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 "Tatort" aus Dortmund Die Stille nach dem Kuss

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Waren zehn Jahre lang ein Dreamteam: Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt).

(Foto: WDR / Bavaria Fiction GmbH / Thomas Kost)

Spätestens als Faber und Bönisch einander ganz nah kommen, wird klar: Hier passiert etwas Außergewöhnliches. Wie extrem das allerdings werden würde, war kaum zu ahnen. Oder doch? "Liebe mich!" endet auf schockierende Weise.

Man kennt dieses Gefühl aus Kino und TV, dieses unterschwellige Brodeln, dass das Schicksal demnächst zuschlagen könnte, gerade dann, wenn es doch eigentlich so hoffnungsvoll aussieht: Wenn der Held beim Verlassen des Hauses seinen Sohn oder seine Tochter noch einmal ganz besonders innig umarmt, ihm womöglich noch eine universelle Lebensweisheit mit auf den Weg gibt. Oder wenn sie ihm, der da verloren am Gleis steht, beim Abfahren des Zuges aus dem offenen Abteilfenster noch einmal zuwinkt, durch den Lärm hindurch, den Dampf der Räder, die drei magischen Worte zuruft, er sie womöglich nicht einmal versteht, ein paar Meter neben dem Waggon herläuft, bis er nicht mehr kann, sie winkend, mit Tränen in den Augen.

Oder wenn Kommissar und Kommissarin, die sich seit einer Dekade beharken, aneinandergeraten, streiten, sich versöhnen, flirten, sich annähern, auseinanderdriften, sich plötzlich … dann doch noch, tatsächlich, wahrhaftig, ganz ohne jede Ironie küssen. Dann überkommt einen als TV-Zuschauer tief in der Magengrube dieses Gefühl: Das kann jetzt nicht gut gehen. Tut es auch diesmal nicht und dennoch: So heftig, wie das Schicksal am Ende dieser Dortmunder "Tatort"-Folge zuschlägt, konnte es wohl auch der größte Filmexperte kaum erahnen.

Am 23. September 2012 sind Peter Faber, gespielt von Jörg Hartmann, und Martina Bönisch, gespielt von Anna Schudt, in Dortmund an den Start gegangen, "Alter Ego" war der Titel ihrer ersten gemeinsamen "Tatort"-Folge. Von Anfang an war Dampf unterm Kessel. Faber, ein zerrütteter Typ, der Frau und Tochter bei einem als Verkehrsunfall getarnten Mordanschlag verloren hatte. Bönisch, unglücklich verheiratet, mal die toughe Kommissarin, dann die wankelmütige Kollegin. Ihr Mann verlässt sie schließlich, sie wendet sich einem Callboy zu, später bändelt sie mit einem Typen von der KTU an.

Geht das gut?

Immer mal wieder rasseln Faber und Bönisch aneinander, bekommen sich in die Haare, sprechen sich aus, werfen sich gegenseitig mal Steinchen ins Getriebe, stehen dann wieder füreinander ein. Das Gefühl, bei den beiden könnte, müsste, sollte doch endlich mal was laufen, ist nie so ganz von der Hand zu weisen. Besonders intensiv wird es, wenn sie in Rollenspielen die Motive des Täters, der Täterin ergründen, einen Mord nachempfinden, intensiv bis an den Abgrund.

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Noch vor Kurzem sagte Bönisch-Darstellerin Anna Schudt in einem Interview, aussteigen wolle sie nicht.

(Foto: WDR / Bavaria Fiction GmbH / Thomas Kost)

Auch in "Liebe mich!" gibt es wieder eines dieser Aufstellungsszenarien, wieder wird es hochspannend, später dann überbrücken Faber und Bönisch tatsächlich auch noch den letzten Millimeter und versinken in einem Kuss, erst etwas zögerlich, dann zunehmend leidenschaftlich. Leise beginnt da das Grummeln in der Magengrube. Geht das gut? Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Ansichtsversion diesmal nicht, wie sonst üblich, über die Presselounge der ARD zu bekommen war, sondern erst auf gesonderte Anfrage beim WDR, verbunden mit der dringlichen Bitte, in der Vorabberichterstattung auf jegliches Spoilern zu verzichten. Es würde hier etwas passieren, das für den weiteren Verlauf der Dortmunder "Tatort"-Filiale von essenzieller Tragweite sei.

Erinnerungen an Charly Hübner

Kurz erinnerte das an Charly Hübners Abschied vom "Polizeiruf 110", als jüngst die letzte Viertelstunde der allerletzten Folge mit Bukow/Hübner als Verschlusssache behandelt wurde. Der machte sich dann relativ unspektakulär vom Acker. In Dortmund würde das nicht so glimpflich abgehen, das war klar. Umso irritierender, dass man gen Ende mit dem Tod Rosa Herzogs (Stefanie Reinsperger) rechnete, die der Killer vom Bestattungsinstitut erst entführt, dann malträtiert und schließlich in einen Sarg samt Plastikfolie verpackt hatte.

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Aber nichts da: Am Ende fällt aus der Waffe von dessen Schwester Julia (Marlina Mitterhofer) ein Schuss - und trifft Martina Bönisch in die Magengegend. Faber versucht noch, sie am Leben zu halten, der Krankenwagen sei doch gleich da, aber es hilft nichts mehr, jegliche Hilfe wird zu spät kommen. Bönischs Kopf sinkt zur Seite. Exitus. Over und Aus. Was für ein Knalleffekt, was für ein Abgang, ein überraschende, mörderische Pointe. Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde Anna Schudt in einem Interview nach ihrem Verhältnis zur Dauerrolle verhört. Ob sie einen Ausstieg plane, wurde gefragt. Schudt verneinte. Kommissar Faber und Martina Bönisch seien "noch nicht miteinander fertig", sie höre "überall Neugierde, wie es mit den beiden wohl weitergeht".

Tja, so schnell kann es manchmal gehen, so überraschend und eigentlich aus dem Nichts. Ein Kuss. Und Schluss. Wie es für Faber weitergeht, scheint mehr als fraglich. Die Schlussszene mit ihm an der Seite der toten Bönisch lässt nichts Gutes erahnen. Aber wer weiß, vielleicht überrascht uns Faber ja beim nächsten Mal. Bis dahin aber ist in Dortmund erst einmal halbmast geflaggt.

Quelle: ntv.de

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