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Nur ein Messfehler? Experten zweifeln an Supermutation Deltakron

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Eine Rekombination ist nicht ausgeschlossen, aber nicht wahrscheinlich.

(Foto: dpa)

Eine Kombination aus den Corona-Varianten Delta und Omikron soll in Zypern entdeckt worden sein. Aber gibt es Deltakron wirklich? Zahlreiche Experten haben da erhebliche Zweifel.

Eine neue Mutation, angeblich eine Mischung aus der Delta- und der Omikron-Variante, taucht am Wochenende auf. Einem örtlichen Fernsehbericht zufolge will Leondios Kostrikis von der Universität Zypern 25 Infektionen entdeckt haben, die auf diese Variante zurückgehen. Schnell hat sie einen Namen: Deltakron.

Doch was ist dran an dieser vermeintlichen Supermutation? Experten gehen inzwischen davon aus, dass es Deltakron vermutlich nicht gibt. Richard Neher von der Universität Basel (Schweiz), führender Experte für Virusvarianten, äußert den Verdacht, dass der vermeintliche Nachweis vermutlich auf Verunreinigungen während der Analyse zurückzuführen sei. "Diese Genome sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Artefakte", sagte Neher.

Die Omikron-Mutationen, die hier in einem Zusammenhang mit Delta-Genomsequenzen beobachtet würden, beträfen alle einen DNA-Abschnitt, der bei Delta-Nachweisen oft sehr schwach ausfalle und daher sehr anfällig für Kontamination sei. Ähnlich äußerten sich weitere Experten auf Twitter, etwa die WHO-Expertin Maria van Kerkhove: Das Ergebnis gehe wahrscheinlich auf Verunreinigungen beim Sequenzieren zurück.

Rekombinationen erst nach Wochen

"Es ist zwar durchaus möglich, dass es Rekombinanten gibt, aber bislang wurden keine größeren Ausbrüche mit solchen Varianten beobachtet", betonte Neher. "Diese Genome aus Zypern sind vermutlich keine Rekombinanten." Auch ein Mitglied des griechischen Krisenstabes für die Corona-Pandemie, Gikas Magiorkinis, erklärte, dass Kostrikis' Schlüsse falsch seien. "Erste Analysen zeigen, dass es sich um einen technischen Fehler des Labors handelt", twitterte der Epidemiologe.

Unmittelbar nach der Meldung am Wochenende hatte bereits der Virologe Tom Peacock, der am britischen Imperial College in London forscht, erhebliche Zweifel angemeldet. "Rekombinationen zwischen zwei Varianten treten meist erst nach einigen Wochen und Monaten der Koexistenz auf. Omikron ist erst seit wenigen Wochen dominant. Ich habe erhebliche Zweifel, dass es schon zu einer Kombination gekommen ist", twitterte Peacock. "Es sieht mit ziemlicher Sicherheit nach kontaminierten Proben aus, soweit ich das beurteilen kann." Die Befunde wiesen klassische Hinweise auf eine Kontamination auf, denn die Omikron- und Delta-Bestandteile der Probe seien klar getrennt und nicht wirklich miteinander vermischt.

Für die Verschmutzungstheorie spricht auch, dass es lediglich die Fälle auf Zypern gibt. An anderen Orten, an denen die Delta- und die Omikron-Mutationen gleichzeitig auftreten, gab es bisher keine Hinweise auf diese Kombination beider Coronavirus-Varianten. Bisher hat auch noch keine internationale Gesundheitsbehörde die Deltakron-Variante anerkannt oder ausgewiesen.

Aufgabe für Wissenschaftler

Dass sich unterschiedliche bereits bestehende Varianten kreuzen könnten, ist allerdings aus virologischer Sicht nicht ausgeschlossen. "Es kann schon vorkommen, dass sich jemand mit Delta und Omikron infiziert und sich die Erbsubstanz rekombiniert", erklärte der Virologe Jörg Timm vom Universitätsklinikum Düsseldorf bereits vor einigen Wochen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

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Doch selbst wenn es zur Kombination von Eigenschaften verschiedener Mutationen kommen würde, ist das nicht unbedingt Anlass zur Besorgnis. Der Medizinjournalist Christoph Specht äußerte bei ntv die Vermutung, Deltakron würde aller Voraussicht nach nicht die jeweils schlimmen Eigenschaften beider Virusvarianten vereinen. Wer denke, jetzt sei eine Variante entstanden, die die Verbreitungseigenschaft von Omikron und die krankmachende Wirkung von Delta habe, irre mit hoher Wahrscheinlichkeit. Specht vermutet, dass die untersuchten Personen gleichzeitig mit Delta und Omikron infiziert waren. Außerdem würden ständig neue Mutationen auftauchen, von denen sich nur die wenigsten durchsetzen.

Kostrikis selbst wollte allerdings eine Fehleinschätzung bislang nicht einräumen, er beharrte am heutigen Montag auf seinen Ergebnissen. Seine "Ergebnisse widerlegen die undokumentierten Aussagen, dass Deltakron das Ergebnis eines technischen Fehlers ist", sagte er. Ob das so ist, davon können sich weltweit Virologinnen und Virologen jetzt ein Bild machen. Kostrikis' Daten liegen nun in der internationalen Datenbank von Gisaid, die Veränderungen des Virus verfolgt und dokumentiert. Weitere Untersuchungen werden dann zeigen, ob die fraglichen Proben wirklich eine neue Variante enthalten.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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