Unterhaltung

"Vip, Vip, Hurra!" Die pluralistische Ignoranz der sozialen Medien

imago0095463588h.jpg

Sorgt sich zu Recht um seinen Freund Fynn Kliemann: der Musiker Olli Schulz

(Foto: imago images/Stephan Wallocha)

Harald Schmidt legt sich schon mal zwei Pullis für den Winter raus, Olli Schulz sorgt sich um seinen Kumpel Fynn Kliemann und Kate Bush klettert mit einem Uralt-Song an die Spitze der britischen Charts. "Vip, Vip, Hurra!" - der Wochenrückblick der Stars ist da.

Das Internet brennt! Kaum ein Tag vergeht, an dem es - vor allem bei Twitter - nicht hoch hergeht. Aufreger, Shitstorms, Hass und Hetze. Die Twitter-Trends zeigen auch in dieser Woche: Wir leben in einer Empörungskultur. Wer ist diesmal wie eine Sau durchs Dorf gejagt worden? Welcher Politiker sollte dringend seinen Posten räumen? Und sitzen wir, wie Harald Schmidt im ntv-Talk mit Gregor Gysi ironisch äußert, ob der akuten Energieversorgungsprobleme im Winter wirklich "mit zwei Pullovern da und schauen die Fußballweltmeisterschaft im Land unseres neuen Energiepartners Katar"? Willkommen zu "Vip, Vip, Hurra!", wo wir auch in dieser Woche die wichtigsten Themen aus der Welt der Promis Revue passieren lassen.

Wer auf Twitter am lautesten tönt und trötet, wird leider tatsächlich am meisten wahrgenommen. In Wirklichkeit handelt sich dabei nur um eine kleine Gruppe von Leuten, die sprichwörtlich jedoch aus allen Rohren ballern. Die Wiener Künstlerin Mercedes Andrea Kovar hat sich mit diesem Phänomen genauer beschäftigt und macht auf einen Begriff aus der Sozialpsychologie aufmerksam, der bereits im Jahre 1931 geprägt wurde: "pluralistische Ignoranz".

Kovar schreibt: "Speziell die sozialen Medien fördern pluralistische Ignoranz. Es ist für eine finanziell potente Minderheit ein leichtes, den Eindruck von Übermacht entstehen zu lassen." Und weiter: "Eine Twitter-Studie von 2019 besagt, dass zehn Prozent der Nutzer:innen in den USA für achtzig Prozent der Social-Media-Inhalte verantwortlich sind. Die Meinungen einiger weniger äußerst aktiver Nutzer:innen scheinen daher weitaus sichtbarer zu sein, als es der Realität entspräche. Soziale Medien sind kein Spiegel der Gesellschaft. Sie sind das Propagandatool einer Minderheit."

Olli Schulz sorgt sich um seinen Kumpel Fynn

Einer der größten Aufreger auch in dieser Woche: Fynn Kliemann. Hat der einst so gefeierte Lebemann gehörig Mist verzapft? Keine Frage! Sollte Kliemann, wenn er sich strafrechtlich relevant verhalten hat, zur Rechenschaft gezogen werden? Auf jeden Fall. Ist der Influencer ein Schaumschläger, der vor allem moralisch entgleist ist, als er Mundschutzmasken, die nicht den Anforderungen entsprachen, an Flüchtlinge verschenkt hat? Mit Sicherheit.

Aber müssen wir - die Gesellschaft - uns jetzt jeden Tag an Fynn Kliemann abrackern und uns höhnisch daran laben, was der Entrepreneur sich alles zuschulden kommen lassen hat? Mitnichten! Und schon gar nicht müssen jetzt auch noch Kliemann-Freunde wie der Musiker Olli Schulz durch den Kakao gezogen werden, weil sie sich besorgt über die emotionale Verfassung des Kumpels äußern.

Schulz, der sowohl mit dem gefallenen Tüftler als auch mit Jan Böhmermann befreundet ist, sagt: "Was mich gerade beschäftigt, ist die Frage, wie soll das alles in Zukunft weitergehen? Wie gehen wir mit Menschen um, die Fehler gemacht haben?" Seine durchaus berechtigte Sorge: dass sein Freund unter den öffentlichen Anfeindungen zerbrechen könnte.

Gottschalk und die "abhandengekommene Wurschtigkeit"

All dieser Lärm, dieses künstlich Aufgeblähte von vermeintlichen Gutmenschen, die sich moralisch über andere erheben, während sie auch nur mit Wasser kochen: Eine gewisse Müdigkeit macht sich breit. Darüber, dass man auf jedes Wort, das man sagt, genau aufpassen muss - könnte es einem doch umgehend falsch ausgelegt werden.

Neben Harald Schmidt übt auch Thomas Gottschalk Kritik an dieser Entwicklung. In einem Interview mit "Bunte" sagt der Entertainer, über den vor allem auf Twitter zu lesen ist, er sei ein "alter, weißer Mann", "sexistisch" und "aus der Zeit gefallen", dass der Spaß verlorengegangen sei. Gottschalk spricht von einer "Gedankenschwere", die ihm und seinen Kollegen früher vollkommen fremdgewesen sei. Kritik übt er auch an der Comedy-Branche und vielen heutigen Moderatoren: "Comedy ist heute geskriptet und durchgetaktet" (...), "ohne Mut zur Wurschtigkeit und Raum für Spontaneität."

Und wenn man sich einmal anschaut, wer da inzwischen große Abendshows zur Primetime moderieren darf, muss man dem Altmeister recht geben. Es sind nicht selten Leute, die, wie auch Gottschalk bemängelt, nicht einen einzigen geraden Satz herausbringen und sich das Mikro vors Gesicht halten dürfen, weil sie gute Beziehungen in die Medienbranche oder eine große Reichweite auf Social Media haben.

Und was war sonst so los die Woche?

Claudia Schiffer begeistert ihre Fans mit Fotos auf Instagram, die sie im Bikini zeigen. Das Model, inzwischen 51 Jahre alt, sähe aus wie 25, lauten nur einige der Kommentare. Da fragt man sich, wie Frauen denn mit 51 Jahren auszusehen haben? Schön, wenn Schiffer jugendlich anmutet, aber es wäre auch vollkommen in Ordnung, wenn nicht.

Der Glückspilz in dieser Woche dürfte aber Kate Bush sein. Seit vielen Jahren hat die Sängerin zum ersten Mal wieder ein Interview gegeben. Der Grund: Bushs 37 Jahre alter Song "Running Up That Hill" ist dank der Netflix-Serie "Stranger Things" plötzlich auf Platz eins der Single-Charts in Großbritannien geklettert. So etwas hat es wahrlich noch nie gegeben! Die 63 Jahre alte Britin habe lediglich mit "ein wenig Aufmerksamkeit" für das Lied gerechnet, aber niemals mit einem solchen Erfolg. Dass so viele Menschen ihre Musik so feiern, sei überwältigend: "Der Gedanke daran, dass all diese extrem jungen Menschen den Song das erste Mal hören und entdecken, ist, nun ja, sehr besonders". Scherzend ergänzt sie: "Die ganze Welt ist verrückt geworden". Bis nächste Woche!

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen