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Suttorp zu Covid-Medikament "Statt zehn landen nur drei Patienten im Krankenhaus"

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Ein Corona-Patient erhält eine Infusion mit Dexamethason. Laut Professor Suttorp mussten deutlich weniger Covid-Patienten ins Krankenhaus, wenn sie das Mittel frühzeitig erhalten hatten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die deutschen Intensivstationen ächzen unter der Belastung durch immer neue schwere Covid-19-Fälle. Doch immerhin gibt es mittlerweile ein sehr hilfreiches Medikament, dessen Wirkungsweise der Berliner Charité-Professor Norbert Suttorp im Interview erläutert.

ntv: Können Sie uns schildern, wie die Situation bei Ihnen in der Berliner Charité ist?

Norbert Suttorp: Es sind so 90 bis 100 Patienten auf der Intensivstation. Es sind auch so ähnliche Zahlen auf normalen Stationen.

Wenn Sie das vergleichen mit der ersten und der zweiten Welle, sind das jetzt vorwiegend jüngere Patienten?

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Professor Norbert Suttorp ist Infektiologe und Pneumologe an der Berliner Charité.

(Foto: Charité Berlin)

Definitiv. Die über 80-jährigen Patienten kommen nicht mehr. Die meisten Patienten sind zwischen 30 und 65.

Was macht das mit Ihnen und Ihrem Personal, wenn jetzt auch Menschen aus der Mitte des Lebens so schwer an Corona erkranken?

Das ist nicht neu für uns. Wir hatten auch in der ersten und zweiten Welle jüngere Patienten auf Intensivstationen. Es gibt ein Berliner "Safe Concept", in dem Krankenhäuser sich absprechen, wer welche Patienten nimmt, und die Charité bekommt in der Regel immer die kränksten Patienten. Auch Patienten, die gar nicht mehr beatmet werden können, sodass sie an extra Geräte müssen, um sie anderweitig mit Sauerstoff zu versorgen.

Aber die Belastung ist ja nach wie vor hoch. Haben Sie auch über die Aktion #allesdichtmachen diskutiert, wie ist die angekommen?

Darauf gibt es ja eine Antwort von einer Kollegin vom Uniklinikum Essen. Statt alles dichtzumachen, könnte man mal eine Schicht machen. Fand ich eine gute Antwort. Ich finde die Belastung auf Intensivstationen wirklich enorm. Es sind ja auch noch Patienten aus der zweiten Welle da und es kommt schon die nächste wieder angerollt. Es gibt überhaupt keine Pause. Früher, wenn da einer oder zwei auf der Intensiv an diese ECMO-Geräte angeschlossen waren, war man ganz aufgeregt, im Sinne von "hoffentlich kriegen wir das hin". Und jetzt läuft das Sechs- bis Siebenfache. Von 18 Patienten sind 13 an einer ECMO. Das zeigt, wie ausgereizt das System ist.

Ein Lichtblick ist ja ein Antikörper-Medikament, das Sie ambulant verabreichen. Für wen ist das geeignet und wie machen Sie das?

Diese monoklonalen Antikörper haben eine längere Vorgeschichte. Man hat sie zunächst im Krankenhaus und auf der Intensivstation erprobt und da waren sie gar nicht wirksam. Es stellte sich heraus, dass man mit dem Medikament sehr früh anfangen muss. Der Patient darf nicht mehr als fünf Tage krank gewesen sein, der positive PCR-Test darf nicht älter als drei Tage sein und der Patient muss einen Risikofaktor haben. Meinetwegen Adipositas oder laufende Tumortherapie. Und da haben wir die Berliner Ärzte gebeten, diese Patienten zu identifizieren und uns zu schicken. Diese bekommen dann die monoklonalen Antikörper über eine Stunde infundiert und werden eine Stunde nachbeobachtet. Und die Wirksamkeit, das ist auch studienbekannt, ist enorm. Wenn in der Placebo-Gruppe zehn Patienten in Krankenhaus mussten, brauchen jetzt nur noch drei ins Krankenhaus zu kommen. Das heißt, man muss früh einsteigen, bevor die Patienten selber Antikörper gebildet haben. Dann hat man eine Wirksamkeit.

Und wie machen Sie das rein praktisch? Die Menschen mit positivem PCR-Test müssen ja in Quarantäne. Holen Sie diese mit einem Krankenwagen ab oder wie machen Sie das?

Zum einen dürfen sie zur Charité kommen, das ist mit den öffentlichen Gesundheitsteams abgesprochen, weil es ja um eine Therapie geht. Es ist ja keine Studie, sondern ein Therapieangebot. Und wir bitten sie, sich privat fahren zu lassen und möglichst Taxi und U-Bahn zu meiden.

Wie viele Menschen könnte das betreffen? Und bleiben diese dann von Krankenhausaufenthalten grundsätzlich verschont?

Wir haben jetzt zehn Infusionsplätze und fahren eine Schicht. Aber wir können ein Zwei- und Dreischichtsystem machen und die Anzahl der Plätze verdoppeln. Das läuft jetzt gerade an. Es reicht auch nicht, dass die Ärzte es wissen, sondern die Patienten müssen es auch wissen. Auch darum ist dieses Interview ja wichtig, dass die Patienten davon erfahren.

Wie sehr kann das die Therapie von Covid-19-Patienten verändern? Ist das ein Gamechanger?

Ich würde da mal eine Nummer kleiner anfangen. Es ist ein weiterer Beitrag. Jede Infusion, die läuft, kann bedeuten, dass dieser Patient nicht ins Krankenhaus muss und damit die Höhe der Welle etwas geglättet wird. Dass deswegen die Krankheit ausfällt und Covid beseitigt und kein Problem mehr ist - das ist alles Unsinn. Es ist ein kleiner, aber äußerst sinnvoller Beitrag.

Bei den Impfstoffen war man relativ schnell, bei den Medikamenten scheint es schwieriger zu sein. Ist das ein richtiger Eindruck?

Ja, der Eindruck ist richtig. Es ist gut, dass das mit dem Impfen klappt. Bei HIV oder Malaria oder Tuberkulose hat es bisher nicht so gut geklappt. Was Medikamente angeht: Zum einen gibt es das Dexamethason, das die Sterblichkeit im Krankenhaus, wenn ich beatmet werde, um ein Drittel reduziert. Das ist doch schon mal ein Wort. Die Zahl der Toten ist deutlich geringer ausgefallen in der zweiten Welle, weil das mit dem Dexamethason schon bekannt war. Aber es wird nicht das goldene Medikament geben, man muss zwei, drei, vier weitere Medikamente identifizieren, die helfen. Es laufen gerade unglaublich viele Studien, auch an der Charité, um genau diese Medikamente zu identifizieren.

Große Sorgen bereiten Wissenschaftlern die Mutationen. Haben Sie diese schon gesehen und was bedeutet das für die Antikörper-Therapie?

Bei der indischen Variante gibt es in Deutschland vereinzelte Fälle, sie ist aber nicht weit verbreitet. Weit verbreitet ist die englische Variante. Und bei der englischen Variante weiß man, dass man die vorhandenen Antikörper gut einsetzen kann und dass diese nicht beeinträchtigt sind. Das gilt nicht mehr für die südafrikanische oder von die brasilianische Variante. Für die Wirksamkeit der Antikörper bei der indischen Variante sind meines Wissens nach gar keine belastbaren Daten bekannt.

Also befürchten Sie durch die Mutation auch ein Problem für die Therapie?

Wenn in Deutschland die britische Variante verschwände und wir andere Varianten kriegen, dann müssen wir die Karten neu mischen, dann muss man sich das genau angucken. Sind die Antikörper oder die Impfstoffe zu 100 Prozent unwirksam oder nur zu 10 Prozent unwirksam? Das muss man sich erstmal genau anschauen.

Professor Norbert Suttorp ist Infektiologe und Pneumologe an der Charité Berlin. Mit ihm sprach Doro Steitz.

Quelle: ntv.de

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