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Schmutz in Seen und Flüssen Plastikwirtschaft muss komplett umdenken

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Nicht nur in Ghana sind die Strände voller Plastik.

(Foto: picture alliance/dpa)

Immer mehr Plastik wird produziert - und landet als Müll in der Umwelt. Forscher skizzieren, wie sich die Verschmutzung von Flüssen, Seen und Meeren begrenzen ließe. Doch das erfordert ein fundamentales Umdenken.

Bis zum Jahr 2030 wird die weltweite Menge des jährlichen Plastikmülls in Gewässern einer Studie zufolge auf bis zu 53 Millionen Tonnen zunehmen. Selbst, wenn ambitionierte Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Das übersteige die Eintragsmasse im Jahr 2016 um mehr als das Doppelte, schreibt ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Science". Damals seien es grob 20 Millionen Tonnen gewesen. Um die Situation wirklich zu bessern, sei eine grundlegende Veränderung der weltweiten Plastikwirtschaft nötig, betonen die Forscher um Stephanie Borrelle von der Universität Toronto und entwerfen ein konkretes Szenario.

"Von den Polen bis zu den Becken der Tiefsee häufen Salzwasser- und Süßwasser-Ökosysteme den Plastikmüll der Welt an", schreibt das Team, dem Forscher aus sieben Staaten angehören. Zwar gebe es beeindruckende private und staatliche Initiativen, um die Müllflut einzudämmen, dies reiche aber bei weitem nicht aus.

"So lange die Zunahme von Plastikproduktion und -gebrauch nicht gestoppt wird, ist eine grundlegende Transformation der Plastikökonomie zu einem auf Recycling basierenden Rahmen essenziell", wird Studienleiterin Chelsea Rochman aus Toronto in einer Mitteilung der Universität zitiert.

Für ihre Zukunftsprognosen modellierte das Team den weltweiten Plastikeintrag in Gewässer bis zum Jahr 2030 für drei Szenarien:

- weitere Entwicklung wie bisher,
- ein ambitioniertes Vorgehen aufgrund der getroffenen weltweiten Zusagen,
- eine Strategie mit dem Ziel, den Eintrag in Gewässer auf acht Millionen Tonnen pro Jahr zu begrenzen - jener Menge, die 2010 in die Ozeane gelangte.

Die jeweiligen Szenarien berechnen die Forscher auf Basis von prognostizierter Bevölkerungsentwicklung, Müllentwicklung samt Plastikanteil, Plastikproduktion und Plastikrecycling für 173 Länder, die 97 Prozent der Weltbevölkerung stellen.

"Weiter so" geht nicht

Im Jahr 2016 gelangten schätzungsweise 19 bis 23 Millionen Tonnen Plastik in Gewässer. Beim Weiter-so-Szenario werde die Menge bis 2030 auf etwa 90 Millionen Tonnen jährlich steigen, prognostizieren die Autoren. Selbst bei ambitionierten Maßnahmen seien es noch 20 bis 53 Millionen Tonnen.

Bei diesem ambitionierten Vorgehen sinkt die Plastikmüll-Menge in Ländern mit hohem Einkommen um 10 Prozent und in Ländern mit mittlerem Einkommen um 5 Prozent, während sie in Ländern mit geringem Einkommen unverändert bleibt. In reichen Ländern werden in dem Szenario mindestens 90 Prozent des Plastikabfalls entsorgt, in mittelreichen 50 bis 70 Prozent und in armen Ländern 30 Prozent. Bis zu 10 Prozent des Mülls werden demnach - unabhängig vom Wohlstand - durch Aufräumaktionen aus Gewässern entfernt.

Das dritte Szenario wurde so entworfen, dass weniger als 8 Millionen Tonnen Plastik in Gewässer gelangen. Dazu müsste die Produktion von Plastikmüll in einem Land - je nach Wohlstand - um 25 bis 40 Prozent sinken - verglichen mit dem Weiter-so-Szenario. Die Menge des fachgerecht entsorgten Mülls müsste in Ländern mit hohem und den wohlhabenderen Ländern mittleren Einkommens auf 99 Prozent steigen, in den anderen Regionen auf 60 bis 80 Prozent.

Zudem müssten 40 Prozent des jährlich noch anfallenden Mülls aus Gewässern entfernt werden. "Allein dieses Aufräumen würde mindestens eine Milliarde Menschen erfordern", sagt Borrelle. Das entspräche dem 660-Fachen der Teilnehmerzahl im Jahr 2019.

Plastikkreislauf außer Kontrolle

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"Der Aufwand, um das Ziel von acht Millionen Tonnen zu erreichen, übersteigt die existierenden und hochambitionierten Zusagen von Regierungen, Industrie, Nicht-Regierungs-Organisationen und Kommunen bei weitem", betonen die Forscher. Zugleich kritisieren sie die Verschiffung von Plastikmüll aus reichen Regionen in Länder mit geringerem Einkommen und fordern ein Programm zum weltweiten Beobachten des Plastikkreislaufs.

Die Berechnungen zeigten, dass der Umgang mit Plastikmüll vollständig reformiert werden müsse, betonen sie. Dafür nennen sie vor allem die Vermeidung von unnötigem Plastik, eine Obergrenze für die globale Plastikproduktion und weltweite Standards für den Umgang mit Plastik sowie neue Technologien etwa zum Recycling. "Ohne diese Transformation riskieren wir, weiter große Mengen von menschlichem Kapital und finanziellen Ressourcen zu investieren, mit wenig bis keiner Hoffnung, die Plastikverschmutzung der Flüsse, Seen und Ozeane weltweit zu verringern."

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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