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Mehr Mut zu Dreck und Spinnen? Desinfektionsmittel zerstören auch natürliche Abwehr

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Im privaten Bereich braucht man keine Desinfektionsmittel.

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Antibiotika und Desinfektionsmittel dienen der Gesundheit. Das ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Sie zerstören gleichzeitig das natürliche mikrobiologische System im Haus oder auf dem Körper. Forscher starten deshalb einen merkwürdigen Aufruf.

Natürlich gewachsene Ökosysteme mit einer großen Artenvielfalt sind resistenter gegenüber Eindringlingen, Krankheitserregern und Störungen durch extreme Wetterbedingungen. Schwindet die Vielfalt, dann wird diese Resistenz nachweislich geschwächt. Die sogenannte Stabilitätstheorie, die diesen Umstand für Ökosysteme beschreibt, könnte auch auf kleinere Systeme wie den menschlichen Körper, Wohnungen und Häuser zutreffen, schreiben Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig in einem Aufsatz, der in der Fachzeitschrift "Nature Ecology & Evolution" veröffentlicht wurde.

"Wir beeinflussen diese Mikro-Biodiversität täglich, vor allem indem wir sie bekämpfen, beispielsweise durch Desinfektionsmittel oder Antibiotika, eigentlich mit dem Ziel, die Gesundheit zu fördern", erklärt der Ökologe Robert Dunn, Professor an der Universität North Carolina State und der Universität Kopenhagen, der während eines einjährigen Gastaufenthaltes am iDiv den Artikel mitverfasste. Solche Eingriffe in mikrobielle Artenzusammensetzungen könnten die natürliche Eindämmung von Krankheitserregern behindern, schreiben die Forscher und fordern eine umfassende Forschung in diesem Bereich.

Es gehe nicht darum, einen Chirurgen unsteril an einen Operationstisch zu schicken, argumentieren die Forscher weiter. Sondern vielmehr darum, herauszufinden, ob die notorische Nutzung von Desinfektionsmitteln und Antibiotika die Ausbreitung gefährlicher Keime sogar noch erhöht. Dafür gebe es bereits einige Hinweise: Für Stäbchenbakterien der Art Clostridium difficile, die Darmentzündungen mit Durchfall auslösen, konnte beispielsweise bereits nachgewiesen werden, dass diese sich nach der Einnahme von Antibiotika schneller ausbreiten.

Der Test am Bauchnabel

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Kulturen von Bakterien aus Bauchnabeln. Krankheitserreger können durch gezielte Beimpfung der Nabel mit ungefährlichen Bakterienstämmen eingedämmt werden.

(Foto: Robdunnlab)

Nach Meinung der Wissenschaftler ist es zudem möglich, schützende Bakteriengemeinschaften aktiv herzustellen, so dass Krankheiten damit vorgebeugt werden können. Ein Beispiel dafür stammt bereits aus den 1960er-Jahren. Damals beimpften Forscher Nasen und Bauchnabel von Babys mit harmlosen Bakterien Stämmen von Staphylococcus aureus. Dieses Bakterium, das bei gesunden Menschen meistens keine Krankheitssymptome auslöst, kann bei geschwächten Menschen nicht nur zu Hautinfektionen, sondern im schlimmsten Falle zu lebensbedrohlichen Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen führen. Staphylococcus aureus wird mittlerweile zu den multiresistenten Keimen gezählt. "Gezielte Beimpfungen von Oberflächen mit einer ausgesuchten Mikrobengemeinschaft könnte die Ausbreitung gefährlicher Erreger möglicherweise verhindern", so iDiv-Wissenschaftler Nico Eisenhauer.

Die Autoren geben zu bedenken, dass nur ein relativ geringer Anteil von Mikroorganismen im täglichen Umfeld tatsächlich Krankheiten auslösen. Das gilt auch für Insekten und andere Gliederfüßer, die in Wohnungen und Häusern in der Regel als Störenfriede betrachtet werden – allen voran Spinnen. Diese erbringen als Räuber wichtige Ökosystemleistungen, indem sie Stechmücken, Bettwanzen, Schaben oder Hausfliegen dezimieren, die wiederum Krankheiten übertragen können. "Wir müssen sie nur lassen", meint Robert Dunn, der zu diesem Thema auch ein Buch veröffentlicht hat.

Quelle: n-tv.de, jaz

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