Politik

Der Kriegstag im Überblick Tote bei Beschuss von Einkaufszentrum - G7-Staaten wollen Ölpreis deckeln

Im Osten der Ukraine toben rund um die Stadt Lyssytschansk weiterhin heftige Kämpfe, besonders schwer getroffen wird an diesem Tag jedoch ein Einkaufszentrum in Krementschuk, abseits der Front. Die G7-Staaten wollen mit weiteren Sanktionen, die USA zusätzlich mit Waffenlieferungen, weiter Druck auf den Kreml machen. Die EU verabschiedet Vorgaben zu den Füllständen ihrer Gasspeicher. Aus Russland gibt es heute einige Dementis, aber auch eine wichtige Zusage. Der 123. Kriegstag im Überblick:

Lyssytschansk noch nicht eingekesselt

Das ukrainische Militär schlägt nach eigenen Angaben westlich von Lyssytschansk russische Angriffe zurück und verhindert damit eine Einkesselung der strategisch wichtigen Großstadt im Osten der Ukraine. "Nahe Werchnjokamjanka haben die Verteidigungskräfte dem Feind erhebliche Verluste zugefügt und ihn zum Rückzug gezwungen", teilt der ukrainische Generalstab mit. Werchnjokamjanka liegt nur wenige Kilometer westlich von Lyssytschansk an der letzten wichtigen Versorgungsstraße für die Stadt. Russische Einheiten stehen im Süden bereits am Stadtrand von Lyssytschansk. In der Stadt sollen noch mehrere Tausend ukrainische Soldaten stationiert sein. Die in der Stadt verbliebenen Zivilisten sollen nach eindringlichem Werben der ukrainischen Behörden die Stadt verlassen. "Die Situation in der Stadt ist sehr schwierig", schreibt der Gouverneur der ostukrainischen Region Luhansk, Serhij Hajdaj, bei Telegram.

Ukraine vermeldet 35.000 tote russische Soldaten

Die ukrainische Armee beziffert die russischen Verluste seit Beginn des Krieges auf 35.000 getötete Soldaten. Außerdem wurden dem Bericht zufolge 1552 Panzer und 217 Flugzeuge zerstört, ebenso wie 14 Schiffe und 2575 weitere Fahrzeuge und Kraftstofftanks. Internationale Beobachter und westliche Experten schätzen die Zahlen für Russland weniger dramatisch ein. Allerdings setzt Russland mittlerweile nach Einschätzung Großbritanniens vornehmlich auf Reservisten. Mit Veteranen, die in den vergangenen fünf Jahren gedient hätten, würden zudem die Bataillone aufgefüllt. "Trotz eines andauernden Mangels an einsatzfähigen Reservisten für die Ukraine wird die russische Führung wahrscheinlich weiter zögern, eine allgemeine Mobilisierung anzuordnen", heißt es.

Zahlreiche Tote bei Angriff auf ukrainisches Einkaufszentrum

In der Stadt Krementschuk wurde am Nachmittag ein belebtes Einkaufszentrum offenbar von russischen Raketen getroffen, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte. Über Tausend Menschen seien in dem Gebäude gewesen. Es soll nach Angaben des Gouverneurs der Region Poltawa, Dmytro Lunin, mindestens 10 Tote und 40 Verletzte geben. Russland äußerte sich nicht zum Vorwurf, das zivile Ziel angegriffen zu haben. Allerdings stritt der Kreml ab, für den Beschuss des Wohngebäudes in Kiew am Vortag verantwortlich zu sein. Angeblich habe ein ukrainisches Raketensystem irrtümlich eine von der Ukraine abgefeuerte Rakete abgeschossen, die dann auf das Haus gefallen sei. Die Angaben des Kreml lassen sich nicht überprüfen.

Doch nur ein Bluff mit Schoigu?

Eine andere Behauptung Russlands könnte dagegen eine Ente sein. Am Sonntag berichteten russische Medien, dass Verteidigungsminister Sergej Schoigu die russischen Truppen in den besetzten Gebieten in der Ukraine besucht habe. Ein ukrainischer Journalist behauptet dagegen, dass Schoigu stattdessen mit seinen Generälen im russischen Belgorod zusammentraf, wo sie "anschauliche Berichte über die Durchführung von Kampfhandlungen" erhielten. Das berichtete der Nachrichtenkanal Nexta.

NATO will schnelle Eingreiftruppe massiv verstärken

In Reaktion auf den russischen Angriffskrieg will die NATO will die Zahl ihrer schnellen Eingreifkräfte auf mehr als 300.000 erhöhen. Das kündigt Generalsekretär Jens Stoltenberg vor dem Gipfeltreffen der 30 Mitgliedstaaten in Madrid an. Bislang umfasst die NATO-Eingreiftruppe NRF rund 40.000 Soldaten.

Selenskyj will Kriegsende bis zum Winter

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bat die G7-Staats- und Regierungschefs laut einem Diplomaten um umfassende Hilfe im Verteidigungskrieg gegen Russland. In einem per Video-Schalte geführten Gespräch habe Selenskyj die Gipfelteilnehmer auf Schloss Elmau gebeten, Luftabwehrsysteme zu liefern. Zudem sollten die sieben führenden westlichen Industriestaaten für weitere Sanktionen gegen Russland sorgen, der Ukraine beim Export von Getreide helfen und dem Land finanzielle Hilfe zum Wiederaufbau zur Verfügung stellen. Zudem sei es Selenskyjs Ziel, den Krieg bis zum Winter zu beenden. Das berichteten zwei europäische Diplomaten.

G7 will Ölpreis deckeln, hadert aber noch beim Gold-Boykott

Am Vortag hatten vier der sieben Staaten - die USA, Kanada, Japan und Großbritannien sich bereits auf ein Importverbot russischen Golds verständigt. Olaf Scholz sagte, dass dieses Vorhaben noch innerhalb der EU debattiert werden müsse. Bisher gab es unter den G7 dazu daher noch keine endgültige Einigung. Einig sind sich die Vertreter der sieben großen Wirtschaftsnationen dagegen darin, dass die Einnahmen Russlands aus Rohstoffverkäufen reduziert werden sollen. Dabei helfen könne ein Preisdeckel für Öl. Dessen Verabschiedung stünde laut einem US-Offiziellen kurz bevor. Zudem wolle die US-Regierung ein Bündel nationaler Sanktionen sowohl gegen den russischen Verteidigungssektor als auch Firmen weltweit beschließen, die bestehende westliche Sanktionen gegen Russland unterlaufen. Es sollen zudem Firmen gelistet werden, die künftig keine US-Technologie mehr kaufen dürfen, teilt das Weiße Haus mit.

Putin nimmt Einladung zum G20-Gipfel an

Auch wenn der G7-Gipfel noch läuft, wirft bereits das G20-Treffen im Herbst in Indonesien seine Schatten voraus. Das liegt daran, dass der russische Präsident Wladimir Putin der Einladung gefolgt ist, und sein Kommen ankündigte. Sein außenpolitischer Berater Juri Uschakow sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge: "Ja, wir haben bestätigt, dass unsere Teilnahme vorgesehen ist". Offen ist noch, ob Putin persönlich zum Gipfel reist oder per Video zugeschaltet wird.

USA wollen Ukraine Luftabwehrsystem liefern

In Sachen Waffenlieferungen gibt es positive Kunde für die Ukraine: Washington will der Ukraine ein modernes Waffensystem zur Luftverteidigung liefern. "Ich kann bestätigen, dass wir in der Tat dabei sind, ein Paket festzuzurren, das fortschrittliche Luftverteidigungsfähigkeiten beinhaltet", sagt der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Rande des G7-Gipfels. CNN berichtete, es handele sich um ein Boden-Luft-Raketenabwehrsystem der Rüstungskonzerne Kongsberg (Norwegen) und Raytheon (USA) mit der Bezeichnung Nasams.

Deutsche Panzerhaubitzen bereits im Einsatz

Die lang ersehnten Panzerhaubitzen 2000 aus Deutschland und den Niederlanden sollen nach ukrainischen Angaben dagegen im Osten des Landes bereits im Einsatz sein. Dies berichtete unter anderem der Nachrichtenkanal Nexta. Die Ukraine hat bisher sieben Panzerhaubitzen 2000 aus Deutschland erhalten sowie fünf der Waffensysteme aus den Niederlanden. Aus Kiew war erklärt worden, dass man mit insgesamt 18 Haubitzen - also sechs weiteren Modellen - ein komplettes ukrainisches Artilleriebataillon ausrüsten könne.

EU-Staaten einigen sich auf Vorgabe für Gasspeicher

Die Energieminister der EU-Länder einigen sich auf eine Vorgabe zum Auffüllen der Gasspeicher in der EU zu 80 Prozent bis zum kommenden Winter. Damit solle sichergestellt werden, "dass die Gasspeicherkapazitäten in der EU trotz der Störungen auf dem Gasmarkt vor dem Winter aufgefüllt werden", teilen die Mitgliedstaaten in Luxemburg mit. Mitte Mai hatten sich Vertreter der Staaten und des Europaparlaments bereits informell darauf geeinigt. Laut der Vorgabe sollen die nationalen Gasspeicher in den EU-Ländern zum 1. November vorsorglich zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein, in den Folgewintern sind es 90 Prozent.

Russland streitet Zahlungsausfall ab

Die russische Regierung bestreitet, erstmals seit mehr als einem Jahrhundert mit dem Begleichen ihrer Auslandsschulden in Verzug geraten zu sein. In einem Telefonat mit Reportern sagt Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow, Russland habe die im Mai fälligen Anleihezahlungen geleistet. Die Tatsache, dass sie vom Clearinghaus Euroclear wegen der westlichen Sanktionen gegen Russland blockiert worden seien, sei "nicht unser Problem". Nach dem Ablauf der Zahlungs- und Schonfrist am Sonntagabend beklagten mehrere taiwanische Investoren, bislang keine der vereinbarten Zinszahlungen für ihre russischen Staatsanleihen erhalten zu haben, wie zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten.

Weitere wichtige Artikel zum Ukraine-Krieg:

Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, als/dpa/AFP/rts

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen