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Vom Gehirn bis zu den Zehen Warum es immer mehr Covid-19-Symptome gibt

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Die Liste festgestellter Symptome bei Covid-19 wird stetig länger.

(Foto: imago images/Westend61)

Die Liste der Symptome der durch das Coronavirus verursachten Krankheit Covid-19 wächst beständig. Von einer Lungenerkrankung kann kaum noch die Rede sein. Die zunehmende Zahl der Krankheitsanzeichen könnte zwei Gründe haben.

Vor allem trockener Husten und Fieber wurden in der frühen Phase der Coronavirus-Pandemie als Zeichen der Covid-19-Erkrankung zugeschrieben. Doch mit der Ausbreitung des Virus gibt es immer wieder Berichte über neue, unerwartete Symptome. Dazu gehöre beispielsweise der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Wunden in der Haut oder blaue Zehen. Wie kommt es, dass die Symptome mittlerweile so zahlreich sind - und wieso werden es mit der Zeit anscheinend immer mehr?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) listet als die häufigsten Merkmale von Covid-19 in Europa mittlerweile den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns auf, der bei rund zwei Dritteln der Betroffenen vorkommt. Es folgen Fieber, Husten und Halsschmerzen, in Deutschland wird auch Schnupfen häufig genannt. Die Liste der weiteren Symptome, die hierzulande festgestellt wurden, ist lang: Darunter Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit, Durchfall, Bindehautentzündung, Apathie und Benommenheit, um nur einige zu nennen.

Aus Spanien, Italien, Frankreich und den USA gab es in den vergangenen Wochen zudem Berichte über Hautveränderungen bei Covid-19-Patienten. Darunter frostbeulenähnliche Schwellungen an Zehen, Bläschen am Körper, Quaddeln, Schuppungen und Rötungen. Laut der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft weisen bis zu 20 Prozent der stationär behandelten Patienten Hauterscheinungen auf.

Seltsames Syndrom bei Kindern

Mediziner vermuten, dass auch das ungewöhnliche Entzündungssyndrom, wegen dem schon mehr als hundert Kinder in New York, London und Paris im Krankenhaus behandelt werden mussten, in Zusammenhang mit Covid-19 steht. Die Fälle ähneln dem Kawasaki-Syndrom, einer Gefäßerkrankung bei Kindern, die in seltenen Fällen bis zum Organversagen führen kann.

Bei Erwachsenen kann Covid-19 laut mehrerer Studien andere lebensbedrohliche Symptome auslösen wie zum Beispiel Schlaganfälle, Gehirnschwellungen und Herzschädigungen. Urologen von der Medizinhochschule im chinesischen Nanjing berichteten vergangene Woche in der Fachzeitschrift "Nature Reviews" von Patienten mit schweren urologischen Komplikationen und gravierenden Auswirkungen auf die männlichen Sexualhormone.

Eine diese Woche vorgestellte Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) brachte ans Licht, dass Coronavirus Sars-CoV-2 neben der Lunge auch zahlreiche andere Organe angreift. Das bei Erkrankten nach der Lunge am zweithäufigsten betroffene Organ seien die Nieren, aber auch in Herz, Leber, Gehirn und Blut der Patienten wurde der Erreger nachgewiesen. "Sars-CoV-2, das neuartige Coronavirus, ist nicht nur ein Lungenvirus, sondern ein Multi-Organ-Virus", sagte der Leiter der Studie, Tobias Huber.

Und das könnte auch der Schlüssel zur hohen Zahl an Symptomen sein. "Dass dieses Virus sich nicht nur in der Lunge einnistet, sondern auch andere Organe befällt", so Huber, könne "wahrscheinlich zu den vielen Symptomen, die wir sehen, einen wichtigen Erklärungsansatz beitragen".

Hohe Zahl der Infizierten spielt eine Rolle

Die ungewöhnlich scheinende Vielzahl der beobachteten Symptome hat auch mit der enormen Zahl der Infizierten zu tun. "Bei einer weit verbreiteten Krankheit treten selbst seltene Komplikationen häufig auf", sagt der Infektiologe Babak Javid vom Universitätsklinikum Cambridge. Weltweit gibt es fast 4,5 Millionen bestätigte Covid-19-Fälle. Die tatsächliche Zahl der Infizierten liege vermutlich bei Dutzenden oder gar Hunderten Millionen, schätzt Javid. "Wenn also einer von 1000 oder auch nur einer von 10.000 Komplikationen entwickelt, sind das immer noch Tausende Betroffene", erklärt der Mediziner.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC analysierte in einem internen Bericht die Symptome von 2591 Corona-Patienten, die zwischen dem 1. März und dem 1. Mai ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Drei Viertel hatten Schüttelfrost, Fieber oder Husten und fast ebenso viele Atembeschwerden. Ein knappes Drittel klagte über Schmerzen und Durchfall, ein Viertel litt unter Übelkeit oder Erbrechen, etwa 18 Prozent hatten Kopfschmerzen, 10 bis 15 Prozent Lungen- oder Unterleibsprobleme, eine laufende Nase oder Halsschmerzen.

"Wenn jemand schwer an Covid-19 erkrankt, kann er Probleme mit Blutgerinnseln bekommen, die häufiger als bei anderen Viren scheinen", sagt der Infektiologe Javid und folgert: "Im Vergleich zur Grippe ist es wahrscheinlicher, dass man sehr krank wird und stirbt."

Quelle: ntv.de, mit AFP