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Zwischen James Bond und DDR Flix bringt Spirou gekonnt nach Berlin

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Action an der Mauer: die Coverzeichnung von "Spirou in Berlin".

(Foto: Flix / Carlsen Verlag 2018)

Erstmals überhaupt zeichnet ein Deutscher einen der großen franko-belgischen Comic-Klassiker: Mit "Spirou in Berlin" gelingt Flix eine Gratwanderung zwischen Action, Humor und DDR-Diktatur. Auch grafisch ist das eine Augenweide.

In der Ruhmeshalle des franko-belgischen Comics nimmt "Spirou" einen Sonderplatz ein. Die Figur mit der roten Uniform eines Hotelpagen gehört neben "Tim und Struppi", "Asterix" und "Lucky Luke" zu den großen Klassikern der Kunstform. Das vielleicht schönste Geschenk zum diesjährigen 80. Geburtstag kommt aber weder aus Spirous Heimat Belgien noch aus dem benachbarten Frankreich, sondern aus Deutschland.

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Spirou und Fantasio reisen in die DDR, allerdings nicht mit dem Trabant.

(Foto: Flix / Carlsen Verlag 2018)

Erstmals gestaltet mit Flix ein deutscher Künstler ein Album der Reihe "Spirou und Fantasio". Und erstmals besuchen die beiden Figuren Deutschland. "Spirou in Berlin" erscheint in der Spezial-Reihe, in der Künstler Einzelalben vorlegen, die grafisch und erzählerisch von der Hauptserie abweichen dürfen. Die Zutaten sind indes dieselben: Abenteuer und Humor, gewürzt mit Action und Fantasy. Wobei Autor und Zeichner Flix dem auch noch eine nachdenkliche Seite hinzufügt, denn er schickt die beiden Helden ins Ost-Berlin des Sommers 1989.

Dorthin hat die Stasi einen guten Freund Spirous entführt, den Grafen von Rummelsdorf. Um diesen zu befreien, schleichen sich Spirou und Fantasio über die Grenze, die Berlin teilt. Doch schnell geraten sie ins Visier der Stasi. Auf der Flucht kommt ihnen zum Glück Momo zu Hilfe, die Mitglied einer Friedensgruppe ist. Die junge Frau bringt sie auch auf die Spur eines ungeheuerlichen Plans, mit dem ein altbekannter Gegenspieler der Titelhelden die DDR vor der Pleite bewahren will.

James Bond und "Das Leben der Anderen"

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Spirou liefert sich eine Verfolgungsjagd mit der Stasi.

(Foto: Flix / Carlsen Verlag 2018)

Ein lustiges, actionreiches Abenteuer ist "Spirou in Berlin", das jedoch nicht davor zurückschreckt, auch die Realität der DDR-Diktatur zu zeigen: Bespitzelung und Einschüchterung, Gewalt und sogar Folter. Diesen Spagat nennt Flix im Gespräch mit n-tv.de eine der großen Herausforderungen des Albums: "Wie erzähle ich von der DDR, ohne zu verschweigen, was für ein Staat das war, bewahre aber gleichzeitig den Charakter der Serie?"

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Flix.

Flix tat es, indem er seine Arbeit unter ein Motto stellte: "James Bond trifft 'Das Leben der Anderen'." Also Abenteuer wie in einem Spionagethriller, mit einem größenwahnsinnigen Superschurken, gepaart mit der Darstellung der Bedrohung durch die Stasi, wie sie der Oscar-prämierte Film zeigt. "Mir war wichtig, diese Bedrohung in der DDR nicht wegzuwitzeln, sondern sie zu zeigen", sagt Flix. Und so landet Fantasio auch irgendwann im Stasi-Knast. Brutal ist das Album deshalb nicht, das würde auch gar nicht zu der Reihe passen, aber es erhält eine realistische Note.

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Ungeheuerliches geht im Untergrund von Ost-Berlin vor.

(Foto: Flix / Carlsen Verlag 2018)

Neuland betritt Flix damit freilich nicht. Émile Bravo hat Spirou in seinem Band "Porträt des Helden als junger Tor" auch schon mit einer historischen Realität konfrontiert: den Beginn des Zweiten Weltkriegs. In dessen Tradition steht "Spirou in Berlin", auch wenn der Deutsche anders als Bravo seine Geschichte mit mehr Humor, sehr viel Action und in leuchtenden Farben erzählt.

Über die Farbgebung zeigt Flix auch seine Sicht auf die DDR. In einer gelungenen Parallelmontage wechselt er zwischen Szenen im Stasi-Knast, die entsättigt und grau gestaltet sind, und Momos Garten, der in sattem Grün und Gelb leuchtet. "Es gab auch in der DDR Menschen, die sich frei gefühlt haben, so wie es Menschen gab, die sich gefangen gefühlt haben", erklärt Flix. Diese Widersprüchlichkeit im DDR-Alltag thematisiert er immer wieder und bricht damit das Klischee vom grauen Osten. So wird auch Momo, die junge Frau aus Ost-Berlin, zur eigentlichen Heldin des Albums. Flix setzt mit ihr einen Kontrapunkt zur männlich dominierten Riege des "Spirou"-Universums (und vieler anderer Comicserien).

Eine grafische Spielwiese

Erzählerisch bezieht die Geschichte ihre Kraft aus diesen Gegensätzen und natürlich aus der Darstellung der DDR und dem Schauplatz Berlin, was vor allem deutsche Leserinnen und Leser ansprechen dürfte. Doch Flix löst auch den "James Bond"-Teil seines Mottos ein, indem er seine Figuren in eine flotte Verfolgungsjagd durch Berlin schickt, die nur am Ende etwas holprig wirkt. Indem er dann auch noch den aus früheren "Spirou"-Alben bekannten Zantafio auftreten lässt, verhindert er, dass die Geschichte allzu realistisch wird. So hält er das Gleichgewicht zwischen buntem Abenteuer und DDR-Geschichte, die natürlich keine historisch korrekte Abhandlung sein will.

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Auch grafisch muss sich "Spirou in Berlin" nicht hinter anderen Bänden der Reihe verstecken. Im Gegenteil: Flix' flotter Stil, der viel Wert auf Slapstick und körperlichen Humor legt, passt perfekt zu einem Semi-Funny wie "Spirou und Fantasio". Seine Zeichnungen sind zwar reduzierter und erreichen nicht die zwingende Dynamik eines André Franquin, des bekanntesten Spirou-Zeichners, doch das Gesamtbild mit architektonischen Hintergründen und Detailreichtum passt. Gerade in diesen Details zeigt sich auch Flix' Humor, der etliche popkulturelle Anspielungen versteckt hat: von den Abrafaxen und Mawils "Kinderland" über David Bowie und Iggy Pop bis zu "Das Leben der Anderen" und "Shining".

Als Spielwiese nutzt Flix auch die Seitenarchitektur. Im Verlauf der Geschichte bricht er die gewohnte Bildstruktur immer wieder auf und zeigt sich dabei moderner als so manch französischer Kollege. So erinnert etwa die Gestaltung von Fantasios Sightseeing-Tour durch Ost-Berlin an die Vorderseite einer Postkarte und das labyrinthische Entlüftungssystem des Palasthotels schlängelt sich über die Seite.

Flix' zeichnerische Leichtigkeit verhindert natürlich auch, dass die Geschichte zu schwer rüberkommt. "Spirou in Berlin" will ja kein reiner DDR-Comic sein. So dürften auch diejenigen auf ihre Kosten kommen, die die DDR nurmehr aus den Erzählungen von Eltern oder Großeltern kennen. Gleiches gilt übrigens für jene, die mit dem "Spirou"-Universum nicht vertraut sind. Vorwissen ist eigentlich nicht nötig. Auch das macht den Band zum perfekten Einstieg in einen franko-belgischen Comic-Klassiker.

Die Buchpremiere findet Ende August in Hamburg und Berlin statt, anschließend geht Flix im September und Oktober auf Tour.

Quelle: n-tv.de

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