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Sie schaut vorbei "Mona-Lisa-Effekt" braucht neuen Namen

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Mit diesen verschiedenen Bildausschnitten haben die Forscher ihre Probanden befragt.

Egal, wo man sich befindet, die Augen eines Porträtierten scheinen einen zu verfolgen. Das, was als "Mona-Lisa-Effekt" bezeichnet wird, gibt es wirklich. Für das weltberühmte Porträt da Vincis allerdings gilt wohl etwas anderes.

Kein anderes Gemälde ist so intensiv untersucht wie das von Leonardo da Vinci, das als Mona Lisa bekannt ist. Und immer noch finden Forscher unbekannte Details oder lüften Geheimnisse, die die besondere Wirkung des relativ kleinen Bildes ausmachen. Bei dem oftmals als magisch bezeichneten Blick der Frau, die vermutlich die Florentinerin Lisa del Giocondo war, spricht die Wissenschaft seit geraumer Zeit vom "Mona-Lisa-Effekt". Dieser tritt ein, wenn der Betrachter eines Porträts das Gefühl hat, die Augen des Abgebildeten folgten ihm.

Forscher der Universität Bielefeld haben es sich zur Aufgabe gemacht, zu überprüfen, ob dieser Effekt auch auf das betreffende Gemälde von Leonardo da Vinci zutrifft. Professor Gernot Horstmann und Sebastian Loth des Exzellenzclusters Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC) haben festgestellt, dass der Blickwinkel der Mona Lisa, der dem gleichnamigen Effekt zugrundeliegt, nicht mit dem nötigen Blickwinkel übereinstimmt. Die Forscher sind sich deshalb sicher, eine wissenschaftliche Legende entlarvt zu haben.

"Auch bei Fotos und Gemälden können Menschen das Gefühl haben, angesehen zu werden und zwar dann, wenn die dargestellte Person geradeaus aus dem Bild schaut, das ist ein Blickwinkel von null Grad", erklärt Horstmann in einer Mitteilung der Universität. "Wenn die Blickrichtung um mehr als 5 Grad abweicht, fühlt man sich nicht mehr angeschaut", so der Spezialist für Blickbewegungen weiter. Genau das haben die Forscher nun beim Bild der Mona Lisa festgestellt. "Der Blickwinkel liegt bei 15,4 Grad", erklärt Horstmann. "Damit steht fest: Der Begriff Mona-Lisa-Effekt ist ein Misnomer, also eine Falschbezeichnung. Der Begriff veranschaulicht das starke menschliche Bedürfnis, im Zentrum der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen, also jemandem wichtig zu sein, auch wenn man diese Person überhaupt nicht kennt."

Betrachter bestätigen These

Um zu überprüfen, wie sich dieser nachweisbar abweichende Blick auf Betrachter auswirkt, haben die Forscher insgesamt 24 Personen ins Labor gebeten. Diese saßen frontal vor einem Bildschirm und sollten beurteilen, wohin der Blick der Mona Lisa sich richtet. Mithilfe eines Zollstocks, der quer über dem Bildschirm lag und als Skala unterhalb der Augen eingesetzt wurde, hatten die Probanden die Möglichkeit, ihre Beurteilung an einem Maß zu überprüfen.

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Ein Zollstock sollte bei der Einschätzung der Blickrichtung helfen.

(Foto: CITEC / Universität Bielefeld)

Um weiterhin zu testen, ob einzelne Merkmale von Monas Lisas Gesicht die Wahrnehmung der Blickrichtung beeinflussen, präsentierten die Forscher 15 verschiedene Ausschnitte des Porträts - von der Darstellung des gesamten Kopfes bis zu Ausschnitten, die nur Augen und Nase zeigten. Jeder Ausschnitt wurde den Testpersonen in zufälliger Reihenfolge drei Mal gezeigt. Außerdem veränderten die Forscher nach der Hälfte jedes Bilddurchlaufs den Abstand des Zollstocks vom Monitor. So entstanden mehr als 2000 Einschätzungen. Bei deren Mehrzahl verorteten die Studienteilnehmer den Blick der Mona Lisa nicht nach vorn, sondern nach rechts aus der Sicht des Betrachtenden. Damit wäre die Voraussetzung des Mona-Lisa-Effektes beim Porträt der Mona Lisa selbst nicht gegeben.

Die Ergebnisse, die die Forscher im Sage Journal veröffentlichten, haben nicht nur eine weitere Legende um das berühmte Bild entlarvt. Sie sind auch wichtig, um bei der Gestaltung von virtuellen Figuren beispielsweise für Assistenzsysteme den Blick von Avataren gezielt zu programmieren. "Wenn ich zum Beispiel in einer virtuellen Umgebung mit einem Avatar kommuniziere, hilft mir der Blick als Teil der Körpersprache ihn besser zu verstehen", erklärt Loth. "So kann mir der virtuelle Agent vermitteln, dass er aufmerksam ist, oder er kann mit seinem Blick auf Objekte im Raum hinweisen."

Quelle: n-tv.de, jaz

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