehöriger am besten um? Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft gibt Tipps.

n-tv.de: Frau Saxl, vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Menschen, die ein an Demenz erkranktes Elternteil oder einen dementen Ehepartner pflegen?

Susanna Saxl: Es ist grundsätzlich anders, als jemanden zu pflegen, der rein körperlich auf Hilfe angewiesen ist. Zur Demenz gehört das Vergessen von alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Deswegen setzt die Betreuung oft damit ein, dass man immer wieder einen Anstoß geben muss. Ein Beispiel: Jemand wäscht sich und vergisst mittendrin, was er tut. Er hat also den Waschlappen in der Hand und ist sich damit gerade mal über das Gesicht gefahren, als er vergisst, dass es noch weitergehen muss. Dann muss der Angehörige einen Impuls geben: "Unter den Armen auch noch!" Es kann aber auch sein, dass jemand mit Demenz gar nicht mehr einsieht, dass Waschen überhaupt notwendig ist. Und nichts ist vorhersagbar.

Man kann sich also als pflegender Angehöriger auf nichts einstellen?

Hilfsangebote

Wer einen an Demenz erkrankten Angehörigen pflegt, ist oft am Ende seiner Kräfte. Über den Wegweiser Demenz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend findet man Wohlfahrtsverbände, die Hilfe in der Nähe anbieten.

Auch die Alzheimer-Gesellschaften sind in vielen Regionen Deutschlands mit Beratungsstellen vertreten.

Individueller Rat per Telefon ist ebenfalls möglich: Das bundesweite Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ist unter der Nummer 030 - 2 59 37 95 14 erreichbar. Beratungszeiten sind Montag bis Donnerstag von 9 – 18 Uhr, freitags bis 15 Uhr.

Nein, das ist eine weitere Besonderheit. Das Leistungsvermögen eines an Demenz erkrankten Menschen kann von Tag zu Tag anders sein, bei manchen Demenzformen gibt es sogar innerhalb eines Tages sehr starke Schwankungen. Gerade am Anfang der Krankheit kommt es beim Betroffenen erstmal zu einzelnen Aussetzern, auf die ist man nicht vorbereitet. Später kommt dann Neues hinzu.

Haben Sie auch dazu ein Beispiel parat?

Ja, da denkt man sich vielleicht: 'Ok, jetzt habe ich mich darauf eingestellt, dass mein Mann nicht mehr alleine zum Arzt gehen kann. Den Weg weiß er nicht mehr. Aber zum Bäcker um die Ecke, das funktioniert.' Und auf einmal sagt der Mann, den man zum Bäcker schickt: "Bäcker? Gibt es hier einen?" Das passiert vielleicht zunächst nur einmal und am nächsten Tag ist wieder alles ganz normal und der Mann geht ganz selbstverständlich zum Bäcker. Doch irgendwann taucht die Frage, wo denn der Bäcker ist, wieder auf. Oder es ergibt sich ein neues Problem. Es gibt einfach kein Level, auf das man sich als Angehöriger verlassen könnte.

Menschen mit Demenz haben das gleiche Recht auf Selbstbestimmung wie alle anderen. Führt das bei Pflegenden nicht oft zu inneren Konflikten? Das Waschen etwa, um Ihr Beispiel aufzugreifen, würde manch ein Angehöriger vielleicht kurzerhand selbst erledigen. Wie weit muss man sich da als Sohn, Tochter oder Ehepartner zurücknehmen? Und wann muss man doch "diktatorisch" vorgehen?

Als Angehöriger steht man vor der Herausforderung, sich von dem, was üblich ist, ein Stück zu verabschieden. Der Befehlston oder ein anderes "diktatorisches" Vorgehen helfen meist nicht weiter. Zielführender kann es sein, zu einem späteren Zeitpunkt nochmal einen Impuls zu geben. Klappt es vor dem Frühstück mit dem Waschen nicht, kann die Stimmung nach dem Frühstück bei dem Betroffenen schon anders sein. Oder man versucht, an alte Gewohnheiten anzuknüpfen. Wie hat es der Betroffene früher im Leben gehandhabt? War es da üblich, samstags zu baden? Das kann er dann vielleicht leichter akzeptieren. Oder man holt sich Hilfe von außen, über den ambulanten Pflegedienst zum Beispiel. Denn auch die eigene Beziehung zum Betroffenen kann hinderlich sein. Manchmal ist Einfallsreichtum gefragt: Wenn es ums Waschen geht, könnte auch Schwimmengehen eine Lösung sein – natürlich mit der üblichen Dusche vor dem Sprung ins Becken.

Man versucht es also immer einvernehmlich. Aber wie ist es, wenn es um etwas so Dringliches wie die Tabletteneinnahme geht? Wenn der Betroffene meint, keine Tabletten mehr nehmen zu müssen oder es schlicht nicht will?

Rein rechtlich kann man jemanden höchstens dann gegen seinen Willen zur Tabletteneinnahme oder überhaupt zu einer medizinischen Therapie zwingen, wenn es lebensbedrohlich wird. Also sollte man auch da erstmal nach einem einvernehmlichen Weg suchen. Als Ehepartner könnte man ein tägliches Ritual daraus machen, indem man sagt: "Ich nehme jetzt meine Tabletten, du deine. Ist halt so, wir sind über 60, da braucht man Tabletten." Auf diese Weise bekommt die Tabletteneinnahme eine Normalität und man kommt weg von der Ansage: "Du bist krank, du musst jetzt deine Tabletten nehmen."

Und wenn das nicht klappt?

Manchmal hilft die Autorität des Arztes. Manche Menschen reagieren gut darauf, wenn man ihnen einen Zettel vorlegt, auf dem der Arzt aufgeschrieben hat, was sein muss. Wenn es etwa um Herztabletten geht, um lebenswichtige Arzneimittel, sind sie meist noch zu überzeugen. Bei anderen Tabletten, auch bei denen gegen die Demenz, ist es häufig schwieriger - gerade, wenn die Betroffenen dann den Beipackzettel lesen und sagen: "Gedächtnisstörung? Hab' ich doch gar nicht." Aber das muss man als Angehöriger dann tatsächlich akzeptieren, dann muss man verzichten. In dem Fall hilft es, sich zu sagen, dass es natürlich gut wäre, wenn der Betroffene das Medikament nehmen würde, dass aber dessen Effekt auch nur begrenzt ist.

Wie ist es, wenn man feststellt, dass der Betroffene nicht mehr mit Geld umgehen kann?

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Erstmal ist es dann gut, dafür zu sorgen, dass nicht so viel Bargeld da ist – sodass nur kleine Summen verloren gehen können. Wenn es eine Vorsorgevollmacht gibt, hat man als Angehöriger einige Möglichkeiten, darunter auch die, mit der Bank zu besprechen, dass der Betroffene nur begrenzt Geld abheben kann. Sonst kann es unter Umständen notwendig sein, beim Amtsgericht eine rechtliche Betreuung zu beantragen - für den Finanzbereich. Das Gericht beauftragt dann einen Gutachter, einen Arzt, und der Richter spricht auch selbst mit dem Betroffenen. Für eine Betreuung im finanziellen Bereich gehört dazu, dass durch das Verhalten und den Umgang mit Geld eine Verarmung droht.

Menschen mit Demenz können mitunter sehr wütend und trotzig reagieren. Wie geht man damit am besten um?

Da ist es wichtig, dass man sich klarmacht, dass das nicht auf einen persönlich gerichtet ist. Oft ist es sinnvoll, einfach mal aus dem Zimmer zu gehen oder sogar einmal um den Block. Wenn man fünf Minuten später zurückkommt, hat sich die Stimmung möglicherweise schon geändert. Etwas anderes sind noch die Beschuldigungen, etwa: "Du hast mein Portemonnaie geklaut." So etwas kann auch über längere Zeit anhalten. Dann wäre eine Strategie, tatsächlich mal eine Weile nicht zu kommen und jemand anders muss sich kümmern. Richten sich die Beschuldigungen gegen den Ehepartner, ist das natürlich nicht so einfach. Dann muss man manchmal einfach vom Thema ablenken. Zu diskutieren und gegen die Beschuldigung anzugehen, bringt jedenfalls meist nichts.

Und wenn der Betroffene eher traurig und deprimiert ist, was macht man dann?

Es gibt eine Traurigkeit, die dem geschuldet ist, dass der Mensch spürt, dass er immer mehr von seinen Fähigkeiten verliert. Das ist eine nachvollziehbare Traurigkeit und eine, die man als Angehöriger auch selbst spürt. Es ist in Ordnung, jemanden ein Stück zu begleiten in dieser Traurigkeit und sie auszuhalten. Aber dann muss man irgendwann auch schauen: Wie bringt man da wieder Licht rein? Falls jemand depressiv ist, muss man mit dem Arzt sprechen, denn Depressionen sollten auch bei Menschen mit Demenz behandelt werden.

Wie bewahrt man sich als Angehöriger davor, sich bei der Betreuung und Pflege zu verausgaben?

Zum Beispiel, indem man Hilfe in Anspruch nimmt: Können in der Familie Aufgaben verteilt werden? Gibt es vielleicht auch Freunde, die man einbeziehen kann? Es geht darum, für sich selbst Auszeiten zu schaffen, in denen man das macht, was einem guttut. Auch andere können sich gut kümmern. Bei der Körperpflege etwa kann man, wenn es schwierig ist, den Pflegedienst einschalten. Und es gibt Tagespflegeeinrichtungen für ein bis zwei Tage in der Woche. Sehr hilfreich ist auch der Austausch in den Angehörigengruppen, die es zum Beispiel bei den Alzheimer-Gesellschaften gibt oder auch bei Wohlfahrtsverbänden. Dort stößt man auf Menschen mit genau den gleichen Erfahrungen. Manchmal können sie einem Tipps geben. Auf jeden Fall aber verstehen sie, wovon man spricht.

Wenn die Eltern in einer anderen Stadt wohnen: Wie organisiert man über große räumliche Distanz eine Pflege?

Da geht man am besten erstmal vor Ort zu einer Beratungsstelle, die einem sagen kann, was dort an Unterstützungsangeboten und Möglichkeiten vorhanden ist. Und dann braucht man jemanden vor Ort, den man mit ins Boot holen kann. Das kann jemand aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis sein, es kann auch jemand aus der Nachbarschaft sein. Es sollte jemand sein, der nah dran ist und mitbekommt, wenn sich etwas verändert. Und der einen dann informiert. Die Verantwortung trägt man immer noch selbst.

Alte Bäume zu verpflanzen und den Angehörigen in die eigene Stadt zu holen – empfiehlt sich das?

Das hängt zum Beispiel davon ab, wie gut eingebunden die Eltern in ihrem Umfeld sind. Haben sie einen großen Freundeskreis? Dann wäre es ungünstig, sie dort rauszureißen. Es gibt aber auch Menschen, die relativ unverbunden dort leben, wo sie sind und eher dort verwurzelt sind, wo die Kinder leben. Eine gewisse Vertrautheit und die Möglichkeit, Kontakt zu haben, das ist wichtig. Man sollte es sich auf jeden Fall sehr genau überlegen, ob man die Eltern in die eigene Wohnung aufnehmen will. Denn eine Demenz schreitet fort, es bleibt nicht beim Jetztzustand und sie führt dann zu starken Belastungen. Da müssen die räumlichen Voraussetzungen sehr gut sein und auch die eigene Lebenssituation muss das erlauben.

Da Sie das vorhin angesprochen haben: Wie bringt man denn wieder Licht rein?

Man muss schauen, was es noch an schönen Dingen gibt. Meist gibt es noch vieles, das funktioniert, und daran sollte man immer wieder anknüpfen. Man sollte dem Menschen mit Demenz die Möglichkeit geben, positive Erfahrungen zu machen - auch mit den eigenen Kompetenzen. Oft sind Enkelkinder da hilfreich, die sich erzählen lassen, wie es bei Opa in der Schule war oder welche Streiche Oma früher gespielt hat. Oder man nimmt die handwerklichen Fähigkeiten in Anspruch, wenn im Haushalt mal etwas repariert werden muss. Das kann derjenige trotz Demenz vielleicht immer noch, weil er das eben schon immer gemacht hat. Auch Musik, Tanzen und gemeinsames Singen sind wunderbar. Für die meisten Menschen ist es wichtig, das Gefühl zu haben, immer noch etwas zu können. Und das Gefühl zu haben, dass sie nützlich sind.

Mit Susanna Saxl sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de