Panorama

Witwer wehrt sich gegen den Hass Wenn die Liebe stärker als der Terror ist

5a907715e7d0b402a3a33e6662beaaee.jpg

Die Nacht, in der seine Frau im Bataclan ermordet wurde, veränderte für Leiris alles.

(Foto: AP)

Vor einem Jahr erschüttert eine Serie islamistischer Attentate Paris. 130 Menschen werden ermordet. Zu den Toten gehört auch Hélène Muyal-Leiris, deren Mann für sich und seinen kleinen Sohn eine eigene Antwort auf den Terror gefunden hat.

Kurz nachdem Antoine Leiris am 13. November vor einem Jahr seinen Sohn ins Bett gebracht hat, ziehen Terroristen mordend durch Paris. Leiris weiß davon nichts, er liest und wartet auf die Rückkehr seiner Frau Hélène. Sie ist bei einem Konzert im Bataclan. Die "Eagles of Death Metal" spielen.

Aber Hélène Muyal-Leiris wird nie wieder nach Hause kommen. Sie ist eines der 90 Opfer im Bataclan. Von Schüssen aus Maschinenpistolen getroffen, stirbt sie in den Armen des Freundes, mit dem sie das Konzert besucht hatte. Leiris hätte jeden Grund, zornig auf die Täter zu sein, bitter und voller Rachegefühle. Es wäre menschlich.

*Datenschutz

Doch an dem Tag, an dem der Witwer seine tote Frau im Gerichtsmedizinischen Institut identifiziert, veröffentlicht er einen Facebook-Eintrag, der seitdem Hunderttausende Male geteilt wurde. Die Überschrift lautet: "Meinen Hass bekommt ihr nicht". Es ist eine Liebeserklärung an Hélène, die Liebe seines Lebens und das Versprechen, gut für den gemeinsamen Sohn zu sorgen. Es ist aber auch die Absage an die Attentäter, ihr Terror könnte stärker sein als die Liebe, die Antoine, Hélène und Melvil verbindet. Der Text hat auch nach zwölf Monaten nichts von seiner Sprach- und Herzensgewalt verloren.

Entscheidend ist, sie ist nicht mehr da

Hass.jpg

Das Buch ist bei Blanvalet erschienen und kostet 12 Euro.

(Foto: Blanvalet)

Inzwischen ist Melvil gewachsen und Antoine Leiris hat ein Buch über die ersten Wochen nach dem Tod seiner Frau geschrieben. Auch darüber, wie der Facebooktext zustande kam. Die Worte seien von allein gekommen, er habe sie nur bedacht und gewogen. "Sie drängen sich mir auf, ich muss sie bloß noch annehmen."

17 Monate ist Melvil zu diesem Zeitpunkt alt, er sagt Mama, Papa und Schnuller. Und er weint "wie ich ihn noch nie habe weinen sehen", als Leiris ihm das Unfassbare zu erklären versucht. Dass seine Mama am allerliebsten bei ihm sein würde, aber das nie wieder sein kann. Sie haben beide ihren Leitstern verloren, nur das zählt.

"Es hätte auch ein Verkehrsrowdy sein können, der zu spät gebremst hätte, ein Tumor, der ein bisschen bösartiger gewesen wäre als andere, oder eine Atombombe. Entscheidend ist, dass sie nicht mehr da ist. Die Waffen, die Kugeln, die Gewalt - das ist nur Kulisse für die Szene, die sich eigentlich abspielt. Ihr Fehlen."

Kein Held, nur ein Trauernder

Dieses Fehlen ist brutal, wenn er seinen Sohn weckt, ihm Essen macht, ihn badet, ihm die Fingernägel schneidet, mit ihm spazierengeht. Es gibt keinen Moment, an dem Vater und Sohn Hélène nicht schrecklich vermissen. Aber die Sonne geht weiter auf. Der Stromableser kommt. Antoine Leiris muss entscheiden, in welchen Kleidern seine Frau beerdigt werden soll. Sie wird schließlich in dem feinen Tüllrock begraben, den sie trug, als sie Antoine das erste Mal küsste. Das war damals, als Leiris noch dachte, dass sie jemanden wie ihn nicht würde haben wollen. Als Hélène starb, waren sie zwölf Jahre verheiratet.

Der Briefkasten quillt über mit Briefen und Geschenken aus aller Welt, die Leiris nicht lesen und nicht haben will. Die Krippenmütter schicken ihm Tupperdosen mit püriertem Gemüse für Melvil mit, "Essen, das nach Mutterliebe schmeckt" und das der Eineinhalbjährige verschmäht. Leiris trifft den Freund, in dessen Armen Hélène starb. Aber er bleibt ein Mann, der seine Geliebte und die Mutter seines Kindes verloren hat, kein Terroropfer. Und manchmal fragt er sich, ob er auch zornig sein darf, ungerecht, überfordert und ängstlich, ob er irgendwann wieder eine Frau lieben können wird, ob er falsch entscheiden darf und irren. Viele sehen in ihm einen Helden, doch aus seiner Sicht hat einfach nur das Schicksal zugeschlagen, ohne ihn zu fragen.

Am Ende schreibt er in dem schmalen Band, das in Frankreich längst ein Bestseller ist und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde: "Wir werden nie in unser Leben von vorher zurückkehren. Aber wir werden uns kein Leben gegen diese Menschen aufbauen. Wir werden mit unserem eigenen Leben weitermachen."

"Meinen Hass bekommt ihr nicht" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema