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Klimawandel begünstigt Malaria Eine Seuche auf dem Vormarsch

Es wird heißer auf der Erde. Menschen in tropischen Regionen droht der Hitzestress. Und eine andere Gefahr breitet sich aus: die mitunter tödliche Malaria. Experten befürchten, die Seuche könnte sogar nach Europa zurückkehren.

Die Parasiten, die bisher vorwiegend in Asien und Afrika Menschen mit Malaria infizieren, mögen es warm. Die Rede ist von den Einzellern der Gattung Plasmodium. Besser bekannt ist die Krankheit, die sie auslösen: Malaria. Was für die Einzeller gut und den Menschen schlecht ist: Mit dem Klimawandel entstehen optimale Bedingungen für die Ausbreitung der Erreger. Zwei Grad mehr reichen ihnen, um die Reichweite weltweit massiv auszuweiten.

Laut UN-Weltgesundheitsbehörde (WHO) erkrankten 2017 weltweit 220 Millionen Menschen an Malaria. 435.000 starben, 250.000 davon sind Kinder. Dort, wo es wärmer wird und mehr regnet, profitiert der lebensgefährliche Malaria-Parasit. Alles, was er braucht, sind vorzugsweise weibliche Anophelesmücken. Auf ihnen "reitet" er und es gibt sie fast überall - auch in Europa. Ein einzelner Stich kann einen Menschen mit Malaria infizieren.

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Familie in Uganda. Problematische Lebensbedingungen wie mangelnde Hygiene und Armut begünstigen die Ausbreitung von Malaria.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

In einigen klimatisch gestressten Regionen Ostafrikas breitet sich die Malaria derzeit rasend aus. Auch eine klimabedingte Rückkehr der Malaria nach Europa ist wahrscheinlich. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Augsburg, die den Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und den gesundheitlichen Folgen untersucht. "Das Thema ist lange noch nicht präsent genug", warnt Elke Herwig Hertig von der Universität Augsburg. "Es wird die Gesundheit der europäischen Bevölkerung im 21. Jahrhundert massiv betreffen."

Hertig hat mithilfe statistischer Modelle errechnet, ob und wie sich Malaria in Europa ausbreiten kann. "Verschiedene Faktoren ergeben, dass wir gerade in Südeuropa in Zukunft einen Malaria-Schwerpunkt haben werden", sagt Hertig. "Dort ist die Malaria jetzt schon in Teilen endemisch. In Zukunft könnte sie viel stärker zurückkehren."

Ostafrika im Klima-Stress

Wie das aussehen könnte, lässt sich derzeit - sozusagen live - im ostafrikanischen Uganda beobachten. Dort ändert sich das Klima rasant. Neben steigenden Temperaturen erlebt das am Äquator liegende Land dieses Jahr die stärksten Regenfälle in 25 Jahren. Nicht nur das. Seit einigen Jahren verschieben sich die Regenzeiten. Aber 2019 gab es zwischen den beiden kleinen Regenzeiten im März und August keine Unterbrechung mehr. Es regnete einfach durch.

Abgesehen von den offensichtlich verheerenden landwirtschaftlichen Folgen vermehrte sich die wasserliebende Mückenpopulation rasant und mit ihr der in weiten Teilen des Landes endemische Malaria-Parasit. "Dieses Jahr ist die Zahl der Malaria-Fälle und -Toten in der Hälfte Ugandas um 40 Prozent angestiegen", sagt Jimmy Opigo, Malariakoordinator des Gesundheitsministeriums in Kampala. "Unsere Untersuchungen zeigen einen direkten Zusammenhang mit den Wetterkapriolen, die wir derzeit erleben", so Opigo.

Die Lage ist dramatisch. Zur Hochzeit starben jede Woche 72 Ugander an Malaria – einer Krankheit, die nach früher Erkennung problemlos behandelt werden kann. "Es ist eine Katastrophe", sagt Opigo. "Unsere Gesundheitszentren behandeln jeden Tag so viele Patienten. Die Bevölkerung leidet." Wenn in einem Land jede Woche 72 Menschen bei einem Busunfall stürben, sagt er, wäre das irgendwann eine Schlagzeile wert. "Doch über 72 Malaria-Tote jede Woche berichtet niemand." Dabei sind sie ein eindeutiges Warnsignal.

Lange Schlangen kranker Patienten

Das ugandische Gesundheitssystem, das in den vergangenen Jahren wesentliche Fortschritte bei der Bekämpfung der Malaria gemacht hatte, ist überlastet. Vor den rar gestreuten Krankenstationen in ländlichen Regionen stehen lange Schlangen schwer kranker Patienten. "Vielerorts gibt es keine Medizin mehr", sagt Jimmy Opigo und fügt fast entschuldigend hinzu: "In manchen Gebieten mussten wir doppelte Rationen ausliefern. Wir mussten ausländische Geber um Hilfe bitten."

Die WHO hat 2030 als Zieldatum für die Ausrottung der Malaria ansetzt. Auch Uganda hatte zumindest Hoffnungen, die Lage wesentlich zu verbessern. "Die jetzige Epidemie ist ein massiver Rückschlag für uns. Wir arbeiten an neuen Strategien", sagt der Malaria-Koordinator.

Die Epidemiologie der Malaria habe sich in den vergangenen zwei Jahren massiv verändert, erklärt Opigo. Zuvor gab es Gebiete in höheren, kälteren Lagen, wo der Parasit keine Überlebenschance hatte. Doch neben Wetterkapriolen verändert die Rodungen von Wäldern und das starke Bevölkerungswachstum die Lage. Starke Regenfälle führen nun zu massiven Überschwemmungen. Kombiniert mit steigenden Temperaturen bietet dies dem Parasiten und seinen unfreiwilligen Mücken-Helfern einen perfekten Nährboden.

Die Methoden für eine effektive Bekämpfung der vorwiegend durch Armut und schlechte hygienische Bedingungen geförderten Krankheit sind gut erprobt: Moskitonetze, Insektenspray, Entfernung von Büschen rund um Häuser, Vermeidung von Wasserstauung.

Neuer Impfstoff vor Zulassung?

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Der neue Impfstoff - keine Lösung, aber eine wichtige Waffe im Kampf gegen Malaria.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Jetzt gibt es möglicherweise ein weiteres Mittel: Ein neuer, vielversprechender Impfstoff wird derzeit an 360.000 Kindern unter zwei Jahren in Kenia, Malawi und Ghana getestet. Es ist die letzte Phase vor einer möglichen Zulassung. "Es ist realistisch, dass dieser Impfstoff 40 Prozent der Malariafälle verhindern wird", sagt Rudi Eggers, Leiter des WHO-Programms in Kenia, wo Malaria die Todesursache Nummer eins ist. "Und wir erwarten, 30 Prozent der schlimmen todesnahen Fälle mit der Impfung verhindern zu können. Das heißt aber, viele Kinder werden weiterhin Malaria bekommen, auch wenn sie geimpft sind."

Der Impfstoff ist also keine Lösung, sondern ein weiteres wertvolles Werkzeug im zunehmend schwierigen Kampf gegen die Malaria. Das ist eine gute Nachricht. Hier die nicht so gute: Der Parasit ist anscheinend robuster als bisher angenommen. Eine gemeinsame Studie der Universitäten Penn State und Exeter zeigen: Plasmodium kann sich offenbar bei niedrigen Temperaturen viel schneller entwickeln als gedacht.

Die Forscher rund um Matt Thomas warnen daher, hochliegende malaria-freie afrikanische Metropolen wie die kenianische Hauptstadt Nairobi liefen bei kleinstem Temperaturanstieg Gefahr, eine Malariaepidemie zu erleben. Knapp fünf Millionen Menschen leben in Nairobi. "Malaria in Nairobi wäre ein Problem. Ja", sagt Rudi Eggers. "Aber es kann sein, dass dafür dann Malaria in anderen Regionen seltener auftritt. Also, man weiß nicht, wie sich das global ausspielen wird."

Kehrt die Malaria nach Europa zurück?

In Augsburg ist man mit Vorhersagen nicht so vorsichtig wie die WHO. Elke Herwig Hertig traut ihrer statistischen Modellierung und spricht von einer "hohen Wahrscheinlichkeit", dass die Malaria nach Europa zurückkehrt. Sie verlangt Notfallpläne und ein Überdenken der Wiedervernässung alter Moore besonders im Süden Deutschlands. Sie seien klassische Mücken-Brutstätten.

Sogar den eingeschränkten Gebrauch von Pestiziden stellt die Forscherin mit der ersten deutschen Professur für regionale Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit infrage. "Die Malaria stellt ein erhebliches klimabedingtes Risiko dar und darauf sollten wir in Europa vorbereitet sein," so Hertig.

Die Recherche für diesen Beitrag wurde vom European Journalism Centre finanziell unterstützt.

Quelle: n-tv.de