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Lothar Dräger prägte über Jahrzehnte das "Mosaik": Hier mit dem ersten Heft der Abrafaxe (r.) und der 400. Ausgabe.
Lothar Dräger prägte über Jahrzehnte das "Mosaik": Hier mit dem ersten Heft der Abrafaxe (r.) und der 400. Ausgabe.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Donnerstag, 18. August 2016

Comicautor Lothar Dräger: "Vater der Abrafaxe" ist tot

Von Markus Lippold

Er legte nicht nur den Digedags und Ritter Runkel die Worte in den Mund. Er ersann auch die DDR-Comicfiguren Abrafaxe, die bis heute durch die Welt ziehen. Nun ist Lothar Dräger gestorben.

Lange stand er im Schatten von Hannes Hegen, dessen Name auf dem Titel des "Mosaiks" prangte. Doch Lothar Dräger leistete einen entscheidenden Beitrag zum großen Erfolg des berühmten DDR-Comicheftes: Zusammen mit Hegen ersann er die Abenteuer der Digedags und schrieb die Texte für Ritter Runkel und andere Helden. Schließlich schuf er 1975 auch die neuen Hauptfiguren der Hefte: die Abrafaxe, die bis heute monatlich Abenteuer in aller Welt erleben. Nun ist Dräger gestorben, wie der "Mosaik"-Verlag Steinchen für Steinchen n-tv.de bestätigte. Er starb demnach bereits am 9. Juli im Alter von 89 Jahren in Potsdam.

Bevor er für das "Mosaik" arbeitete, studierte Dräger Gesang und trat etwa in Nordhausen und Potsdam auf.
Bevor er für das "Mosaik" arbeitete, studierte Dräger Gesang und trat etwa in Nordhausen und Potsdam auf.(Foto: Dräger / MOSAIK Steinchen für Steinchen Verlag)

Dräger wurde 1927 in der Nähe von Stettin in Vorpommern geboren. Nach einem Gesangsstudium in Berlin wechselte er 1957 den Beruf: Durch Zufall kam er zum gerade erst gegründeten Comicheft "Mosaik" von Hannes Hegen, das von SED-Funktionären als Antwort auf westliche Comics gegründet worden war. Dort arbeitete er als Ideengeber und Texter für die Abenteuer der Digedags, die sich in der DDR und darüber hinaus schnell zum großen Erfolg entwickelten.

Liebe zur Literatur - und zu Karl May

Zunächst entwickelte Dräger einzelne Gags für das Heft. Doch sein Anteil an der Entstehung der Geschichten wuchs beständig. Zugute kam ihm dabei seine bürgerlich-humanistische Bildung, seine Liebe zur Literatur, aber auch zu Abenteuerserien und Romanheften von Autoren wie Karl May, die er seit seiner Kindheit verschlang. Inspiriert davon - Dräger versteckte nicht selten Anspielungen auf May und Literaturklassiker im "Mosaik" - und ausgestattet mit einem großen Allgemeinwissen übernahm er schon bald große Teile der Hintergrundrecherchen und Textgestaltung des Heftes, das sich unter Hegen trotz ideologischen Drucks von FDJ und SED stets seinen eigenen Ton bewahren konnte.

Ihre Abenteuer führten die Digedags dabei bis ins Alte Rom, nach Amerika und ins Weltall - in der in den 60ern entstandenen Reihe wird der Wettlauf zu den Sternen zwischen den Blöcken des Kalten Krieges spürbar. Auch an der Entstehung einer der berühmtesten "Mosaik"-Figuren war Dräger beteiligt: Ritter Runkel, der mit den Digedags bis in den mittelalterlichen Nahen Osten reiste. Dräger schrieb die berühmten Verse und Ritterregeln, die die Abenteuer begleiteten.

Nachdem Hegen 1975 mit dem FDJ-Verlag Junge Welt gebrochen hatte und das "Mosaik" verließ, endeten auch die Abenteuer der Digedags. Dräger avancierte daraufhin zum künstlerischen Leiter des Heftes. Er schuf auch die neuen Protagonisten des "Mosaik": die drei Abrafaxe Abrax, Brabax und Califax, deren zeichnerische Gestaltung Lona Rietschel übernahm. Bis heute erscheinen sie monatlich in mittlerweile fast 500 Heften.

Weiterhin übernahm Dräger die Entwicklung und Ausarbeitung der Geschichten sowie die Grobgestaltung der Comicseiten. Unter seiner Ägide reisten die Abrafaxe etwa ins Venedig des 17. Jahrhunderts, erlebten den Spanischen Erbfolgekrieg um 1700 und gingen mit Rittern auf Kreuzzüge. Zudem bereisten sie Indien, Zentralasien und den Fernen Osten. Die Leser hielten trotz des Abgangs der geliebten Digedags dem Heft die Treue. Die Auflage überstieg Mitte der 80er Jahre die Millionengrenze, auch wenn die Qualität der Geschichten mit der Zeit abnahm.

Im Austausch mit den Fans

1990, auch im Zeichen der Wende und der wirtschaftlich unsicheren Zukunft des "Mosaik", ging Dräger in den Ruhestand. Doch er blieb aktiv: Nicht nur trat er regelmäßig im Chor der Staatsoper unter den Linden auf, er beschäftigte sich auch weiterhin mit dem "Mosaik"-Universum.

Vielen Lesern wurde Dräger sogar erst nach der Wende bekannt, weil die Künstler lange unter dem Begriff "Mosaik"-Kollektiv zusammengefasst waren. So trat Dräger immer wieder auf Veranstaltungen des "Mosaiks" auf und stand seinen Fans unermüdlich Rede und Antwort. Dadurch gelang es ihm auch, aus dem Schatten von Hegen zu treten.

Mittlerweile ist Drägers großer künstlerischer Beitrag zum "Mosaik" unbestritten. Zwar hatte der 2014 gestorbene Hegen die Digedags erfunden und das "Mosaik" begründet, doch ohne Drägers Zutun, seine Ideen und vielseitigen schriftstellerischen Fähigkeiten wären sie wahrscheinlich kein so großer Erfolg geworden. Schon gar nicht hätten sie diese künstlerische Qualität erreicht. Das merkte man nicht zuletzt an Drägers letzten Werken: Zwischen 2002 und 2012 veröffentlichte er insgesamt vier Romane, in denen er die Abenteuer von Ritter Runkel weitersponn.

Quelle: n-tv.de