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Wirkung gegen mehrere Untertypen Neuer Grippeviren-Schutz wird geschluckt

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Influenza-A-Viruspartikel: Bis der neue Forschungsansatz gegen Grippeviren zu einem Medikament führt, werde es noch lange dauern, sagt der Virologe Stephan Ludwig von der Uni Münster.

(Foto: picture alliance / imageBROKER)

Bisher kann man sich gegen Grippeviren impfen lassen oder auf Medikamente zurückgreifen, die die Symptome lindern. Nun präsentieren Forscher kleine Substanzen, die wie Antikörper wirken, aber geschluckt werden können.

Mediziner haben einen neuen Ansatz gegen Grippeviren entwickelt. Die Substanz könne geschluckt werden und wirke gegen mehrere Virus-Subtypen, berichtet ein internationales Team im Fachjournal "Science". Erste Versuche mit Mäusen und menschlichen Zellen seien erfolgreich gewesen.

"Das ist eine technisch tolle, sehr gut gemachte Arbeit", kommentierte der Virologe Stephan Ludwig von der Universität Münster. Der Ansatz ziele aber zunächst auf die Entwicklung der Methode. Bis die zu einem Medikament führe, werde es noch lange dauern.

Mehr als 20.000 Grippetote in Saison 2017/18

In Deutschland gingen in der Saison 2017/18 nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts neun Millionen Menschen wegen einer Influenza-Erkrankung zum Arzt. Vermutlich starben damals mehr als 20.000 Infizierte an Grippe.

Als Vorbild für den neuen Wirkstoff nahmen die Forscher sogenannte breit neutralisierende Antikörper (bNAb), die sich an ein Kernelement von Grippeviren lagern: das Hämagglutinin. Es spielt eine wichtige Rolle beim Andocken und damit auch beim Eindringen der Grippeviren in Körperzellen. Der Kernbereich von Hämagglutinin bleibt in vielen Grippeviren unverändert erhalten. Es ist daher ein vielversprechendes Ziel für neue Impfungen und Medikamente.

Antikörper müssen jedoch gespritzt werden und sind teuer. Daher analysierten die Forscher 500.000 Substanzen, die genau an derselben Stelle wie die breit neutralisierenden Antikörper andocken. Sie fanden die Substanz JNJ4796, die wie ihr Antikörper-Vorbild bestimmte Grippeviren vom Typ A blockierte.

Forscher nennen Studie "Machbarkeitsnachweis"

Mäuse, die eine tödliche Dosis Grippeviren bekamen, überlebten dank der Substanz JNJ4796 die Attacke. Sie wurde ihnen einen Tag vor und einige Tage nach der Infektion gegeben. Zudem schaltete die Substanz die Grippeviren auch in Laborkulturen von menschlichen Bronchialzellen aus. Die Wissenschaftler um Ian Wilson vom Scripps Research Institute in La Jolla arbeiteten für die Studie eng mit dem niederländischen Pharma-Unternehmen Janssen zusammen, das zum US-Konzern Johnson & Johnson gehört. Sie bezeichnen ihre Studie als Machbarkeitsnachweis.

Der Ansatz des Teams, kleine Moleküle zu entwickeln, die die Wirkweise der größeren Antikörper simulieren, sei vielversprechend und breiter verwendbar, sagt Ludwig, der Grippe-Experte der Gesellschaft für Virologie ist. Es sei für ein Grippe-Medikament jedoch nötig, alle zirkulierenden Grippeviren und nicht nur wie hier rund ein Drittel davon zu bekämpfen. Das könne entweder mit einer neuen Substanz oder mit zusätzlichen Substanzen geschehen. Zudem müssten die Nebenwirkungen besser erforscht werden.

Problem Resistenzen

Obwohl die genutzte Stelle des Virenproteins Hämagglutinin hochkonserviert sei, könne sie sich aber durchaus verändern, was zu Resistenzen führe, betont Ludwig. Es habe auch bei anderen Grippe-Wirkstoffen wie dem Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir (Tamiflu) Resistenzen gegeben. Es sei zwar gut, Neuraminidase-Hemmer zu haben, aber sie seien nicht besonders wirksam, insbesondere bei älteren Menschen, die weitere Leiden hätten. Bereits auf dem Markt in Japan und den USA sei ein weiterer Wirkstoff namens Baloxavir, der in die Vermehrung des Virenerbguts angreife. Auch hier gebe es schon Resistenzen.

Ludwig sieht nur einen Ansatz, der das Resistenzproblem vermeidet: "Man muss die Tatsache ausnutzen, dass alle Viren Körperzellen brauchen, um sich zu vermehren", erläutert der Virologe. Künftige Wirkstoffe sollten die zur Virenvermehrung nötigen Enzyme des Menschen in den Körperzellen blockieren. Sie dürften zugleich aber keine schweren Nebenwirkungen haben. Es gebe dazu erste Ansätze, die sich am Beginn der klinischen Erprobung befänden. Bislang aber sei es in jedem Fall wichtig, sich gegen Grippe impfen zu lassen.

Quelle: n-tv.de, Simone Humml, dpa

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