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Fall in Osnabrücker Pflegeheim Wieso infizierten sich Geimpfte mit Virus-Mutation?

Das Heim, alle Mitarbeiter und deren Familien wurden nach der Entdeckung der Virusvariante B. 1. 1. 7. unter Quarantäne gestellt.

Der Impfstoff von Biontech schützt offenbar erfolgreich gegen einen schweren Verlauf der Corona-Mutation B.1.1.7.

(Foto: dpa)

Auf den ersten Blick wirft dieser Fall Fragen auf: 14 Bewohner eines Pflegeheims infizieren sich trotz zweiter Impfung mit der britischen Corona-Mutation. Doch dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Einen Grund zur Beunruhigung gibt es nicht - im Gegenteil.

Mehrere Bewohner eines Pflegeheims in Osnabrück haben sich mit der britischen Corona-Variante B.1.1.7 infiziert - und das, obwohl sie bereits zum zweiten Mal geimpft wurden. Die Mutation wurde insgesamt bei 14 Bewohnern nachgewiesen, teilte der Landkreis mit. Bisher gebe es nur asymptomatische oder leichte Verläufe der Erkrankung bei den Betroffenen. Doch warum haben sich die Geimpften überhaupt infiziert? Und ist dieser Fall ein Hinweis darauf, dass die britische Mutation den Impfstoff umgeht?

Die Bewohner des Pflegeheims wurden mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer geimpft. In einer Studie hieß es kürzlich, dass der Impfstoff wohl auch gegen die britische Virus-Variante wirksam sei. Doch das bedeute keinen hundertprozentigen Schutz, sagt der Arzt Dr. Christoph Specht ntv.de. Der Impfstoff von Biontech könne gegen die Mutation durchaus wirksam sein - fraglich ist aber noch immer, wie wirksam. Der Biontech-Impfstoff hatte laut Studien auch gegen die Ur-Variante des Virus "nur" eine Wirksamkeit von 95 Prozent. "Inzwischen verbreiten sich jedoch immer mehr Mutationen, sodass heute und in Zukunft mit einer geringeren Wirksamkeit des Impfstoffs gerechnet werden muss", so Specht.

Bei dem Fall des Osnabrücker Pflegeheim muss man zudem zwei wichtige Dinge unterscheiden: eine Infektion und eine Erkrankung. Bisher sind die 14 Bewohner lediglich mit dem Virus infiziert, bisher aber nicht erkrankt. "Das passt zu den Studienergebnissen, dass Biontech vor Covid-19-Symptomen, also vor einer Erkrankung schützt", sagt Specht. "Ob es aber auch vor einer Infektion schützt, ist noch nicht geklärt." Was der Fall zeigt, ist jedoch, dass der Impfstoff offenbar einen schweren Verlauf verhindern konnte.

Spahn will Fall prüfen lassen

Eine wichtige Rolle spielt auch der Zeitpunkt der Infektion. Die Bewohner des Pflegeheims in Osnabrück haben ihre zweite Impfung am 25. Januar bekommen. Entdeckt wurde die britische Virus-Mutation nur acht Tage später, am 2. Februar. Denkbar wäre deshalb auch, dass die Bewohner sich bereits kurz nach der zweiten Impfung infiziert haben. Der Biontech-Impfstoff ist jedoch erst sieben Tage nach der zweiten Impfung vollständig wirksam. Es ist durchaus möglich, dass die Bewohner bei ihrer Ansteckung noch nicht den vollen Schutz des Impfstoffs hatten.

Für Specht gibt es deshalb mehrere logische Erklärungen für die Infektion in dem Pflegeheim. Zum einen sei es möglich, dass das Vakzin aufgrund der Mutation weniger gut gewirkt hat. Zum anderen könnten sich die Bewohner angesteckt haben, weil eine Infektion trotz Impfung nicht in jedem Fall verhindert werden kann. Eine dritte Möglichkeit sei, dass das Vakzin noch nicht seine volle Schutzwirkung entfaltet hatte. "Das ist alles im Rahmen des Erwartbaren und nichts Besonderes", so Specht. Man dürfe einfach nicht erwarten, dass die Impfung schon direkt nach der zweiten Impfung den vollen Schutz biete.

Können die positiv getesteten Bewohner, die bereits geimpft waren, andere Menschen nun anstecken? "Ob jemand, der infiziert ist, aber nie Symptome entwickelt, andere anstecken kann, ist strittig", so Specht. Andersherum sei ein Mensch, der sich infiziert und dann auch und Symptome zeigt, meistens auch infektiös.

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Die Einrichtung im Landkreis Osnabrück hat 100 Plätze. Von den rund 160 Mitarbeitern wurde keiner auf die Virusvariante positiv getestet. Dennoch sind alle in sogenannter Familien- oder Arbeitsquarantäne, die sie nur für den Weg zur Arbeit verlassen dürfen. Gesundheitsminister Jens Spahn will den Fall nun vom Robert-Koch-Institut und dem Paul-Ehrlich-Institut prüfen lassen.

Mehrere Virologen, wie zum Beispiel der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, äußerten sich positiv und sagten, der Fall sei "nicht besorgniserregend, sondern zeigt, dass die Impfung funktioniert". Biontech wies darauf hin, dass der Impfstoff sieben Tage nach der zweiten Impfung zu 95 Prozent schütze - ersten Analysen nach wohl auch bei B.1.1.7. "Sollten Menschen trotz der Immunisierung an Covid-19 erkranken, ist das Ziel der Impfung, vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen", hieß es weiter. Das scheint nach aktuellem Kenntnisstand im Pflegeheim in Osnabrück der Fall gewesen zu sein.

Quelle: ntv.de, mit dpa