Fußball

FCB-BVB bietet immer Spektakel Als Kahn den BVB in die Halsschlagader biss

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Zärtlich knabbert Kahn an Herrlich - der das selbstverständlich anders empfand.

(Foto: imago images/Team 2)

An diesem Samstag sollte das Spitzenspiel der Saison 2019/20 zwischen Borussia Dortmund und Bayern München stattfinden. Weil aber wegen der Coronavirus-Pandemie nicht gespielt wird, erinnert sich ntv.de an kuriose Momente des ewigen Duells.

Borussia Dortmund gegen den FC Bayern. BVB gegen FCB. Schwarz-Gelb gegen Rot. Ein Duell, das schon immer elektrisiert und bei dem es immer zur Sache ging. Das Spitzenspiel des vergangenen Jahrzehnts. Dessen zehn Meisterschaften haben die beiden Mannschaften unter sich ausgemacht. In den Aufeinandertreffen, die mittlerweile in Anlehnung an das Rivalen-Duell zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid der deutsche Clásico getauft wurden, gab es eine Reihe von besonderen Momenten, kuriosen Szenen und wunderschönen Toren.

Oliver Kahn knabbert an Heiko Herrlich

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Kahn tritt auch noch beinahe Chapuisat um.

(Foto: imago sportfotodienst)

24. Spieltag der Saison 1998/99. Der Rekordmeister aus München führt die Bundesliga-Tabelle praktisch uneinholbar mit 14 Punkten vor dem 1. FC Kaiserslautern an. Dortmund folgt sechs weitere Punkte dahinter auf Platz vier. Eigentlich dürften beim Duell der beiden Schwergewichte die Gemüter diesmal ruhig bleiben. Eigentlich. Denn im Tor des FC Bayern steht Oliver Kahn. Aber zum Anfang: Der abgeschlagene BVB dominiert das Geschehen, spielt den FCB an die Wand und führt durch zwei Tore von Heiko Herrlich bereits nach 31 Minuten mit 2:0. Sammy Kuffour holt sich auch noch die Rote Karte ab nach einem fiesen Tritt gegen Lars Ricken. "Wie von einem Betonmischer durchgeschüttelt wurde der Tabellenführer", schrieb der "Kicker" damals. So etwas gefällt keinem Torhüter der Welt, aber am wenigsten natürlich Kahn. Besonders, weil er beim 2:0 den Ball nach einem Fernschuss zu leicht nach vorne prallen lässt, sodass Herrlich nur noch einschieben muss.

Wenig später kommt es zu einer der kuriosesten Szenen der Bundesliga-Historie. Die Stimmung in der BVB-Arena kocht, immer wird der Keeper des Erzfeindes von den schwarz-gelben Rängen her provoziert. "Ich kann mich erinnern, dass der Jürgen Kohler vorher zu mir gesagt hat: 'Pass auf, der Olli lässt sich bei hohen Bällen leicht provozieren. Lauf ruhig ab und zu mal durch, rempele ihn ein bisschen an, damit er die Nerven verliert'", erzählt Herrlich später. Bei einem langen Ball, den Kahn abfängt, prallt er sodann in den Torwart hinein, wenn auch mehr zögerlich und sanft, wie es Herrlichs Gemüt entspricht. Der spätere Welttorhüter antwortet mit seinem ganz eigenen Gemüt, verpasst dem Stürmer erstmal einen saftigen Ellenbogencheck und lässt damit aber mitnichten von ihm ab.

Kahn schnauzt ein paar Worte in Richtung Herrlich, um sich dann auf wenige Zentimeter an dessen Gesicht heranzupirschen. Seine linke Hand greift nach Herrlichs rechter, dann beginnt der FCB-Keeper, an dessen Hals und Wange zu knabbern. Ein zwei kleine Bisse hier, ein großer dort. Herrlich weiß zunächst gar nicht, wie ihm geschieht. Dann wendet er sich angewidert, aber ohne große Gegenreaktion ab. "Der Trainer hat gesagt, wir sollen uns ein wenig am Gegner festbeißen", erklärt Kahn nach der Partie seinen Ausraster. 2010 äußert sich der Weltklasse-Keeper in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" ausführlicher und erklärt die Aktion zu einem ein Ventil, um aufgestauten Druck loszuwerden: "Das war der Höhepunkt meiner Aggressionen, die sich je in mir entladen haben." Darüber hinaus hält Kahn in diesem Clásico auch noch einen Elfmeter und senst mit seinem legendären Kung-Fu-Tritt fast Stephane Chapuisat um. Das Spiel endet dank Toren von Alexander Zickler und Carsten Jancker letztlich 2:2 - der FC Bayern feiert am Ende der Saison mit 15 Punkten Vorsprung die Meisterschaft.

Koller trifft erst das Tor und hütet es dann

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Koller glänzt auch mit Handschuhen.

(Foto: imago/Sammy Minkoff)

Zwölfter Spieltag der Saison 2002/2003. Spitzenreiter FC Bayern empfängt den Tabellenzweiten und Titelverteidiger aus Dortmund. Die Münchner haben sieben ihrer zwölf Spiele gewonnen, der BVB ist sogar noch ungeschlagen. An diesem November-Tag ist es ungemütlich im Olympiastadion, vor allem für die Borussia. Obwohl es Jan Koller hinterher sogar beim "Kicker" in die "Elf des Spieltags" schafft. Allerdings nicht wegen seines Führungstreffers, mit dem der 2,02 Meter große Tscheche sein Team in Führung bringt. Sondern weil er ab der 67. Minute sein gelbes Trikot gegen ein orangefarbenes tauscht. Schuld daran ist Jens Lehmann, der sich nach dem 1:1 durch Roque Santa Cruz in der 62. Minute so sehr über das 1:2 durch Claudio Pizarro (ja, der Claudio Pizarro!) aufregt, dass Schiedsrichter Michael Weiner den BVB-Keeper vom Platz stellt.

Weil der BVB wenige Minuten zuvor sein Wechselkontingent ausgeschöpft hat, steht Trainer Matthias Sammer vor einem Problem. Zumindest so lange, bis Koller sagt: "Ich stelle mich da hinten rein, kein Problem." So erzählte es der Stürmer später einmal, wieso er sich dann Trikot und Handschuhe von Lehmann geben lässt und statt fürs Toreschießen nun fürs Toreverhindern zuständig ist. Das gelingt ihm vorzüglich, Koller bleibt in seiner gesamten Karriere als Bundesliga-Keeper ohne Gegentor. Die Angriffe des FC Bayern stellen ihn dabei allerdings auch nur selten vor ernsthafte Probleme, eine Zusammenfassung der Rest-Spielzeit trüge wohl den Titel "Halbfeldflanken ins Nichts". Wobei dieses "Nichts" die Arme von Koller sind. Denn es mit hohen Bällen zu versuchen, wenn der Gegner gerade seinen größten Spieler zwischen die Pfosten gestellt hat ... nun ja, andere Fußball-Zeiten, die EM mit Lothar Matthäus als 39 Jahre altem Libero der DFB-Elf lag erst zwei Jahre zurück.

So bleibt es beim 2:1, der FC Bayern baut seine Führung in der Tabelle aus, für den BVB ist es die erste Niederlage der Bundesliga-Saison. Doch die Borussia hat Glück, auch die Verfolger patzen. Das waren übrigens der VfL Bochum als Dritter, der VfB Stuttgart als Vierter und der TSV 1860 München als Fünfter. Andere Fußball-Zeiten eben.

Robben braucht nur drei Berührungen für Europas Krone

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Robbens Moment für die Ewigkeit.

(Foto: imago sportfotodienst)

Ein Jahr zuvor verschießt Arjen Robben im Finale Dahoam in der 95. Minute einen Elfmeter gegen den FC Chelsea, der ihn zum König von Europa hätte krönen können. 2013 steht der Niederländer mit dem FC Bayern wieder im Endspiel der Champions League und diesmal wartet der BVB. Im Wembley-Stadion von London gleich Ilkay Gündogan das 1:0 von Mario Mandzukic aus der 60. Minute schnell aus. Alles stellt sich schon auf die Verlängerung ein. Nicht so Bayerns Nummer 10.

Es läuft die 89. Minute - und Robben braucht nur drei winzige Berührungen seines gefürchteten linken Fußes, um ein Messer in alle BVB-Herzen auf dem Planeten zu stoßen. Mit dem Rücken zum Tor macht Franck Ribéry einen langen Pass fest. Mit der Hacke spielt er den Ball auf gut Glück in den Raum hinter sich. Robben stößt genau in diesen hinein und Berührung eins: umkurvt Mats Hummels. Mit Kontakt Nummer zwei lässt der Niederländer Neven Subotic hinter sich und legt sich die Kugel zurecht. Die dritte Berührung ist nicht mal ein Schüsschen, aber der Ball kugelt trotzdem, oder gerade deshalb, an BVB-Keeper Roman Weidenfeller vorbei ins Netz. Robbens linker Fuß krönt ihn schließlich doch noch zum König von Europa.

Als der Fußball schon mal ausfiel

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Oliver Kahn hält das 1:1 und damit die Tabellenführung fest.

(Foto: imago images/Contrast)

Nicht alle Duelle zwischen den zwar bei weitem nicht ewigen, inzwischen aber doch aneinander gewöhnten Rivalen, sind Leckerbissen. Im April 2001 erlebte das Duell vielleicht seinen ästhetischen Tiefpunkt: Elf Gelbe Karten verteilt Schiedsrichter Hartmut Strampe, Bayern-Verteidiger Bixente Lizarazu muss schon nach 35 Minuten mit Gelb-Rot vom Platz, später fliegen Stefan Effenberg und in der 90. Minute auch noch der Dortmunder Evanilson mit glatt Rot. Beim FC Bayern bleiben nur Roque Santa Cruz und Abwehrchef Patrik Andersson ohne Karte.

Dass das Spiel 1:1 ausgeht, ist hinterher eher eine Randnotiz. "Das war eine einzige Katastrophe, eine Werbung für Emotionen, aber nicht für den Fußball", ist Oliver Kahn geschockt von dem Kick, der über weite Strecken in Infights geführt wird - oder in eine offene Straßenschlacht hochbezahlter und eigentlich hochbefähigter Profis ausartet. Behaken sich die Profis nicht, wird diskutiert oder einfach schlecht Fußball gespielt.

Der Schiedsrichter, der vor allem von den Bayern-Verantwortlichen hart angegangen wird, ist auch wenig begeistert: "Die Vielzahl der Gelben Karten entspricht der ganzen Palette der Unsportlichkeiten. Da sollte man sich mal Gedanken über die Einstellung der Spieler machen", verteidigte Strampe das bunte Kartenspiel. "Für mich war es ein anstrengendes Spiel."

Beim FC Bayern sind sie hinterher dennoch nicht unzufrieden: In Unterzahl retten Kahn und Co. das Unentschieden - Fredi Bobic hatte kurz nach der Halbzeit die frühe Bayern-Führung durch Santa Cruz ausgeglichen - über die Zeit und verteidigen damit ihren einen Punkt-Vorsprung an der Tabellenspitze. "Dieses Ergebnis spricht für die Moral der Mannschaft", jubelt Andersson, sein Trainer Ottmar Hitzfeld adelt den wilden Abnutzungskampf in der Endphase sogar zur "bravourösen Vorstellung". Der BVB schafft es trotz einer halben Stunde in doppelter Überzahl nicht, zum Fußball zurückzufinden, statt ruhig und entschlossen zu kombinieren, reibt sich das Team in der Hektik an sich selbst auf.

Den Moment des Spiels hebt sich der an diesem Abend wenig gütige Fußballgott bis ganz zum Schluss auf: In einer der ganz wenigen großen Szenen dieser Treterei zirkelt BVB-Regisseur Tomas Rosicky einen Freistoß über die verbliebenen Münchner hinweg in Richtung Winkel, Kahn schaut dem Ball nur hinterher, der sich an den Innenpfosten dreht, von dort auf die Torlinie prallt - und am Ende in den Armen des verdutzten Torwarts landet. Der Jubel Kahns, heldenhaft angeschienen vom Flutlicht des Westfalenstadions, ist ikonisch. "Das war ein Zeichen dafür, dass der BVB es nicht verdient hatte, dieses Spiel trotz allem zu gewinnen", gibt sich Kahn pathetisch. Einen Monat später ist der FC Bayern zum 17. Mal Deutscher Meister, wenig später hält Kahn zwei Elfmeter im Champions-League-Finale und hebt die Fußball-Verweigerer vom 7. April auf Europas Fußball-Thron.

Quelle: ntv.de