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Fahrgäste in der New Yorker U-Bahn: Bei der Studie ging es den Forschern vorrangig um eine Bestandsaufnahme und nicht darum, Gesundheitsrisiken zu identifizieren.
Fahrgäste in der New Yorker U-Bahn: Bei der Studie ging es den Forschern vorrangig um eine Bestandsaufnahme und nicht darum, Gesundheitsrisiken zu identifizieren.
Dienstag, 31. Juli 2018

Morgens anders als abends: Wie sich Bakterien in U-Bahnen verteilen

U-Bahn-Linien haben typische Bakteriengemeinschaften - aber nur morgens. Im abendlichen Berufsverkehr sieht es ganz anders aus, findet eine Studie heraus. Sie soll helfen, dass Planer Zugabteile so anlegen können, dass die Gesundheit möglichst wenig gefährdet wird.

Bakteriengemeinschaften in U-Bahn-Netzen wandeln sich im Lauf des Tages auf charakteristische Weise. Eine Analyse der Hongkonger Metro zeigt, dass viele Keimgruppen morgens noch typisch für die jeweilige Linie sind. Im abendlichen Berufsverkehr dagegen haben sich diese diversen Gruppen zu einer relativ einheitlichen Gemeinschaft vermischt.

Das Diagramm zeigt spezifische Mischmuster von Bakterien bei U-Bahnlinien innerhalb von Hongkong und auf dem Festland von China am Morgen und Abend.
Das Diagramm zeigt spezifische Mischmuster von Bakterien bei U-Bahnlinien innerhalb von Hongkong und auf dem Festland von China am Morgen und Abend.(Foto: Gianni Panagiotou/dpa)

"Morgens hat jede Linie ihre eigenen mikrobiellen Eigenheiten, die während des Berufsverkehrs die Gegenden entlang der Strecke widerspiegeln", sagt Studienleiter Gianni Panagiotou von der Universität Hongkong, der inzwischen am Hans-Knöll-Institut in Jena forscht. "Abends schließen sich diese Bakterien zu einem einheitlichen Mikrobiom zusammen, das das gesamte System besiedelt." Deutsche Experten glauben, dass diese Struktur im Ansatz auch auf hiesige Ballungsräume übertragbar ist.

Schon früher hatten Forscher die Zusammensetzung von Mikrobiomen in U-Bahnen von Großstädten analysiert - aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln. So achtete ein Team in New York auf die räumliche Verteilung in der Stadt, indem sie an U-Bahn-Stationen Proben nahmen, Sie analysierten also, welche Bakterien in welchen Stadtteilen zu finden sind. Im Großraum Boston dagegen untersuchten Wissenschaftler, auf welchen Oberflächenmaterialien welche Keime siedelten.

Handflächen auf Erbgut von Mikroorganismen untersucht

Das Team um Panagiotou dagegen schickte Freiwillige während des Berufsverkehrs mehrmals morgens und abends eine halbe Stunde in verschiedene Linien des rund 200 Kilometer langen Netzes, das täglich etwa 4,7 Millionen Menschen befördert. Die Helfer sollten sich an Haltegriffen und -stangen festhalten, anschließend wurden ihre Handflächen auf Erbgut von Mikroorganismen untersucht. "Wenn fünf Millionen Menschen pro Tag die U-Bahn nutzen, müssten wir den Abdruck der ganzen Stadt finden", wird Panagiotou in einer Mitteilung des Verlags Cell Press zitiert.

Resultate: Die meisten Keime waren gewöhnliche Bewohner der menschlichen Haut, wie die Forscher im Fachblatt "Cell Reports" berichten. Rund die Hälfte zählte zur Gruppe der Actinobacteria (51,3 Prozent), etwa ein Viertel waren Proteobacteria (26,6 Prozent), auch Firmicutes (11,4 Prozent) waren reichlich vertreten. Häufigste Art war mit gut 29 Prozent der zu den Actinobacteria zählende Hautkeim Propionibacterium acnes. Neben Bakterien fanden die Forscher auch Pilze und Bakteriophagen - allerdings weitaus seltener.

Insgesamt konnten die Forscher morgens noch bestimmte U-Bahn-Linien anhand der Bakterien identifizieren, abends gelang dies kaum noch. Auffällig war die Analyse von Bakterien, die Resistenzgene gegen Antibiotika (ARG) hatten. "Morgens fanden wir ARGs in nur wenigen Linien, abends konnten wir sie in allen nachweisen", sagt Panagiotou. "Die Zeit der Probennahme (vormittags im Gegensatz zu nachmittags) war der wichtigste Faktor für die Zusammensetzung und Vielfalt der Gemeinschaft", schreiben die Forscher.

Bei der Studie ging es den Forschern nicht vorrangig darum, Gesundheitsrisiken zu identifizieren, sondern eher um eine Bestandsaufnahme. Generell wiesen die vielbefahrenen Linien weder gefährlichere Krankheitserreger auf noch vermehrt Keime mit Resistenzgenen. Die Studie solle dazu beitragen, dass Verkehrsplaner Zugabteile so anlegen können, dass die Gesundheit möglichst wenig gefährdet werde. Dies gelte auch für andere öffentlich zugängliche Orte wie Flughäfen, Flugzeuge, Fernzüge, Busse und auch öffentliche Toiletten.

Resultate auf Transportmittel in Deutschland übertragbar

Stefanie Kampmeier vom Uniklinikum Münster geht davon aus, dass sich die Resultate der Studie grundsätzlich auf Transportmittel in Deutschland übertragen lassen. Eine Gefährdung der Fahrgäste sei das aber nicht. "Prinzipiell hat jeder von uns eine gewisse Keimflora auf der Haut, die für die Hautfunktion wichtig ist", sagt die Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin. "Man sollte sich bewusst sein, dass wir ständig von Bakterien umgeben sind, ohne dass das gesunde Menschen gefährdet." Nach Möglichkeit solle man sich, insbesondere in den Wintermonaten, wenn vermehrt etwa Erkältungsviren unterwegs sind, nach dem Kontakt zu solchen Stellen die Hände waschen und vorher nicht mit der Hand durchs Gesicht wischen, rät sie.

Auch Ernst Tabori, Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene (BZH)in Freiburg, geht davon aus, dass die Resultate der Studie prinzipiell für deutsche Großstädte gelten. "Die Ergebnisse der Untersuchung sind nachvollziehbar." Die Mehrheit der Keime sei aber nicht bedrohlich. Anwenden lasse sich die Kenntnis zu Verteilungs- und Bewegungsmustern für die Planung von Verkehrsmitteln. So sei es günstig, solche Materialien zu wählen, die gut zu reinigen und bei Bedarf zu desinfizieren seien - die also glatt und geschlossenporig sind und wenige Fugen und Kanten haben.

Quelle: n-tv.de