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Finger und Rippen schweigen Wie Knochen ihre Geheimnisse verraten

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Ein Schädel auf dem Campingplatz Flüggerteich auf der Ostseeinsel Fehmarn. Arbeiter waren dort Ende 2018 bei Tiefbauarbeiten auf die Knochen von fünf Menschen gestoßen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Immer wieder tauchen Skelettteile auf, die nicht einfach identifiziert werden können. Einige von ihnen landen in der "Forensischen Anthropologie und DNA-Analytik" der Universität Göttingen. Dort wird versucht, die Menschen zu identifizieren. In den Händen von Dr. Susanne Hummel und ihren Mitarbeitern verraten die Knochen nicht nur, ob die Opfer laktoseintolerant waren, sondern unter Umständen auch eine Menge über ihren Tod.

n-tv.de: Wie kommt denn das Knochenmaterial, das Sie untersuchen, zu Ihnen?

Susanne Hummel: Zum Beispiel über die Polizei. Es werden viel häufiger Skelettelemente gefunden, als man denkt. Wenn zum Beispiel bei Niedrigwasser plötzlich ein Schädel aus dem Elbeschlick zutage tritt, der da ganz offensichtlich schon längere Zeit feststeckt.

Müssen Sie dabei sein, wenn die Knochen geborgen werden?

Es ist natürlich von Vorteil, wenn jemand vor Ort ist, der auch tatsächlich sehen kann, ob die Lage der Skelettelemente der präzisen anatomischen Ordnung entspricht. Oder ob jemand vielleicht ein Knochendepot angelegt hat, der sich darüber auch Gedanken gemacht und dann aber zum Beispiel die Knochen der Hände vertauscht hat. Dann weiß man sofort, das kann nicht sein, auch wenn alles andere noch so perfekt angeordnet ist.

Wie viel Knochenmaterial bräuchten sie denn mindestens, um eine Aussage treffen zu können?

Das kann man schwer sagen und zwar deswegen, weil es einzelne Skelettelemente gibt, die wenig informativ sind. An einer Rippe oder einem Fingerknochen können sie kaum etwas ermitteln. Es gibt aber andere Skelettelemente, dazu gehören der Schädel, das Becken oder auch das Oberschenkelbein, an denen wir praktisch die gesamte Diagnostik machen können. Damit kann man tatsächlich eine Person individuell identifizieren und gegebenenfalls auch feststellen, welche Augen- oder Haarfarbe sie gehabt hat oder ob die Person laktoseintolerant war.

Wird die DNA-Analyse mit dem Alter der Knochen schwieriger?

Die Analyse kann sehr schwierig werden, aber selbst mit einem viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte alten Knochen kann sie so gutgehen, als ob es ein frisches Skelettelement wäre. Abhängig ist es davon, wie die Chemie der Umgebung war, in der das Skelett gelegen hat. Also wenn Sie zum Beispiel in Norddeutschland, in einem der Moorgebiete Skelettelemente finden.

Dann ist das natürlich gut, oder?

Nein. Schlecht.

Aber Moorleichen sind doch oft sehr gut erhalten.

(lacht) Das ist richtig. Moorleichen sind meist gut erhalten. Aber im Grunde genommen sind nur noch Weichgewebe vorhanden, nicht mehr die eigentlichen Knochen. Die meisten Moore in Norddeutschland haben einen hohen Säureanteil und lösen die Knochen sehr schnell auf. Und die Gerbstoffe sorgen dafür, dass die Haut wie bei der Lederherstellung gegerbt wird. Anders ist das, wenn hier im Göttinger Forst eine Leiche deponiert würde. Dort haben wir einen sehr kalkhaltigen Boden, der bestens geeignet ist, Skelette auch über sehr lange Zeit zu erhalten. Also auch über Hunderte, Tausende, Zehntausende von Jahren ist in solchen Böden eben nicht nur der mineralische Anteil, sondern auch der organische Anteil bestens geschützt. Deswegen findet man zum Beispiel in den Gips-Sinter-Höhlen im Harz sehr gut erhaltene Skelettserien, mit mehr als 70 Individuen. Natürlich sieht man, dass die DNA degradiert ist, aber es sind vollständige genetische Fingerabdrücke, die man für jedes dieser 3000 Jahre alten Individuen ermitteln kann.

Was genau ist dieser genetische Fingerabdruck?

Das ist die Musterausprägung einer Gruppe von genetischen Markern, sogenannter short tandem repeats (STR). Jeder dieser STRs ist sehr variabel, weil es nicht kodierende Sequenzen sind. Das ist ein springender Punkt. Nur wenn eine genetische Sequenz nicht kodierend ist, kann sie extrem variabel in der Bevölkerung vorliegen.

Wenn solche Sequenzen zum Beispiel für die Augenentwicklung zuständig sind, dann sind sie in jedem Menschen gleich?

Genau. Wenn also ein kodierender Sequenzabschnitt, ein Gen, einen wichtigen Stoffwechselprozess steuert, dann gibt es nur ein, zwei Varianten, mit denen man überleben kann. Nur wenn es nicht kodierende Sequenzen sind, erlaubt sich die Natur ein vielfältiges Spektrum an Ausprägungsmöglichkeiten. Wenn man von diesen STRs dann 15 bis 20 Stück untersucht, kann man tatsächlich jedes Individuum von jedem anderen Individuum, das weltweit lebt, unterscheiden. Mit einer Ausnahme - das sind eineiige Zwillinge.

Und diesen genetischen Fingerabdruck kann man dann mit einer Datenbank abgleichen?

Voraussetzung ist natürlich, dass Verwandte oder jemand anderes die Person erst einmal als vermisst gemeldet haben. Und dass in der Datenbank die DNA der vermissten Person oder die von Verwandten gespeichert ist, damit es dann die Abgleichsmöglichkeit gibt.

Können Sie außer zur Identität der Person auch etwas zum Tathergang sagen?

Das kommt drauf an. Wenn es um Verbrechen geht, wo Gewalt gegen den Kopf ausgeübt worden ist, dann kann man aus den Verletzungsmustern auch am skelettierten Schädel natürlich genau rekonstruieren, ob die Person von hinten oder von vorne erschossen oder erschlagen worden ist. Das ist sehr wichtig im kriminalbiologischen Zusammenhang, wenn zum Beispiel versucht wird, in einem Mordfall Selbstmord vorzutäuschen. Umgekehrt passiert es auch, dass Selbstmörder versuchen, ein Gewaltverbrechen oder einen Unfall vorzutäuschen, weil das versicherungsrechtlich einen großen Unterschied macht. Die Familie bekommt kein Geld aus einer Lebensversicherung, wenn nachgewiesen wird, dass der Versicherte Selbstmord begangen hat.

Wie können Sie feststellen, ob jemand an dem Todesfall beteiligt gewesen ist?

Bei Verletzungen des Schädels kann die Hutkrempenregel helfen. Stellen Sie sich vor, sie würden sich einen Hut aufsetzen, dann verläuft eine imaginäre Hutkrempenlinie rund um ihren Kopf. Verletzungen, die sich oberhalb dieser Hutkrempenlinie befinden, sind in aller Regel durch Dritte zugefügt. Aber nach einem Sturz liegen die Verletzungen in aller Regel unter dieser imaginären Linie.

Was ist, wenn trotz DNA-Analyse die Ermittlungen ins Leere laufen?

Manchmal kommt es erst Jahre später zu irgendwelchen entscheidenden Hinweisen, wie sich die ganze Geschichte nun wirklich zu getragen hat. Es gibt die vielfältigsten Möglichkeiten, zu verschwinden und irgendwie zu Tode zu kommen. Bei manchen wird man es vielleicht nie wissen.

Mit Susanne Hummel sprach Wilhelmine Bach

Quelle: n-tv.de

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