Fußball

Flick-Effekt mit Langzeitfolgen? Der glücklichste FC Bayern seit Heynckes

a5674a27cc62ecc5a3fe791c2463d1cf.jpg

So viel Glück war lange nicht beim FC Bayern.

(Foto: imago images/Chai v.d. Laage)

Drei Spiele, drei Siege, dabei kein Gegentor: Der FC Bayern kommt unter Hansi Flick richtig gut in Form. Dem Trainer gefällt das gut. Was ihm noch gut gefallen würde, sagt er zwar nicht. Deutet es aber an. Robert Lewandowski setzt derweil seine schwarze Serie fort.

In Tottenham haben sie nicht mehr an Mauricio Pochettino geglaubt. Deswegen haben sie sich in der vergangenen Woche von jenem Trainer getrennt, der sie vor fünf Monaten noch sensationell ins Champions-League-Finale gegen den FC Liverpool (0:2) geführt hatte. Dem exzellenten Ruf des Argentiniers hat der Rauswurf keineswegs geschadet und so wundert es auch kaum, dass er in diesen Tagen mit jedem Verein in Verbindung gebracht wird, bei dem die Trainerposition nicht zementiert ist. Auch in Deutschland, wo er ausgerechnet bei den beiden Größten gehandelt wird: Borussia Dortmund und FC Bayern. Beim BVB sahen die Verantwortlichen nach der Blamage gegen den SC Paderborn (3:3) zwar vorerst vom puren "Aktionismus" ab und setzen die Zusammenarbeit mit Lucien Favre fort - dennoch wackelt der Schweizer wie nie zuvor beim ambitionierten Großklub aus dem Ruhrgebiet.

In München haben sie den Trainer-Aktionismus bereits hinter sich, wobei Aktionismus gar nicht das richtige Wort ist. Nach anderthalb aufwühlenden Jahren, in denen der Klub und Niko Kovac trotz Meisterschaft und Pokalsieg nie zusammenwuchsen, beendeten sie das Missverständnis nach Spieltag zehn - nach einem desaströsen 1:5 bei Eintracht Frankfurt. Fortan wurde der erst im Sommer als Co-Trainer verpflichtete nette Hansi Flick in die erste Reihe geschoben. Als Platzhalter für eine womöglich große Lösung sollte er den nervösen Kader erstmal harmonisieren. Das gelang überraschend gut und dominant. Weswegen sein zunächst Zwei-Spiele-Auftrag nach der bayrischen Wiedergeburt gegen Borussia Dortmund höchstinstanzlich bis Weihnachten verlängert wurde.

Fortuna Düsseldorf - FC Bayern 0:4 (0:3)

Tore: 0:1 Pavard (11.), 0:2 Tolisso (27.), 0:3 Gnabry (34.), 0:4 Coutinho (70.)
Fortuna:
Steffen - Matthias Zimmermann, Ayhan, Adams, Gießelmann - Morales, Bodzek - Thommy (87. Thommy), Fink (66. Suttner), Kownacki (79. Sobottka) - Hennings; Trainer: Funkel.
FC Bayern:
Neuer - Pavard, Martinez, Alaba, Davies - Kimmich (76. Goretzka), Tolisso (71. Thiago) - Gnabry (63. Perisic), Thomas Müller, Coutinho - Lewandowski; Trainer: Flick
Schiedsrichter: Willenborg (Osnabrück)
Zuschauer: 53.000 (ausverkauft)

Und dann? Dann kommt Pochettino, der bei Tottenham kurz nach Kovac gefeuert wurde? "Es ist nicht die Zeit, sich über andere Trainer zu unterhalten. Es ist klar, dass Hansi Flick jetzt unser Trainer ist", sagte Hasan Salihamidzic dazu beim Bezahlsender Sky noch vor der Partie des FC Bayern bei Fortuna Düsseldorf. Man wolle sich in der Trainerfrage "nicht unter Druck setzen" lassen, betonte der Sportdirektor. "Wir sind wirklich total entspannt. Ich finde, Hansi Flick macht das sehr, sehr gut, sehr fokussiert." Die Ansage hat weiter Bestand. Ihr Fundament härtet sogar immer mehr aus. Denn auch die Auswärtspartie im Rheinland erledigten die Bayern am Samstag höchst eindrucksvoll. Beim 4:0 gab's für Düsseldorf nullkommanull Hoffnung, dass die Fortuna erneut einen Herbst-Coup gegen den Meister landen könne.

Sogar Coutinho trifft

"Unsere Niederlage war verdient, auch in der Höhe", gestand Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel. "Wir hatten keine Chance, in diesem Spiel etwas mitzunehmen." Zu groß war die Überlegenheit der Gäste aus dem Süden, vor allem in der ersten Halbzeit. Der sehr auffällige Benjamin Pavard (11.), der zuletzt sehr unglückliche Corentin Tolisso und der seit Wochen sehr starke Serge Gnabry (34.) manifestierten früh die Machtverhältnisse. "Mit der ersten Halbzeit sind wir sehr, sehr zufrieden", lobte Flick. "Wir haben genau das umgesetzt, was wir gefordert haben, nämlich den Gegner direkt unter Druck zu setzen, zu zeigen, dass wir hier nichts zulassen und das hat die Mannschaft in der ersten Halbzeit eindrucksvoll gemacht." In der zweiten Halbzeit sah er noch "Luft nach oben". Immerhin traf noch Philippe Coutino (70.), der traurige Brasilianer, der erstmals unter Flick in die erste Elf gerutscht war.

Und nun? "Ich genieße das Hier und Jetzt. So wird es bis Weihnachten sein. Der Verein hat Zeit, und ich versuche einfach, meine Arbeit gut zu machen", erklärte Flick bei Sky. Natürlich könne er sich für die, für seine Zukunft vieles vorstellen, aber: "Wir wissen alle, dass Fußball ein Tagesgeschäft ist. Ich kann nur sagen, dass es mir Spaß macht, mit der Mannschaft zu arbeiten - und sie setzt es hervorragend um." Er spüre Vertrauen und Loyalität. Ein Lob, das er doppelt und dreifach zurückbekam: "Wir fühlen uns wohl, das sieht man auch auf dem Platz. Und ich denke, die Art und Weise und die Ergebnisse sprechen für sich", sagte etwa Thomas Müller. Der Ur-Bayer und der Spieler, der wohl wie kaum ein anderer für die Blitz-Transformation von Kovac-Frust zu Flick-Lust steht.

Begeistert sind aber auch andere. "Wir haben viel mehr Kontrolle als vorher", fand Kapitän Manuel Neuer. "Es macht Spaß, gemeinsam zu verteidigen", berichtete Joshua Kimmich. "Wir laufen mutiger an und gewinnen die Bälle höher." Mehr versteckte Kritik an Kovac geht kaum. Mehr unverstecktes Lob für Flick auch nicht, denn Gnabry antwortete stellvertretend auf die Frage, ob das Team sich einen Verbleib des Interims wünsche, nur: "Korrekt."

Bei Lewandowski klappt's einfach nicht

Einzig Robert Lewandowski hatte an diesem Samstagnachmittag Grund zur Klage. Zum ersten Mal in dieser Saison blieb er nämlich ohne Ligator - und das natürlich in Düsseldorf. Gegen jeden anderen Bundesliga-Klub hat der 31-Jährige bislang schon mal getroffen, nur gegen die Fortuna nicht, obwohl er bereits fünf Bundesliga-Anläufe (davon drei mit dem BVB genommen hat). "Irgendwann musste es ja passieren", sagte der Stürmer zu seinem ersten Saison-Nuller. "Manchmal muss man ein bisschen bremsen, um dann wieder Gas geben zu können." Gebremst wirkte Lewandowski indes nicht, eher sehr auffällig. Und das Tor von Countino bereitete er immerhin vor.

Kurzum: So viel Glück war lange nicht beim FC Bayern. Vielleicht seit Jupp Heynckes nicht. Und bei dem hat sich Flick übrigens eine emotionale Anleihe genommen, das Herzen seiner ausgewechselten Fußballer nämlich: "Ich bin halt so. Ich habe das von meinen Trainern, die ich gehabt habe, wie Jupp. Für mich ist es ganz normal, dass man eine gewisse Empathie hat für die Spieler. Das sind Dinge, die wichtig sind im Fußball, gerade in der heutigen Zeit." Das findet übrigens auch Mauricio Pochettino.

Quelle: ntv.de