Wissen

Einnahme in Schwangerschaft Schädigt Paracetamol das ungeborene Kind?

256818278.jpg

Schwangere sollten Paracetamol nur niedrig dosiert und so kurz wie möglich einnehmen.

(Foto: picture alliance / empics)

Bisher galt es als unbedenklich, Paracetamol während der Schwangerschaft einzunehmen. Doch jetzt wenden sich 90 Experten gegen diese Einschätzung. Panik ist trotzdem unangebracht.

Kopfschmerzen, Rückenbeschwerden oder Fieber: Während der Schwangerschaft kann die Linderung von Beschwerden mühsam sein. Viele Medikamente sind riskant für das ungeborene Kind. Während Aspirin in der späten Schwangerschaft nicht eingenommen werden sollte, gilt Paracetamol gegen Schmerzen und Fieber als unbedenklich. Doch daran zweifelt eine Gruppe um David Kristensen von der Universität Kopenhagen im Fachjournal "Nature Reviews Endocrinology". Studien aus den letzten 25 Jahren zeigen demnach einen Zusammenhang zwischen der Paracetamol-Einnahme in der Schwangerschaft und etwa dem Risiko für ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Auch Fehlbildungen könnten auftreten. Der deutsche Experte Wolfgang Paulus nimmt die Warnung ernst - sieht aber keinen Grund zur Panik.

Acht von zehn Frauen nehmen während der Schwangerschaft mindestens ein Medikament ein. Doch welche Wirkstoffe sind unbedenklich? Forscher sind sich einig: Aspirin und Ibuprofen können das Herz-Kreislaufsystem des Kindes stark belasten. Ärzte empfehlen deshalb Paracetamol. Das Medikament hilft gegen moderate Schmerzen und wird als unbedenklich eingeschätzt.

Rund 91 Gesundheitsexperten und Mediziner um Kristensen äußern nun Bedenken. Sie werteten klinische Studien und Tierversuche aus, die in den letzten 25 Jahren den Zusammenhang zwischen einer Exposition mit Paracetamol in der Schwangerschaft und kindlichen Erkrankungen beschreiben.

Noch keine abschließende Beurteilung

In den USA greifen demnach 65 Prozent aller Schwangeren zu Paracetamol - manche davon, um Fieber zu senken. Häufigere Gründe sind Muskel- und Kopfschmerzen, Rückenbeschwerden oder Infektionen. Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol einnahmen, zeigten den Forschern zufolge häufiger eine Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems. Die Häufigkeit von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen war erhöht, die Sprachentwicklung verzögert und der Intelligenzquotient niedriger.

Bei 130.000 Mutter-Kind-Paaren wurden die Organe der Urinausscheidung und Fortpflanzung untersucht. Nach Paracetamol-Exposition hatten männliche Neugeborene demnach öfter einen Hodenhochstand und kamen früher in die Pubertät.

Die Autoren betonen, dass die aktuelle Datenlage keine abschließende Beurteilung zulasse. Dafür brauche es zukünftig gut vergleichbare Studien. Das findet auch der deutsche Experte Wolfgang Paulus, Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie an der Universitätsfrauenklinik Ulm. Er berät Patientinnen und Ärzte zur Anwendung von Medikamenten in Schwangerschaft und Stillzeit.

"Panikmache muss vermieden werden"

"Es ist sicher gerechtfertigt, vor einem allzu unbedachten Umgang mit Paracetamol in der Schwangerschaft zu warnen", sagt er. Bis klare Ergebnisse vorliegen, rät der Mediziner zu Vorsicht - will werdende Mütter aber beruhigen. "Panikmache muss vermieden werden", sagt er. "Schwangere reagieren auf solche Meldungen sehr sensibel. Die beobachteten Veränderungen in der Verhaltens- und Geschlechtsentwicklung sind in der Größenordnung absolut nicht vergleichbar mit Schädigungen beispielsweise durch Contergan."

Das Schlafmittel wurde in den 1950er-Jahren gegen Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt. Neugeborene kamen mit schweren Fehlbildungen, wie verkürzten Armen und Beinen, zur Welt. Das Medikament wurde vom Markt genommen.

Ein Verbot für Paracetamol während der Schwangerschaft braucht es laut den Autoren der Studie zurzeit nicht - aber eine klare Warnung. Schwangere sollten Paracetamol nur in niedrigen Dosierungen und so kurz wie möglich einnehmen. Die Einnahme sollte mit dem betreuenden Frauenarzt besprochen werden, Schwangere sollten über die Risiken gut informiert sein. Die Autoren schlagen außerdem einen gut sichtbaren Warnhinweis auf der Verpackung vor.

Quelle: ntv.de, Wibke Schumacher, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen