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Fieser Feind ist lebenswichtig Wenn Schmerz nicht weichen will

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Der Radsportler Laurens ten Dam krümmt sich nach einem Sturz vor Schmerzen.

(Foto: REUTERS)

Schmerz ist ein lästiges, aber auch ein lebensrettendes Signal des Körpers. Probleme macht er, wenn er nicht mehr weichen will. Chronischer Schmerz entsteht durch Konditionierung. Medikamente allein reichen in diesen Fällen nicht aus.

Depressionen, Arbeitsverlust, sozialer Rückzug: Über Jahre anhaltender Schmerz kann das Leben eines Menschen so vereinnahmen, dass sämtliches Sein und Denken um ihn kreist. Mehr als zehn Millionen Menschen leiden nach Schätzungen allein in Deutschland unter chronischen Schmerzen. "Schmerz ist eine Volkserkrankung geworden", sagt Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt an der Schmerzklinik Kiel. Ein Grund sei allein schon der wachsende Prozentsatz älterer Menschen. "Ab einem bestimmten Alter haben alle Schmerzen."

Kopf-, Bauch-, Rücken-, Knie-, Hüft- und allgemeine Schmerzen des Muskel- und Skelettsystems führen die Liste an. Schmerz sei für die ganze Gemeinschaft ein Problem, sagt Göbel. Auch in finanzieller Hinsicht: Frühverrentung und Arbeitsunfähigkeit von Schmerzpatienten verursachen immense Kosten. Zwar gebe es inzwischen Schmerzzentren und immer mehr spezialisierte Ärzte, ideal sei die Versorgungsstruktur aber bei weitem nicht. Das zeigt vor allem der Mangel an speziell ausgebildeten Schmerztherapeuten.

Veraltetes Bild vom Schmerz

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Auch wenn es immer mehr Schmerzkliniken gibt, reicht die Zahl noch nicht aus.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Ursache sei, dass politische Entscheider, aber auch Mediziner und Patienten oft noch ein veraltetes Bild vom Phänomen "Schmerz" hätten. "Nach diesem eindimensionalen Modell wird ein Reiz über einen Nerv ins Schmerzzentrum des Gehirns geleitet, der Schmerz wird wahrgenommen", erklärt Göbel. "Wird die Reizursache beseitigt, ist alles wieder gut." Die Gleichung "kein Reiz – kein Schmerz" funktioniere aber nicht. Tatsächlich sei Schmerz ein äußerst vielschichtiges Phänomen.

Denn "mindestens ebenso bedeutsam wie der konkrete Reiz sind Faktoren wie die eigene Bewertung von Schmerz, soziale Aspekte und das Arbeitsumfeld", erklärt Göbel weiter. In stressvollen Lebenssituationen sei das Risiko 13 Mal höher, chronische Schmerzen zu entwickeln. Bei Menschen mit einer Belastungsstörung nach einem traumatischen Erlebnis seien die Schmerzabwehrkräfte mitunter überhaupt nicht mehr einsetzbar. "Sie können selbst geringen Schmerz nicht mehr bewältigen." Zum Erstaunen vieler Wissenschaftler hätten Hirnanalysen gezeigt, dass seelischer Schmerz in den selben Bahnen und Strukturen präsent ist wie der körperliche, erklärt Göbel. "Das kann man gar nicht trennen", betont der Experte.

Chronische Schmerzen haben ein Anfangsreiz

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Auch seelische Schmerzen sind körperlich spürbar.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dauert der Schmerz über einen längeren Zeitraum an, dann wandelt er sich vom Wahrnehmungsprozess zu einem sehr emotionalen Prozess und wird im schlimmsten Falle zum chronischen Schmerz, wissen Experten. Am Beginn chronischer Schmerzen stehe oft wirklich ein konkreter Reiz, erklärt Göbel. "Etwa eine Zerrung im Rücken, weil ich mich, vom Chef mit zu viel Arbeit eingedeckt, verspanne." Mit der Zeit genüge allein der Gang ins Büro, Schmerz auszulösen, auch ohne tatsächliches Muskelproblem. "Über Konditionierung entsteht chronischer Schmerz." Schon bei Kindern und Jugendlichen kann die Angst vor bestimmten Lehrern oder Schulfächern Schmerzen verstärken, die zufällig gerade da waren und sonst wieder weggegangen wären. Verstärkend wirkt in solchen Fällen, wenn Eltern ihr Kind dann nicht zur Schule schicken – eine Belohnung, die die Chronifizierung des Schmerzes stützt.

Fatal sei auch die übliche Schmerztherapie nur nach Bedarf in Kliniken, ergänzt Göbel. "Der Patient bekommt dann Aufmerksamkeit, wenn er ein Schmerzmittel fordert." Das fördere Passivität im Umgang mit Schmerzen. Zudem sind mit den Medikamenten selbst auch Risiken verbunden: "Jeder zehnte Kopfschmerzpatient geht auf Selbstmedikation zurück." Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, dass Schmerzmedikamente bei längerer Einnahme selbst Schmerzen verursachen. Um im Job zu funktionieren, nimmt mancher täglich Tabletten – was kurzfristig funktioniert, langfristig aber problematisch ist. Ein Verzicht wird immer schwieriger, weil der Körper sich an die tägliche Dosis gewöhnt und mit heftigem Schmerz und Entzugserscheinungen wie Übelkeit reagiert.

Therapie auf mehreren Ebenen nötig

All dies zeigt, wie sehr es in die Irre führt, beim Kampf gegen chronische Schmerzen ausschließlich den Körper zu berücksichtigen. Dass chronischer Schmerz gelernt wird, bedeutet aber auch noch etwas ganz Entscheidendes: Er kann auch wieder verlernt werden. "Das ist, wie einen Fahrradschlauch mit fünf Löchern zu flicken", sagt Göbel. "Alle müssen verschlossen werden, damit der Reifen nicht wieder platt wird." Der Schmerzreiz werde behandelt, Psycho- und Verhaltenstherapie angeboten, der Patient dazu gebracht, wieder aktiver zu sein – und das über Jahre. "Was sich über Jahre eingeschliffen hat, verschwindet nicht plötzlich wieder."

Die ganzheitliche Schmerztherapie bedeute auch, dass sich der Betroffene intensiv einbringen muss. "Manche Patienten haben noch die irrationale Vorstellung, selbst nichts machen zu müssen", erklärt Göbel. "Sie wollen behandelt werden, nicht selbst handeln." Das funktioniere aber nicht. "50 Prozent des Heilungsprozesses muss der Patient selbst einbringen."

Mitunter seien Betroffene damit unzufrieden und begönnen lieber jahrelanges Ärzte-Hopping auf der vergeblichen Suche nach Linderung ohne Eigeninitiative. Zudem ist das ein Grund dafür, dass so viele dubiose Anbieter mit allerlei vermeintlichen Heilmitteln und Wundertherapien viel Geld verdienen können. "Schmerzpatienten probieren alles Mögliche aus, weil der Leidensdruck so hoch ist."

Quelle: n-tv.de, Annett Stein, dpa

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