Wirtschaft

"Nicht unser Problem" Warum dem Kreml die Pleite egal ist

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Ist der Ruf erst ruiniert...

(Foto: AP)

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Russland kann ausländische Gläubiger nicht bezahlen und schlittert damit in die Zahlungsunfähigkeit. Doch die Finanzmärkte reagieren gelassen. Auch die russische Regierung gibt sich entspannt.

Es ist unklar, ob Russland bereits technisch pleite ist oder erst heute Abend. Fest steht aber: Zunächst ändert sich nichts.

Russland ist zwar erstmals seit mehr als einem Jahrhundert mit dem Begleichen von Auslandsschulden in Verzug geraten. Das liegt aber nicht daran, dass der Regierung das Geld ausgegangen ist. Das Land kann fällige Zinszahlungen deshalb nicht leisten, weil es vom globalen Finanzsystem weitgehend isoliert ist. Das führt dazu, dass die russische Regierung das Geld nicht an die ausländischen Gläubiger überweisen kann, obwohl es zur Verfügung steht.

Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow sagte, Russland habe die fälligen Anleihezahlungen geleistet. Die Tatsache, dass sie vom Clearinghaus Euroclear wegen der westlichen Sanktionen nicht an die Banken weitergeleitet worden seien, sei "nicht unser Problem".

Der Hintergrund: Ende Mai musste Russland fällige Zinsen auf zwei Staatsanleihen in Auslandswährung zahlen - 29 Millionen Euro und 71 Millionen Dollar. Doch aufgrund der wegen des Überfalls auf die Ukraine verhängten Sanktionen war Russland dazu nicht in der Lage. Nun läuft die übliche 30 Tage dauernde Schonfrist aus. Juristen sind sich uneins darüber, ob das am Sonntagabend der Fall war oder erst am Montagabend eintritt.

Im Prinzip ist Russland zwar technisch zahlungsunfähig, da Gläubiger ihr Geld nicht bekommen haben. Doch unmittelbare Konsequenzen hat das nicht. Derzeit sieht es sogar danach aus, dass es zu weiteren Ausfällen kommen wird. Denn Präsident Wladimir Putin hat ein Dekret unterzeichnet, demzufolge das Land fällige Zahlungen in Rubel und nicht in Euro oder Dollar leisten darf. Das widerspricht allerdings den Vertragsbedingungen vieler Anleihen und würde jedes Mal wieder einen Zahlungsausfall bedeuten. Dem Kreml dürfte das aber egal sein.

Das liegt daran, dass Russland ohnehin bereits weitgehend vom globalen Finanzmarkt ausgeschlossen ist. Technische Zahlungsausfälle verkomplizieren die Lage für den Kreml also nicht. Auf mittlere Sicht dürfte es für Russlands teurer werden, an den Kapitalmarkt zurückzukehren und sich zu verschulden. Doch eine Rückkehr ist derzeit sowieso nicht absehbar - unabhängig davon, ob Russland seine Schulden bedient oder nicht.

Gläubiger müssen auf ihr Geld warten

Hinzu kommt: Russland ist im internationalen Vergleich nur wenig verschuldet. Das Verhältnis von Gesamtschulden zu Wirtschaftsleistung beträgt derzeit etwa zwanzig Prozent. Die - zum Teil blockierten - Devisenreserven durch die russische Zentralbank dürften derzeit knapp 600 Milliarden Dollar betragen. Außerdem liegt ein nur geringer Teil der Staatsschulden in den Händen ausländischer Gläubiger. Sie halten etwa die Hälfte der russischen Staatsanleihen, die in ausländischer Währung ausgegeben worden sind und insgesamt ein Volumen von 40 Milliarden Dollar haben. Für die Größe der russischen Wirtschaftsleistung ist das gering.

Vor diesem Hintergrund reagiert der Finanzmarkt auf den ersten Zahlungsausfall auf Auslandsschulden seit der Russischen Revolution völlig gelassen. Seit Wochen war klar, dass es irgendwann dazu kommen wird. Die Pleite wird daher als Formalität eingeordnet.

Die westlichen Gläubiger Russlands müssen nun entscheiden, wie sie weiter vorgehen. Eine Möglichkeit ist, dass sich mindestens 25 Prozent der betroffenen Investoren zusammenschließen und einen formellen Zahlungsausfall feststellen lassen und fordern, sofort ihr Geld zu bekommen. Das könnte dazu führen, dass alle russischen Auslandsschulden als notleidend gelten. Doch auch dann würden die Gläubiger aufgrund der Sanktionen ihr Geld nicht bekommen.

Die Investoren könnten auch versuchen, russischen Staatsbesitz im Ausland pfänden zu lassen - so wie es etwa Hedgefonds mit dem Schulschiff der argentinischen Kriegsmarine machten, das in Ghana festgesetzt wurde. Doch selbst wenn Investoren das gelänge, hätten sie wenig erreicht. Denn die westlichen Sanktionen dürften es ihnen sehr schwer machen, russische Vermögenswerte zu verkaufen.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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