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Mehr als 1000 Fälle in England Wie gefährlich ist das mutierte Virus?

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Die neue Variante in Großbritannien weist 17 neue Mutationen auf - aber macht sie das gefährlicher?

(Foto: imago images/Science Photo Library)

Europa kappt die Verbindungen zu Großbritannien - um eine befürchtete Ausbreitung der neuen Variante des Coronavirus zu stoppen, stellen Deutschland und andere Länder den Flugverkehr zur Insel ein. Doch kann das den Erreger wirklich aufhalten? Und wie gefährlich ist diese Variante überhaupt?

Eine neue Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 hält derzeit Europa in Atem. Sie trägt den Namen VUI-202012/01, was für die erste "Variant Under Investigation" im Dezember 2020 steht. Eine andere Bezeichnung ist B.1.1.7-Linie. Deutschland und zahlreiche weitere Länder haben bereits die Einreise aus Großbritannien, wo die neue Variante derzeit grassiert, untersagt. Die Sorge ist, dass sie sich auf dem ganzen Kontinent ausbreitet. In Südengland hat sie sich in kürzester Zeit zur dominantesten Variante bei Covid-19-Infektionen entwickelt. Der britische Premier Boris Johnson teilte zudem mit, die neue Variante sei bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form.

Aber was weiß man wirklich über den Erreger? Laut Public Health England wurden bis zum 13. Dezember mehr als 1000 Covid-19-Fälle mit der neuen Variante identifiziert, vorwiegend im Süden und Osten Englands. Was Experten dabei erstaunt: Die Variante weist gleich 17 Veränderungen auf einmal auf, was vorher so noch nicht beobachtet worden war. Es wird spekuliert, dass sie womöglich während einer lang andauernden Infektion in einem einzigen Patienten entstanden ist, berichtet das Magazin "Science".

Was Forscher aufhorchen lässt: Von den genetischen Veränderungen betreffen acht das Spike-Protein, mit dem sich das Virus Zugang zu menschlichen Zellen verschafft, indem es an deren ACE-2-Rezeptoren andockt. Eine genetische Veränderung mit dem Namen N501Y sticht dabei heraus: Forscher hatten bei Versuchen festgestellt, dass diese Mutation die Bindung zwischen Virus und ACE-2-Rezeptoren stärken kann. Auch bei einer anderen, in Südafrika entdeckten Virus-Variante gibt es diese N501Y-Mutation. Laut dortiger Experten hat es den Anschein, als ob sich diese Variante schneller verbreitet als frühere.

"Der entscheidende Puzzlestein"

Doch nach wie vor sind viele Fragen offen. "Es ist noch unklar, ob es sich um eine genetische oder antigenetische Variante handelt", sagt der Epidemiologe und Impfstoffexperte Klaus Stöhr gegenüber ntv.de. Dies versuche man derzeit noch herauszufinden. Und dies sei "der entscheidende Puzzlestein, um die Bedeutung der Variante zu bewerten", sagt der Experte, der bei der WHO unter anderem für die jährliche Auswahl der Impfviren für die Influenza-Impfstoffe weltweit verantwortlich war.

Eine genetische Variante, bei der eine oder mehrere Aminosäuren in einem der Virusproteine anders sind, müsse nicht klinisch relevant sein, so Stöhr. Anders sei dies bei einer antigenetischen Variante. "Antigenetisch veränderte Virus-Varianten haben einen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Vorgängervirus", erklärt Stöhr. "Es ist also nicht überraschend, dass sich dieses leicht veränderte Virus tatsächlich als dominante Variante durchsetzt." Dass die in Großbritannien neu aufgetretene Variante tatsächlich ansteckender sei, zu mehr Erkrankungen führe oder eine höhere Sterblichkeit zur Folge habe, sei jedoch "noch völlig spekulativ". Dies könnten nur epidemiologische Studien belegen.

Gleichzeitig glaubt Stöhr, dass Maßnahmen wie Flugverbote kaum etwas bringen: "Wenn die ersten Daten aus England stimmen, kann die Weiterverbreitung des Erregers auch nicht mit Flugverboten verhindert werden", sagt Stöhr. Frühere Modellierungen hätten gezeigt, dass selbst eine fast vollständige Abriegelung Großbritanniens die Verbreitung eines Influenza-Pandemie-Erregers nur um wenige Tage verzögern kann.

Wirksamkeit von Impfstoffen beeinträchtigt

Aber welchen Einfluss könnte eine mögliche antigenetische Variante auf Covid-19-Impfstoffe haben? Die durch eine Impfung erzeugten Antikörper könnten in diesem Fall womöglich schlechter an das Virus binden, was die Wirksamkeit vom Impfstoffen verändern dürfte, so Stöhr. Das wird jetzt in Laboren mit Seren von geimpften und genesenen Personen getestet. Aber: "Bei einem Ausgangspunkt von mehr als 90 Prozent Wirksamkeit bei den mRNA-Impfstoffen wäre ein Rückgang von zehn bis 15 Prozent zwar nicht wünschenswert, würde aber noch immer über den Zulassungskriterien liegen."

Die gute Nachricht: Im Fall einer antigenetischen Variante könne ein mRNA-Impfstoff relativ schnell angepasst werden - wenn auch nicht mehr jene Dosen, die bereits produziert wurden. "Es bleibt aber ein Zulassungsproblem, da eine neue mRNA in einem Impfstoff unter Umständen auch zu einer Neuzulassung mit den entsprechenden Tests führen könnte", so der Impfstoffexperte.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema rechnet allerdings damit, dass der Impfstoff der Firmen Pfizer und Biontech auch gegen die neu aufgetretene Coronavirus-Variante wirksam ist. "Zu diesem Zeitpunkt gibt es keinen Beweis für die Annahme, dass der Impfstoff nicht gegen die neue Variante wirken könnte", sagte Ema-Direktorin Emer Cooke. Aber auch sie betont, dass noch mehr Informationen über die neue Virus-Variante gesammelt werden müssten.

Quelle: ntv.de