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"Alles in Ordnung!", sagt der Arzt. Woher aber kommt dann dieser verflixte Schmerz?
"Alles in Ordnung!", sagt der Arzt. Woher aber kommt dann dieser verflixte Schmerz?(Foto: imago/McPHOTO)
Dienstag, 12. August 2014

Frage & Antwort, Nr. 339: Kann man sich Schmerzen einbilden?

Von Andrea Schorsch

Im Magen drückt’s, obwohl die Spiegelung keine Auffälligkeiten zeigt. Die Wirbelsäule sieht bestens aus, und trotzdem tut der Rücken weh. Das Knie schmerzt, dabei ist es längst erfolgreich behandelt worden. Entspringen solche Schmerzen der Fantasie?

Ich habe schon seit Längerem Rückenschmerzen und bereits mehrere Untersuchungen hinter mir. Bis jetzt war alles in Ordnung. Meine Familie nimmt mich deshalb schon nicht mehr ernst und meint, ich würde mir die Schmerzen einbilden. Geht das denn? (fragt eine Leserin)

Michael Schenk, Leiter des Zentrums für Integrative Schmerzmedizin Berlin sowie Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin, hat eine klare Antwort auf diese Frage: "Nein", sagt er. "Schmerz bildet man sich nicht ein." Und da gibt es für ihn auch keine Einschränkung oder Ausnahme. Wenn umfangreiche Untersuchungen bei einem Patienten gezeigt haben, dass er körperlich gesund ist und es keine organischen Vorgänge gibt, die seinen Schmerz oder dessen Intensität erklären könnten, steht für Schenk trotzdem fest: Der Schmerz ist real. Denn der Patient hat ihn.

Der falsche Weg: Eine Schein-OP hilft nur kurzzeitig gegen den Schmerz.
Der falsche Weg: Eine Schein-OP hilft nur kurzzeitig gegen den Schmerz.

Zu wissen, dass man mit Schmerzen, für die weder Röntgenbilder noch Blutwerte Hinweise liefern, kein Simulant ist, dürfte beruhigen. Doch zentral ist der nächste Schritt: Wie geht man gegen solche Schmerzen vor? Mit Tabletten? Mit Spritzen? Oder gar mit einer Operation? Eine Studie hat gezeigt, dass Scheinoperationen am Knie, bei denen letztlich keine Veränderungen am Gelenk vorgenommen werden, den Patienten sehr wohl von seinem Schmerz befreien können. Schenk, der am Berliner Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe als Leitender Arzt der Abteilung Anästhesie und Schmerztherapie tätig ist, kann diesen Effekt erklären: "Es ist die Zuwendung, die hier schmerzlindernd wirkt", sagt er. "Der Patient sieht, dass der Arzt etwas für ihn tut und dass er ihm helfen will."

Tabletten ändern nichts am Problem

Für den Spezialisten steht jedoch außer Frage, dass dies kein gangbarer Weg ist. "Therapiert man einen Schmerz körperlich, obwohl es keine körperliche Ursache gibt", erläutert Schenk, "fügt man dem Patienten in der Regel Schaden zu. Das gilt nicht nur für Operationen, das gilt auch bei Schmerztabletten – denn die haben Nebenwirkungen." Und nicht nur das. "Nach spätestens zwei Wochen ist der Schmerz wieder da", weiß der Mediziner. "Denn der Arzt hat nicht das Problem behandelt. An dem ändern weder Schmerztabletten noch Spritzen noch eine Schein-OP etwas."

Was aber ist das Problem? Welche Umstände führen dazu, dass man Schmerzen hat, die sich körperlich nicht erklären lassen? "Das Problem ist in diesen Fällen seelischer Natur", führt Schenk aus. "Über den empfundenen Schmerz drückt sich eine seelische Verletzung aus." Es kann ein starkes Trauma sein, wie etwa Missbrauch oder emotionale Vernachlässigung, das die Betroffenen irgendwann zum Beispiel als Ganzkörperschmerz wahrnehmen. Es kann aber auch einfach eine anhaltende seelische oder soziale Alltagsüberforderung hinter den so unerklärlich scheinenden Schmerzen stecken.

Stress ist ein Schmerzverstärker

Bei Rückenschmerzen etwa ist das gerne mal der Fall. Konflikte in der Familie, hoher Druck am Arbeitsplatz, Ärger mit dem Chef, Spannungen unter den Kollegen, bedrückende, unverdaute Erlebnisse, Perfektionismus und damit einhergehende Selbstüberforderung: All dies kann Rückenschmerzen auslösen und sie auch noch stetig steigern.

"Stress ist ein Schmerzverstärker", sagt Schenk. Die Überlastung führt zu körperlicher Anspannung - erst recht, wenn es darum geht, sich zusammenzureißen, sich nichts anmerken zu lassen und weiterhin bestens zu funktionieren. Die Muskulatur verhärtet und verkürzt sich, das bringt Schmerzen mit sich. Doch mit Schmerzen weiterzumachen wie bisher, erhöht die Überlastung. Ein sich selbst verstärkender Prozess ist in Gang gebracht. Und die Schmerzempfindlichkeit wächst.

Was macht Spaß?

Kreisen die Gedanken nun um die Schmerzen und widmet man ihnen viel Aufmerksamkeit, nehmen sie zu. Auch die Angst, dass der Schmerz womöglich von einer schweren Krankheit herrührt, kann ihn verstärken. Wer merkt, dass der Schmerz immer mehr Leistungsfähigkeit raubt, rutscht mitunter in die Depression. Und auch die macht die Schmerzen schlimmer. "Wer depressiv ist, empfindet stärkeren Schmerz", erklärt Schenk und fügt hinzu: "Deswegen ist die Behandlung einer etwaigen Depression zentral, wenn man Schmerzen lindern will, die keine körperliche Ursache haben."

Doch ob mit oder ohne Depression: Letztlich geht es in diesen Fällen darum, die Ressourcen des Patienten zu stärken. "Eine multimodale Schmerztherapie ist da gefragt", sagt der Experte. "Spezialisierte Schmerztherapeuten, Psychologen und auch Sozialarbeiter agieren da Hand in Hand." Sie nehmen diverse Aufgaben in Angriff: "Der Patient muss lernen, Stress besser zu kontrollieren. Regelmäßige Pausen sind wichtig. Unter Umständen muss die Arbeitsplatzsituation verändert werden. Man muss schauen, dass man den Patienten entlastet." Im Vordergrund steht dabei insbesondere eine Frage: Was macht dem Patienten Spaß, was tut ihm gut? "Denn das ist das Wichtigste", betont Schenk. "Der Patient muss Freude finden im Leben. Das ist ein wirksames Mittel gegen Schmerz."

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Quelle: n-tv.de

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