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Antoine Leiris und sein Sohn Das Leben danach

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Antoine Leiris verlor am 13. November 2015 bei den Anschlägen von Paris seine Frau.

(Foto: picture alliance / dpa)

Antoine Leiris hatte die Frau fürs Leben, ein Kind, ein Leben. Dann kam der 13. November 2015, seine Frau ging in ein Konzert und wurde dort ermordet. Fünf Jahre später ist er in dem Leben danach angekommen.

Fünf Jahre ist es her, dass Terroristen das Pariser Konzerthaus Bataclan angriffen und 90 Menschen töteten. Fünf Jahre ist es her, dass Antoine Leiris seine Frau Hélène begraben musste und mit dem gemeinsamen Sohn Melvil allein zurückblieb. Seine Geschichte wurde durch den Bestseller "Meinen Hass bekommt ihr nicht" weltberühmt, Hélène Muyal-Leiris ist eines der wenigen Terroropfer, die ein Gesicht bekommen haben.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit und auch wieder nicht. Für Leiris und seinen Sohn ist es eine Zeit des Abschiednehmens, der Trauer und des Neuanfangs. In "Danach, das Leben" erzählt er davon. "Die Trauer ist eine Abfolge von Verwandlungen", schreibt Leiris. "Nach und nach häutet man sich in unablässiger Veränderung."

Für den verwitweten Mann mit dem gut eineinhalbjährigen Kind sind die Monate nach dem Tod seiner Frau eine ungeheure Anstrengung. Seinem Versprechen aus "Meinen Hass bekommt ihr nicht" bleibt er dennoch treu: Auf den 190 Seiten des neuen Buchs spielt der Grund, warum Hélène nicht mehr da ist, kaum eine Rolle. Umso wichtiger ist Melvil, sein Aufwachsen, sein Essen, sein Alltag. Leiris kämpft mit der enormen Verantwortung, nun allein für seinen Sohn sorgen zu müssen. Die Zubereitung der Mahlzeiten, das Ankleiden, Baden, das Zu-Bett-Bringen, alles ist gleichzeitig wundervoll und schrecklich.

"Schutzwand gegen das Leben"

"Aus Angst vor der Leere fülle ich alle Bereiche der Vaterschaft aus." Leiris versucht, jedes noch so kleine Detail zu bedenken und alles richtig zu machen. Es gelingt ihm beinahe, doch eine verfärbte Wäsche wird zum Beweis seiner Ohnmacht, seiner Unfähigkeit, der perfekte, ideale und untadelige Vater zu sein, der er jetzt meint sein zu müssen. Er lernt, verbessert seine Technik, optimiert. "All diese Routinen bilden eine Schutzwand gegen das Leben. (…) Dieses Leben, das für mich entschieden hat und es nun mir überlässt, damit zurechtzukommen."

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Danach, das Leben
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Er stellt für sich selbst ein Benotungssystem auf, in dem er nur die volle Punktzahl bekommt, wenn er das Bilderbuchleben aus einem Erziehungsratgeber erfüllt. Immer geduldig, genug Zeit, alle Mahlzeiten ernährungsphysiologisch einwandfrei, immer pünktlich, pädagogisch wertvoll. "Ich versuche nicht, das, was ich tue, zu verstehen. Ich will nur eine gute Note." Es ist die Trauer, gemischt mit Scham aus der Kindheit, die ihn selten mehr als fünf von zehn Punkten erreichen lässt. Manchmal sehnt Leiris sich danach, alles hinzuwerfen.

Gegen die Trauer unternimmt er Hauruck-Aktionen, sortiert wie im Rausch all die Dinge seiner Frau, die er bisher nicht angerührt hat. Obwohl er seinem Urteil zutiefst misstraut, entscheidet er, was von Hélène bleiben wird. Packt manches in Kartons, die er beschriftet und wegräumt, anderes in schwarze Säcke, die er zusammen mit Melvil direkt in den Schlund des Müllautos wirft. Manches gibt er der Mutter seiner Frau. "Ich gebe ihr ihre Tochter zurück, ich behalte meine Frau. Von jetzt an sind sie zwei Personen, sie werden nie mehr dieselbe sein. Sie werden jede unabhängig von der anderen in unseren Erzählungen über sie weiterleben."

Trotz allem lebendig

Vater und Sohn ziehen um, fahren in die Ferien, kämpfen Vater-Sohn-Kämpfe ums Essen oder Schlafen. Je mehr sich Tag für Tag ihr Leben formt, umso mehr schaut Leiris auf seine eigene Kindheit, die psychisch kranke Mutter, den abwesenden Vater, all die Prägungen und Annahmen, die nun in sein Vater-Sein eingehen. Nur einmal im Jahr, an Allerheiligen, geht er an Hélènes Grab, reinigt den Stein und umsorgt damit auch seine tote Frau. Er ist mehr als bereit, wieder zu lieben, aber einfach ist es nicht und gelingen will es auch noch nicht.

Wer ist dieser Antoine jetzt, der Mann mit der toten Frau und dem kleinen Jungen, mit der Kindheit in der überschaubaren Vorstadt, mit den schriftstellerischen Ambitionen? Leiris lässt das Bild eines Zerrissenen entstehen, der schon vor dem 13. November 2015 mit sich gerungen hat, seinem Da-Sein, seinem Geliebt-Sein, seinem Vater-Sein. Die Trauer und der Verlust haben dem nur eine andere Farbe gegeben.

"Danach das Leben" ist ein Buch über das Weiterleben, wonach auch immer, über das Aufwachsen und Hinauswachsen, woraus auch immer. Leiris widersetzt sich dem Etikett des Terroropfers und setzt ihm sein eigenes menschliches Maß entgegen, das ihm oft genug unzureichend erscheint und auch beim Lesen nicht immer nur sympathisch ist. Aber fünf Jahre nach Hélènes Tod gibt es ein Leben danach, es gibt ein Vater-Sohn-Gespann, das tief verbunden ist, es gibt ein nachdenkliches Buch, das sich zu lesen lohnt.

Quelle: ntv.de