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Rübsamen-Schaeff zu Corona-Krise "Wir brauchen ein zweites Bollwerk"

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Medikamente wie Remdesivir werden schon seit der Frühphase der Pandemie eingesetzt - die Entwicklung neuer Medikamente kostet aber viel Zeit.

(Foto: AP)

Im Kampf gegen das Coronavirus ruhen große Hoffnungen auf den bereits vorhandenen Impfstoffen. Doch bei ntv weist die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff darauf hin, wie wichtig es ist, ebenso starke Medikamente zu haben - sie spielen demnach eine entscheidende Rolle.

ntv: Ein Asthma-Mittel wird derzeit diskutiert, Budesonid, um Covid-Patienten zu helfen. Können Sie uns einmal erklären, was da dran ist, was halten Sie von diesem Mittel?

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Helga Rübsamen-Schaeff ist Professorin für Biochemie und Virologin an der Uni Frankfurt am Main.

(Foto: ntv)

Helga Rübsamen-Schaeff: Das ist eine Studie, die mit 146 Patienten gemacht wurde. Die eine Hälfte hat zusätzlich das Asthma-Mittel, die andere hat die normale Behandlung bekommen, und es hat sich gezeigt, dass diejenigen, die mit dem Asthma-Mittel behandelt wurden, deutlich weniger schwere Verläufe hatten und ins Krankenhaus mussten. Also ein echter klinischer Vorteil. Und es ist ja nicht ganz so unlogisch. Das Virus führt zu Entzündungen, dieses Asthma-Mittel reduziert die Entzündungen, macht die Atemwege freier, und somit passt es ins Bild, dass es hilft.

Wie ist denn überhaupt der Stand der Medikamentenforschung, ist da irgendwas Vielversprechendes in der Pipeline?

Wir müssen bei den Medikamenten drei Kategorien unterscheiden. Das eine sind die Medikamente, die direkt gegen das Virus gerichtet sind, zum Beispiel kleine Moleküle, wie Remdesivir, was ja schon im Markt ist gegen Corona. Oder aber das Molnupiravir, was jetzt entwickelt wird und sehr schöne Daten hat. 200 Patienten - nach fünf Tagen war das Virus weg. So will man's eigentlich haben. Dann gibt es die Antikörper, die ja unserer Immunreaktion auf das Virus nachempfunden sind. Das heißt, man hat geguckt, was macht der Körper, und hat diese Antikörper dann künstlich im Labor in großen Mengen gezüchtet und spritzt die dann als sogenannte passive Impfung. Und als drittes gibt es eben Medikamente gegen die schweren Verläufe. Diese sollen Entzündungsreaktionen reduzieren, wie zum Beispiel Dexamethason. Also, es gibt schon was, aber gerade wenn man die frühe Infektion schnell und effizient abfangen will, ist da noch sehr viel Luft nach oben.

Und warum ist das so schwierig, passende Medikamente zu finden? Bei den Impfstoffen haben wir schon eine ganze Reihe von wirksamen, bei den Medikamenten hört man viel weniger.

Zumindest in Deutschland hat man den Fokus sehr stark auf die Impfstoffe gelegt, was ja auch ok ist, und es ist ja auch fantastisch, was man da bis jetzt erreichen konnte. Dennoch sage ich, wir brauchen auf jeden Fall auch Medikamente als zweite Verteidigungslinie gegen das Virus. Man hat jetzt weltweit zunächst mal existierende Medikamente genommen, die zum Beispiel gegen Grippe oder gegen Ebola gemacht worden sind. Dann hat man geprüft, ob die auch was bei Corona können. Das sind die beiden Substanzen, die ich eben erwähnt habe. Aber wenn sie von Grund auf anfangen, ein neues Medikament gegen ein Virus zu machen, das geht eben einfach nicht ganz so schnell.

Würden Sie sich wünschen, dass man dieselbe Energie, Aufmerksamkeit und dasselbe Geld in die Medikamentenforschung steckt, wie man es auch bei der Impfstoffforschung gemacht hat?

Definitiv sollte man mehr Geld investieren, weil wir wie gesagt auch ein zweites Bollwerk brauchen, um das Virus weiter eindämmen zu können.

Wie gefährdet sind denn diese Erfolge, wenn man sich die Mutationen anguckt?

Das ist die ganz große Frage. Wir wissen, dass die britische Mutation, die ja bei uns im Moment den Hauptteil der Infektionen ausmacht, von den jetzigen Impfstoffen noch recht gut beherrscht wird. Schwieriger wird’s schon bei der südafrikanischen Mutation oder bei der brasilianischen. Wir haben sieben Milliarden Menschen, und wir haben jetzt 137 Millionen Infizierte. Wir sind also wirklich noch am Anfang dieser weltweiten Pandemie. Da kann man gar nicht voraussagen, was noch auf uns zukommt.

Das klingt ja nicht sehr beruhigend. Was können die Pharmafirmen denn da machen - kann man die Impfstoffe so schnell anpassen oder ist das ein Wettlauf, den wir gar nicht gewinnen können?

Das ist etwas, was schon passiert. Bei den bekannten Mutanten kann man natürlich reagieren und kann sagen, wenn ich jetzt so einen mRNA-Impfstoff habe, und da ist diese Technik besonders geeignet, dann tausche ich halt diese Gensequenz aus. Zum Beispiel kann man sie gegen die Gensequenz des südafrikanischen Virus oder eines Bestandteils des südafrikanischen Virus austauschen, und dann hat man einen neuen Impfstoff. Natürlich muss der auch erstmal geprüft werden. Ich gehe aber davon aus, dass die Behörden das wesentlich schneller und mit kleineren Patientenkollektiven akzeptieren würden. Und der muss dann natürlich auch gespritzt werden. Bis man also gegen eine neue, deutlich aggressivere Variante wieder einen hohen Impfschutz innerhalb der Bevölkerung hat, dauert das eine lange Zeit. Und das ist genau der Grund, warum ich sage, um diese Zeit zu überbrücken, dafür brauchen wir effiziente Medikamente. Die müssen dann auch natürlich, weil sie sich eben nicht aufs Immunsystem verlassen, sondern das Virus direkt an ganz anderen Stellen angreifen, unabhängig sein von den Mutationen, die sich gegen die Immunreaktion bilden.

Um nochmal darauf zurückzukommen, können Sie einen Ausblick wagen, wie lange wir noch mit Mutationen zu tun haben werden, wie viele wir noch sehen werden?

Viren mutieren immer, und je nachdem, was für eine Art von Virus wir haben, gibt es Viren, die schnell mutieren, und andere, die langsam mutieren. Das Coronavirus ist, Gott sei Dank, nicht eins der schnellsten. Aber dass weitere Mutationen kommen, ist einfach zu erwarten. Und wir wissen aus Brasilien, wenn sie eine Durchseuchung einer Variante haben und eine deutlich andere Variante kommt, dann geht der ganze Prozess nochmal von vorne los. Das heißt, die natürlich erworbenen Immunitäten einer durchgemachten Infektion schützen nicht unbedingt vor den neuen Varianten.

Können wir denn da überhaupt Corona besiegen?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man kann das heute noch nicht beurteilen. Aber umso mehr würde ich sagen, in dem Moment, wo wir sehr, sehr gute Medikamente haben, die das Virus in wenigen Tagen eliminieren, würden wir der Krankheit sehr viel von ihrem Schrecken nehmen. Diese müssen gleich nach dem ersten Auftreten von Symptomen, oder der Kenntnis, dass man sich infiziert hat, genommen werden können. Wenn das Virus weg ist, können Sie nicht mehr schwer krank werden. Und wenn das Virus weg ist, dann kann ich auch keinen anderen mehr infizieren. Das heißt also, eine effiziente Medikamentenbehandlung könnte eine Menge beitragen zur Bekämpfung und vielleicht, eines Tages, zur Ausrottung von Corona.

Mit Professorin Helga Rübsamen-Schaef sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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